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Auf der diesjährigen SightCity (17. bis 19. Mai 2006) waren über 90 Aussteller vertreten. Welche interessanten Produktneuheiten wurden präsentiert? Mit welchen Themen beschäftigte sich das Rahmenprogramm? Mitarbeiter von INCOBS-Informationspool Computerhilfsmittel für Blinde und Sehbehinderte, haben für Sie recherchiert.
Für ausführliche Informationen über Messeneuheiten besuchen Sie den INCOBS-Internetauftritt unter www.incobs.de. Dort sind Interviews mit über 15 Hilfsmittelanbietern zu hören.
Die Marktführer in Deutschland, Freedom Scientific (JAWS) und Audiodata GmbH (Blindows) respektive Baum Retec AG (Virgo), scheinen für das neue Windows Vista bereit zu sein. An ihren Ständen konnte man einen Eindruck davon bekommen, wie Screen¬reader zukünftig mit Windows Vista arbeiten werden. Auf den ersten Blick ändert sich für den blinden Anwender nichts. Es gibt weiterhin einen Desktop, auf dem sich z. B. ein Arbeitsplatz befindet. Auch das klassische Startmenü, an das sich wohl mittlerweile viele gewöhnt haben, kann noch genutzt werden. Alte Programme bekommen einen neuen Namen, z. B. wird Outlook Express zu Windows Mail. Bleibt zu hoffen, dass diese Programme auch mit neuen Features aufwarten, welche für die Screenreader kein Problem darstellen.
Auch wenn sich bis zum Erscheinen des neuen Windows Vista noch einiges tun wird, die Entwickler der marktführenden Screenreader sind wohl hart am Ball. Einzig bei den Screenreadern Hal/Supernova von Dolphin und Window Eyes von GW Micro gab man sich abwartend, was Windows Vista betrifft.
Die Berliner Firma ADnota hat mit ADnota Speaker eine weitere Sprachausgabe für Symbian-Handys auf den Markt gebracht. Durch eine gut verständliche Sprachaus¬gabe, die durch Sprachfilter und Ausnahmewörterbücher optimiert wurde, will ADnota gegenüber den Mitbewerbern punkten. Dagegen können Internetfunktionen wie Mail und Web, welche bei vielen Handys heute zum Standard gehören, derzeit mit ADnota Speaker nicht genutzt werden. Ergänzt wird der Speaker durch ADnota Merker + Guide, einem sprachbasierten Notizbuch mit Terminfunktionen. Der Guide ist ein GPS-basiertes Wegeaufzeichnungs- und -Leitsystem. Vertrieben wird die Software vom VzFB in Hannover. Der Speaker kostet ca. 250 Euro, der Merker + Guide ca. 30 Euro. Der niedrige Preis deutet darauf hin, dass der Guide wohl nicht so viel erwarten lässt wie z. B. das Navigationssystem Trekker, das die Firma Papenmeier seit längerem anbietet.
Active Tactile Control (ATC) ist die neue Technologie, mit der die Firma Handy Tech ihre neuen Zeilen der Modular Evolution-Serie ausgestattet hat. Durch ATC soll die Zeile die Fingerposition des Lesers erkennen und interaktiv auf sein Leseverhalten reagieren können. Die beiden altbewährten langen Navigationstasten findet der Anwender bei den Modular Evolution-Zeilen zwar nach wie vor, er wird sie laut Her¬steller beim fließenden Lesen nicht mehr unbedingt benötigen. Hat man z. B. das Ende einer Zeile erreicht, wechselt das System automatisch auf die nächste Bild¬schirmzeile oder zum nächsten Abschnitt. Die Modular Evolution wird es als 64- und 88-stelliges Brailledisplay geben.
Die vielleicht kleinste Braillezeile der Welt mit den Abmessungen 130 x 81 x 17 mm (B/H/T) könnte das Modell "Conny" der Firma Baum Retec AG sein. Sie verfügt über zwölf Module und eine 6-Punkt-Braille-Eingabetastatur. Mit dieser Tastatur können über Bluetooth oder USB Handys und PDAs bedient werden. Die Zeile passt zwar in eine Hemdentasche - ist aber mit zwölf Modulen ein fließendes Lesen möglich? Das gilt es zu beweisen ...
Auch auf der SightCity 2006 geht der Trend bei den Vergrößerungssystemen für Sehbehinderte wieder in Richtung Mobilität. Kleiner, leichter und dazu noch leis¬tungs¬fähiger sollen die Kamerasysteme sein - egal ob es sich um Hilfen für Beruf und Ausbildung oder um den Privatbereich handelt.
