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Orgel- und Klavierunterricht wurde von den sehenden Klassenlehrern erteilt, die hierfür nicht professionell ausgebildet, aber musikalisch waren. Ein hauptamtlich blinder Musiklehrer unterrichtete nur im Zitherspiel und im Fach Notenschrift.
Mit sieben Jahren fing ich mit dem Klavier an, Zither folgte ein, Orgel weitere zwei Jahre später. Blinde Kinder erfahren von den Größeren sehr schnell, dass die beruflichen Möglichkeiten für unsereinen sehr beschränkt sind. Es nimmt daher nicht Wunder, dass sich schon ein Zehnjähriger erste Gedanken über seine spätere berufliche Existenz macht, was Sehende oft kaum verstehen können. So ahnte ich schon damals, dass ein blinder Musiker nur als Organist eine reelle Chance hatte.
Als meine Eltern, die mit der Kirche nicht viel am Hut hatten, erfuhren, dass ich mit dem Orgelspiel angefangen hatte, waren sie davon zunächst nur mäßig erbaut. Mein Vater konnte sich nicht genugtun, mich jahrelang als "Heldenorganist von Kufstein" mit langem, wallenden Bart aufzuziehen. Mit stoischem Gleichmut ertrug ich das.
Zunächst wurde ich nach Gehör unterrichtet. Als ich schließlich alle Zeichen unserer Notenschrift beherrschte, kaute ich bereits auf Kuhlaus Sonatinen herum. Man mache dieses Experiment einmal mit sehenden Klavierschülern! Richtig souverän mit der Notenschrift zu arbeiten lernte ich erst 1940, als Herr Glas, unser neuer blinder hauptamtlicher Musiklehrer, zu uns kam. Nach erfolgreich abgeschlossenem Hochschulstudium mit Hauptfach Orgel wurde er vom Leben tüchtig durchgeschüttelt. Seine reiche Lebenserfahrung verschaffte ihm bald große Autorität bei seinen Schülern. Er unterrichtete in den Fächern Klavier, Orgel, Musiktheorie, Akkordeon und Zither. Er hatte mich nach zweieinhalb Jahren so gefördert, dass ich die Aufnahmeprüfung der Musikhochschule bestehen konnte. Vor allem in Harmonielehre schnitt ich so gut ab, dass ich gleich mit dem Kontrapunkt beginnen durfte. Ich belegte Orgel und Komposition als Hauptfächer gegen den heftigen Widerstand meiner Mutter, die unbedingt wollte, dass ich noch Klavier als drittes Hauptfach dazu nähme. Sie hatte ja keine Ahnung. Mein Arbeitstag begann früh um 6 und endete abends um 22 Uhr. Die Lebenserfahrung meines Lehrers zählte einfach nicht.
Im Übrigen hat mich Herr Glas menschlich sehr gelockert. Ich war ein sehr verschüchterter Bub. Zu Hause hieß es bis zu meinem zwanzigsten Jahr: "Du redest nur, wenn du gefragt wirst." Ich hatte noch zwei ältere, sehende Brüder. Wenn es um kleinere Dienstleistungen, wie etwa etwas aus dem Nebenzimmer zu holen, oder das Radio leiser zu stellen ging, sprang auch ich beflissen auf, erhielt aber sofort einen mehr oder weniger schroffen Dämpfer. "Das findest du ja doch nicht", oder "Das macht mich ganz nervös".
Als wohlbehütetes Stadtkind wurde ich sieben Jahre lang von den Mitschülern, meist Bauernbuben, gehänselt.
Herr Glas pflegte im Unterricht einen stets gleichbleibend heiteren Umgangston. Rügen, etwa wegen Faulheit, wurden streng sachlich, aber nie brüllend vorgebracht. Langsam aber stetig gewann ich mehr Selbstvertrauen, das aber bald wieder einen Dämpfer bekommen sollte. Durch eine Sondergenehmigung wurde ich vom Abiturnachweis befreit und begann mein Studium als unbedarftes sechzehnjähriges Buberl. Den musikwissenschaftlichen Vorlesungen konnte ich nur bedingt folgen. Auch im Praktischen waren mir meine Kommilitonen haushoch überlegen. Sie spielten durchwegs Sachen, von denen ich nur träumen konnte, waren sie doch alle gestandene Manns- und Weibsbilder, denen gegenüber ich eine absolute Null war. Nur im Kompositionsunterricht konnte ich wirklich mithalten.
