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Am Samstag, dem 24. Juni 2006, besuchten Mitglieder der DVBS-Bezirksgruppe Baden das Technikmuseum in Pforzheim. Wir wurden von zwei ehrenamtlichen Mitarbeitern, Frau Chudalla und Herrn Velte, herzlich empfangen und in die Schmuckherstellung eingeführt, wie sie früher betrieben wurde.
Die Schmuckindustrie in Pforzheim wurde Ende des 18. Jahrhunderts von Markgraf Wilhelm von Baden gründet. Er lies damals Waisenkinder des Pforzheimer Waisenhauses in den verschiedensten Berufen der Schmuckindustrie wie Gold- und Silberschmied, Fasser oder Kettenmacher ausbilden. Dadurch hatten diese jungen Menschen eine zukunftsweisende Ausbildung und konnten schnell in die Arbeitswelt integriert werden. So entwickelte sich Pforzheim in ein Zentrum für Schmuck und Uhren und wird noch heute als die Goldstadt bezeichnet.
Als Besuchergruppe konnten wir die verschiedenen Stationen der Schmuckherstellung durchlaufen. Zunächst wird das Rohmaterial geschmolzen, um Platinen und sog. Prügel abzugießen. Die Platinen werden zu dünneren Blechen gewalzt, während aus den Prügeln Drähte gewalzt und gezogen werden. Wir durften selbst unsere Kräfte an den handbetriebenen Walzen messen und uns an den Zugbänken als Drahtzieher betätigen, was uns die Funktionsweise der Vorrichtungen auf beste Weise verständlich machte. Aus den Drähten werden mit sehr komplexen, aber dennoch rein mechanischen Maschinen Ketten gefertigt. Die Kettenmaschine und Geräte zum Aufprägen von Strukturen und Mustern auf die Drähte faszinierten uns besonders. Sie bestehen aus einer Vielzahl von Rädchen, Hebeln, Schneidemessern und Greifern. Für jeden Kettentyp muss eigens eine Maschine konstruiert werden, da die Vorgänge so kompliziert sind, dass eine Umrüstung - wie z.B. bei einer Presse üblich - nicht möglich ist.
Danach zeigte uns Herr Velte an den Fallhämmern, wie aus zwei dünnen Blechteilen preiswerte Hohlware hergestellt wird. Zunächst presst man in den Fallwerken die Form des Schmuckstücks, z.B. eine Brosche. Nach dem Aussägen des Pressteils werden die Hohlräume mit Kitt gefüllt und die Rückseite mit einem weiteren Blechteil verlötet, so dass eine geschlossene Form entsteht.
Nun folgte ein Exkurs in die moderne Herstellung von Massenware mittels Schleuderguss. Dabei wird zunächst aus einem Musterstück eine Gummi-Negativform erstellt, die mit Wachs ausgegossen wird. Dadurch lassen sich beliebig viele Wachskopien des Musterstücks herstellen. Nun werden die Wachsteile an einem Wachsstab befestigt. Dieser sog. Baum wird nun in Steinmehl eingesetzt, das im Ofen ausgehärtet wird. Dabei fließt am Ende das Wachs heraus, wodurch sich wieder eine Negativform ergibt. Diese wird endlich in einer Zentrifuge mit Gold oder Silber ausgegossen. Nachdem das Steinmehl entfernt ist, können die Schmuckteile vom Baum abgetrennt werden.
Nun durften wir am Goldschmiedsbrett Platz nehmen. Jeder Goldschmied sitzt in einer Einbuchtung des Brettes und hat ein sog. Brettfell aus Leder auf dem Schoß, in das der beim Bearbeiten entstehende Staub fällt. Dieser wird gesammelt, damit die wertvollen Edelmetalle zurück gewonnen werden können. Zum Staubwischen wurden übrigens Hasenbeine verwendet, da das Hasenfell sich im Gegensatz zu Bürsten und Pinseln nicht statisch auflädt und der Staub daher optimal ins Brettfell gekehrt werden kann.
Am Ende der Bearbeitungskette steht das Polieren der Schmuckstücke. Dies erledigten die Poliseusen, die während der Arbeit, die sehr schmutzig, staubig und wegen der Maschinen und Abzüge sehr laut war, oft zusammen alte Volkslieder sangen, um sich die Arbeit zu versüßen.
Frau Chudalla zeigte uns zum Schluss, wie Schmuckstücke emailliert werden. Wir konnten deutlich den Unterschied zwischen den rohen Teilen und den mit Emaille überzogenen Stücken ertasten. Emaille ist ja nichts anderes als Glas und glättet die Oberfläche daher sehr. Während uns Herr Velte noch von den harten Arbeitsbedingungen der Goldschmiede erzählte, die oft Fußwege von mehreren Stunden pro Tag auf sich nahmen, um in Pforzheim zu arbeiten, bestand die Möglichkeit, Schmuckstücke einzukaufen. Wir erfuhren, dass früher viele Hundert Arbeiter einem Sternmarsch gleich jeden Morgen nach Pforzheim kamen. Das Geräusch, das ihre genagelten Schuhe auf den Straßen machten, brachte ihnen den Namen "Rassler" ein.
Die Führung durch das Technikmuseum wird uns allen noch lange in sehr guter Erinnerung bleiben. Wir hatten reichlich Zeit und Gelegenheit, alle Maschinen und Werkzeuge ausführlich zu ertasten und wurden sachkundig informiert. Erst diese Kombination macht eine Museumsbesuch für blinde Menschen zum Genuss. Ich möchte mich daher noch einmal recht herzlich im Namen aller Teilnehmer bei Frau Chudalla und Herrn Velte dafür bedanken, dass diese ausgezeichnete Führung möglich wurde. Sie haben unser Interesse an der Schmuckindustrie geweckt und unseren Horizont erweitert.
Kontakt: Technisches Museum der Pforzheimer Schmuck- und Uhrenindustrie,
Bleichstraße 81, 75173 Pforzheim,
Telefon: 07231 392869, Telefax: 07231 26249,
E-Mail: schiera@stadt-pforzheim.de; Internet: http://www.technisches-museum.de
Das Technische Museum ist ein "lebendiges Museum": sämtliche Arbeitstechniken können praktisch vorgeführt werden.
Übrigens:
Zum Thema Museum schreibt Dr. Hans-Eugen Schulze der horus-Redaktion: "Dort etwas nicht berühren zu dürfen, wird von uns als Barriere angesehen." Daher empfiehlt er, Latexhandschuhe mitzunehmen: "Sie sind so dünn, dass wir - von einer feinen Oberflächenstruktur abgesehen - trotzdem alles erkennen können und andererseits keine Spuren auf den betasteten Gegenständen hinterlassen."
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