Gleich mehrere Anbieter zeigten Kombi-Kameras für Nah- und Fernsicht zum Anschluss an einen Laptop. Die Stative für die Kameras sind klein oder zusammen¬klappbar, so dass der Transport kein Problem darstellt. Beispiel ist das "topolino PC small" der Firma Reinecker.
Auch Kamerasysteme, die sowohl mit einem PC oder Laptop als auch mit einem einfachen Monitor zu betreiben sind, wurden mehrfach vorgestellt. Dazu gehört "Eyestick" von Optron, der 1,5 kg wiegt und in der Version "Eyestick Pro" auch an einen Fernseher angeschlossen werden kann. Um z. B. Unterricht mitzuschneiden, sind sogar Liveaufnahmen möglich. Noch etwas leichter ist das Kamerasystem "Magnilink S Student Addition" der Firma LVI (erhältlich bei Handy Tech, Flusoft, Hedo und IPD). Das "ClearNote" der Firma Tieman verfügt über eine integrierte Beleuchtung und wiegt als stabiles Stecksystem etwa 2,4 kg. Mit beiden Kamera¬systemen lassen sich Bilder abspeichern und laden.
Noch kleiner als die Raumkamerasysteme für den Laptop fallen die Handkameras aus, die ebenfalls an einen Laptop angeschlossen werden.
Die Firma Bierley, hierzulande z. B. über B&M vertrieben, bietet verschiedene Hand¬kameras im Maus-Format an. Die ColorMouse-USB vergrößert bis zu 24-fach (auf einem 20 Zoll- Monitor) in Vollfarbdarstellung.
Die Handkameras von Steller sind besonders vielfältig einsetzbar. So kann ein und dieselbe Kamera wie eine Maus in der Hand geführt oder auf ein zusammenfaltbares Stativ gesetzt werden. Für den Gebrauch am Arbeitsplatz gibt es außerdem eine stabilere Halterung. Zu den verfügbaren Funktionen gehören Autofokus, Echt- und Fehlfarbdarstellung, bei der HK 5 das Speichern von Bildern und Videosequenzen.
Von sehr überschaubarer Größe ist ebenfalls das OPTi-Kamerasystem von Ash (ver¬trieben von Baum, B&M, Deininger, Handy Tech, Hedo, Marland und Steller). Neben einer mausgroßen Kamera gehört nur noch ein Adapter, nicht viel größer als eine Zigarettenschachtel, dazu. Das Format des Kamerabildes ist vertikal und horizontal verstellbar, Hilfslinien und Bildabdeckungen können eingeblendet, Bilder aufge¬nom¬men und gespeichert werden.
Neben Handkameras, die an den Laptop oder PC angeschlossen werden können, wurden auf der SightCity 2006 erneut elektronische Lupen gezeigt, die bereits ein Display mitbringen. Mit nur 200 g gehört "Looky" von der Firma Rehan sicher zu den kleinsten und leichtesten. Die Darstellung erfolgt auf einem 3,5 Zoll-Monitor in Farbe, Schwarz-Weiß und Weiß-Schwarz. Praktisch: "Looky" wird mit handelsüblichen Batterien oder gleichformatigen Akkus betrieben. Das Display der Maxlupe Mini Plus der Firma Reinecker ist etwa doppelt so schwer wie "Looky", verfügt dafür aber ne¬ben Farb- und Schwarz-Weiß-Darstellung über verschiedene Fehlfarben. Mit einem zusätzlichen Sender kann das Bild kabellos an einen Fernseher übertragen werden.
Wer Wert auf Detaillinformationen legt und das Neueste vom Neusten schon mal in Händen haben und ausprobieren möchte, der wurde wieder bei den meisten Anbie¬tern fündig. Braillefreaks werden wahrscheinlich über die neue ATC-Technologie der Firma Handy Tech kontrovers diskutieren. Diese Technologie war für unseren Mitar¬beiter Carsten Albrecht schon eine kleine Revolution, die das Braillelesen zum Positiven verändern könnte.
Bei den Vergrößerungssystemen für Sehbehinderte stecken Verbesserungen oft im Detail, sind aber für den alltäglichen Gebrauch zum Teil sehr bedeutsam.