Wohnen durfte ich in der Blindenschule, was äußerst hilfreich war. Ich wurde zur Hochschule gebracht und wieder abgeholt. Trotz meiner Situation den Kommilitonen gegenüber war das erste Jahr eine relativ glückliche Zeit für das Knäblein, das ich damals noch war. Die Rosinen in meinem Kopf fingen an, sich prächtig zu vermehren. Obwohl die Realität schon damals ganz anders aussah, träumte ich davon, eine Organistenstelle zu haben, ein Turmzimmer zu bewohnen und den ganzen Bach auswendig zu lernen. Herr Glas hat mir die Rosinen liebevoll aus dem Kopf gespottet.
Im Herbst 1943 wurde die Blindenschule nach Ursberg in Schwaben evakuiert und meine Eltern zogen, um den Bomben auszuweichen, nach Tutzing am Starnberger See. Ich konnte nur jeweils einen Tag der Woche in München sein und musste darin Orgel-, Klavier- und Kompositionsunterricht unterbringen, was Dank des Entgegenkommens meiner Profs möglich wurde. Für alles andere blieb keine Zeit. Sechs Monate später wurde die Hochschule durch Bomben zerstört. Es folgte für mich eine trostlose Zeit bei meinen Eltern. Sie waren so mit ihren eigenen Sorgen beschäftigt, dass sie mir keinerlei geistige Anregung bieten konnten. So zog ich mich wieder ganz in mich zurück.
Im Herbst 1944 konnte ich nach Ursberg ausweichen, wo Herr Glas sich bereit erklärte, mit mir zu arbeiten. Im 10 km entfernten Burtenbach konnte ich erste gottesdienstliche Praxis erwerben, was mir nebenbei ein bisschen Familienanschluss bei den Pfarrersleuten verschaffte.
Nach Kriegsende kam ich auf abenteuerliche Weise wieder nach München, wohin auch meine Eltern inzwischen wieder zurückgekehrt waren. Nun nahm mich Anna Schuh, die Kirchenmusikpäpstin der Gemeinde Solln, unter ihre Fittiche. Unter ihrer strengen Zucht lernte ich wieder arbeiten. Sie gab mir auch erste Kompositionsaufträge. Das Honorar bestand darin, dass die kleinen Kantaten für Chor und Orgel im Bachschen Stil auch aufgeführt wurden. "Herr Schmohl, die menschliche Stimme ist kein Orgelbalg!", keifte sie mich in einer Probe an, worauf ich mit meinem damals schon langen Atem die Stelle mit Bravour hinlegte. "Wenn's der Herr Komponiste kann, müssen wir's schon auch können", steckte sie kleinlaut zurück. Sie gab mir auch Gesangsunterricht. Als erstes Lied sollte ich "Komm, süßer Tod" aus Schemellis Gesangbuch studieren. Da erlahmte mein Fleiß quasi über Nacht.
Der Text war mir denn doch ein zu starker Tobak. Gerade hatte man einige Teilerfolge im Kampf gegen ein allzu bevormundungsfreudiges Elternhaus errungen, es zu einem, wenn auch derzeit einigermaßen verkrachten Musikstudenten gebracht, der aber doch schon aus der Masse der blinden Bürstenmacher herausragte. Man war bereit, sich dem Leben zum Kampf zu stellen. Ich konnte das aber nicht so klar ausdrücken, um meine Maestra zu überzeugen. Eine große Portion Feigheit war wohl auch im Spiel.
In Anna Schuhs Kirchenchor lernte ich Frau E. kennen. Sie übertrug meine Kompositionen nach Diktat in normale Notenschrift, wurde zu meiner mütterlichen Freundin und Muse. Ihr, die durch viel Leid gegangen war, verdanke ich all" das, was ich an Herzensbildung zu Hause nicht bekommen konnte.