Parallel zur Messe gab es dieses Jahr ein umfangreiches Rahmenprogramm mit Podiumsdiskussionen und Vorträgen. Eröffnet wurde das SightCity-Forum mit der Podiumsdiskussion "Wie ist die Versorgungslage der Betroffenen zu verbessern?". In seinem einleitenden Vortrag stellt Dr. Michael Richter vom DVBS fest, dass mit einer Budgeterweiterung der Krankenkassen für den Hilfsmittelbereich nicht zu rechnen sei. So sind zukünftig konstruktive Vorschläge von der Selbsthilfe gefragt, um die vorhandenen Mittel sinnvoll zu verteilen. Richter forderte unter anderem, Gegen¬stände des täglichen Gebrauchs (z. B. einen PC) nicht wie bisher von der Förderung auszuschließen. Zu prüfen sei vielmehr, ob sie im Einzelfall nicht günstiger sind als spezielle Hilfsmittel. Ein großer Flachbildschirm oder ein offenes Lesesystem sind Beispiele.
In der folgenden Diskussion mit Vertretern von Krankenkassen, Augenärzten, Politik und Selbsthilfe schnitt der Moderator Herr Lechtenfeld von Pro Retina vor allem das Thema "Hilfsmittelberatung" an. Benötigen wir mehr Beratungszentren, die anbieter¬neutral über Hilfsmittel informieren und Erprobungsmöglichkeiten bereithalten?
Diese Frage wurde auch am nächsten Tag in der Podiumsdiskussion "Gut versorgt trotz Kostendruck?" gestellt. Ziel sollte es sein, so Moderator Thomas Lilienthal von INCOBS, Qualitätskriterien für eine gelungene Hilfsmittelversorgung zu erarbeiten.
Tatsächlich wurde als ein wichtiges Kriterium die umfassende und neutrale Beratung der Patienten hervorgehoben. Die ersten Anlaufstellen Augenärzte und Optiker sind, besonders wenn es um elektronische Hilfsmittel geht, mit der Beratung überfordert bzw. sie bekommen diese nicht ausreichend vergütet. Hilfsmittelanbieter beraten selbstverständlich nur innerhalb ihres eigenen Produktspektrums. Vertreter der Selbst¬hilfe und der Leistungserbringer waren sich einig, dass eine gute und neutrale Beratung eine Fehlversorgung oder Überversorgung vermeiden kann und so letzt¬endlich hilft, Kosten zu sparen.
Beratungsleistungen müssen allerdings auch ausreichend von den Krankenkassen finanziert werden. Herr Kamps vom Medizinischen Dienst der Spitzenverbände der Krankenkassen gab bekannt, dass zur Zeit eine Überarbeitung des Hilfsmittel¬ver¬zeichnisses im Bereich Produkte für Sehbehinderte und Blinde stattfindet. Hierbei sollen zukünftig auch Selbsthilfeorganisationen und Hilfsmittelhersteller einbezogen werden. Vielleicht ist es auf diesem Weg möglich, den Stellenwert von Dienstleistun¬gen wie Beratung oder Einweisung in den Blickpunkt der Krankenkassen zu lenken.
Eine weitere Podiumsdiskussion beschäftigte sich mit dem Thema "Wege zur beruflichen Teilhabe". Moderiert von Herrn Denninghaus (BBW Soest) und Herrn Dr. Zeißig (BFW Düren), wurde die aktuelle Situation von Blinden und Sehbehinderten auf dem Arbeitsmarkt besprochen. Und diese sieht nicht gut aus: die Einstellungs¬quote geht zurück, auch der öffentliche Dienst stellt immer weniger behinderte Men¬schen ein. Notwendig wäre mehr Aufklärungsarbeit. Insbesondere kleine und mittel¬ständische Unternehmen müssten über finanzielle Unterstützungsmöglichkeiten sowie technische Hilfen und Möglichkeiten für blinde und sehbehinderte Menschen am Arbeitsplatz informiert werden.
Einblick in ihre Arbeit gaben die Selbsthilfeorganisationen DVBS, Blinden- und Seh¬behindertenbund Hessen, Pro Retina, Bund zur Förderung Sehbehinderter und NOAH. Den Abschluss des Rahmenprogramms bildeten am Freitag medizinische Fachvorträge.
Es ist zu hoffen, dass die SightCity auch in den nächsten Jahren ein Forum für Diskussionen und aktuelle Fragestellungen rund um das Thema Hilfsmittel für Blinde und Sehbehinderte bieten wird.
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