Im Februar 1947 nahm die Musikhochschule ihren Betrieb wieder auf, wenn auch unter elenden Umständen. Der praktische Unterricht fand in den Wohnungen der Lehrkräfte, bzw. in Kirchen statt. Für die theoretischen Fächer hatte man eine vom Krieg noch arg mitgenommene Villa gefunden. Die Blindenschule hatte inzwischen auch wieder ihre alten Räume bezogen, und ich durfte gottlob wieder dort wohnen. Ein sehbehinderter Freund übte mit mir die Wege, die ich dann alle entweder zu Fuß mit dem Kurzstock oder per Straßenbahn allein schaffte. An riesigen Schutthaufen und unbebauten Grundstücken vorbei führten mich teils recht abenteuerliche Wege. Schienbeine und Kopf bekamen ihr gehöriges Teil ab. Rummste es, schaute ich gleich nach, ob mir nicht etwa hornartig etwas keimte. Zuvor allerdings musste ich meinen Eltern das Ehrenwort geben, mich nicht allein auf den Straßen Münchens zu bewegen. Ich gab es mit dem festen Vorsatz, es bei nächster Gelegenheit zu brechen.
Mit Beginn des Wintersemesters wurde der Hochschule evangelische Kirchenmusik als weiterer Fachbereich angegliedert. Ich wusste natürlich inzwischen, dass ein Musiker Orgelspiel und Chorleitung gleichermaßen beherrschen musste, wollte er sein Auskommen finden. Der zuständige Prof. erklärte mir allerdings gleich rundheraus: "Im Dirigieren müsste ich mich ja mit Ihnen gesondert beschäftigen, und dazu habe ich keine Zeit." So sang ich in verschiedenen Chören mit und versuchte, deren Leiter zu behorchen. Im Sommer 1948 ging ich ins Examen, das ich mit gut bestand. Für meine Examensfuge erhielt ich sogar ein sehr gut.
In den nächsten 3 Jahren liefen drei Jobs nebeneinander her: Hilfsorganist an der Stephanuskirche, Assistent von Herrn Glas an der Blindenschule und Organist an einem städtischen Friedhof. Dort sollte ich einen anderen Blinden einarbeiten. Der Stelleninhaber an der Stephanuskirche war außerdem Dozent an der Musikhochschule. Er brachte mir die Grundzüge der Schlagtechnik bei und ließ mich auch vor seinem Chor praktizieren. Das war die Grundlage, auf der sich meine Chorarbeit aufbaute. Für heutige Begriffe völlig undenkbar! Es waren drei glückliche Jahre, wenn man von den zahlreichen erfolglosen Bewerbungen absieht. In den Absagen troff es nur so von Gottes Segen, aber zwischen den Zeilen stand mehr oder weniger verblümt, dass man einen Blinden nicht brauchen könne.
Eines Tages erfuhr ich unter der Hand, dass man in Plattling, Niederbayern, einen Kirchenmusiker suchte. Auf meine Bewerbung hin wurde ich sofort eingeladen, mich vorzustellen. Ich wunderte mich zwar, dass kein Probespiel stattfand, fuhr aber trotzdem mit fliegenden Fahnen hin, alleine, versteht sich. Hochwürden entpuppte sich als Mann von wahrhaft lutherischer Gradlinigkeit und als Urbayuware dazu. Sofort fühlte ich mich zu ihm hingezogen. Nachdem ich im Gottesdienst mein Bestes gab, wurden wir auch bald handelseinig. Es stellte sich heraus, dass es sich um keine genehmigte kirchliche Planstelle, sondern um ein Arbeitsverhältnis auf privatdienstlicher Grundlage handelte. Ich war Angestellter der Kirchengemeinde P. mit dem sagenhaften Monatsgehalt von DM 150 ohne Aussicht auf Steigerung. Trotzdem griff ich natürlich zu. War man hier reingerutscht, würde man vielleicht auch weiterrutschen. Außerdem war ich 100 km weiter weg vom Elternhaus mit der Chance, etwas erwachsener zu werden. Vierzehn Tage nach meiner Vorstellung begann mein Dienst. Mein Chef hatte mir bereits ein Zimmer bei einer sehr freundlichen, aus Schlesien vertriebenen Kriegerwitwe besorgt. Mein Freund, der mich schon in München trainiert hatte, reiste eigens an, um mich wieder mit den teils recht beschwerlichen Wegen vertraut zu machen. Vor allem der Weg von meinem Zimmer zum Arbeitsplatz hatte es in sich, musste ich doch ziemlich lange entlang einer Hauptverkehrsstraße am Rande des Straßengrabens gehen. Einmal ließ ein vorbeikommender Laster seine Starktonhupe ertönen, was mich vor Schreck fast in den Straßengraben fallen ließ. Ich wurde zu einem recht sicheren Verkehrsteilnehmer, fand den Weg vom Arbeitsplatz zum Bahnhof, Gasthaus, Bäcker, Metzger, Schule und Sparkasse.
Auch in den zur Pfarrei gehörenden Außenort 0., wo ich wöchentlich eine Choralsingstunde in der Schule zu halten hatte, konnte ich mit dem Zug allein gelangen. Auf dem Weg vom Bahnhof zur Schule spielte ich unfreiwilliger Weise mit Pferdeäpfeln Fußball. Oft begegneten mir Schweine- oder Gänseherden und ich drückte mich ängstlich an Zäune.
Apropos Choralsingstunden: In allen acht Klassen der evangelischen Bekenntnisschule musste ich eine Wochenstunde halten. Zwar waren die Klassenlehrer dabei und achteten auf Disziplin. Trotzdem war es für mich einigermaßen fürchterlich, ohne jegliche Vorbildung vor eine Klasse hintreten zu müssen. Die armen Lehrkräfte tun mir noch heute leid, denn ich mag so manchen pädagogischen Quatsch veranstaltet haben.
Um mein Salär aufzubessern, gab ich Klavier-, Zither- und Akkordeonstunden, das Stück für DM 2! Mit dem Chor konnte man nur einfache vierstimmige Choralsätze erarbeiten. P. war nach dem Krieg eine große Diasporagemeinde mit acht Predigtstationen geworden. Jeden Sonntag hatte ich fünf Gottesdienste und immer die gleiche Predigt.
In P. wurde ich mit dem ganzen Vertriebenenelend konfrontiert und lernte sowohl den Standpunkt der Einheimischen wie den der Vertriebenen kennen, was mir später noch sehr hilfreich werden sollte.
Drei Monate nach Stellenantritt in P. übernahm mein Chef die Pfarrstelle in Sonthofen, Allgäu. Sein Nachfolger eröffnete mir sehr bald nach seinem Aufzug, ich säße auf einem Ast, der am Abknacken sei. Die Kirchenvorstände hätten erklärt, der Vorgänger hätte mich ihnen übergestülpt. Feine Aussichten!!
Zum Glück zog mein früherer Chef mich nach S. nach, wo ich weitere sechs Jahre lang als hauptamtlicher Kirchenmusiker mit nebenamtlichem Gehalt fungierte. Die Wege waren jetzt kürzer und einfacher. Ich war inzwischen sehr viel beweglicher geworden. Als ich das erste Mal allein mit meinem "hülzernen Auge" von meiner Junggesellenbude zum Pfarrhaus marschierte, rief mir der im Garten spielende vierjährige Pfarrersbub zu: "Gell, Herr Schmohl, jetzt bist nimmer so blind!" Wahrlich, er hatte es erfasst.
Auch hier musste ich wieder Schule halten. Diese Last verfolgte mich noch weitere zwanzig Jahre meiner Dienstzeit. In S. fand ich einen recht guten Frauenchor vor, der später zu einem gemischten Chor erweitert werden konnte. Aufführungen kleinerer geistlicher Konzerte und Kantaten wurden möglich. Das Notenmaterial, das ich vorfand, war allerdings mehr als bescheiden. Es bestand überwiegend aus vergilbten Handschriften, noch dazu mit Texten in altdeutscher Schrift, die schon damals von vielen jungen Leuten nur noch mühsam entziffert werden konnten. Einen Notenetat gab es nicht. So gebot mir schon der reine Selbsterhaltungstrieb, auf eigene Kosten drei verschiedene Chorhefte in je zehn Exemplaren anzuschaffen und in Punktschrift übertragen zu lassen. Und das bei einem Monatsgehalt von DM 225 und ohne Blindengeld! Das mache mir heute mal einer nach!!!
In S. lernte ich meine sehende Frau kennen. Sie ist eine Vollblutmusikerin, die leider durch Krieg und Vertreibung daran gehindert wurde, Musik zu studieren. Sie hat unter ihrer Vertreibung sehr gelitten und wurde hernach viel im Leben herumgestoßen. Sie war übrigens Lehrerin. Durch meine Erfahrungen in P. war ich bestens auf die Begegnung mit ihr vorbereitet und konnte ihr verstehend und hilfreich zur Seite stehen. Für sie war meine Blindheit überhaupt kein Thema, hatten wir doch beide unsere Last zu tragen. Durch sie durfte ich erfahren, was Liebe ist. Auf eine Ausschreibung im Liljeschen Sonntagsblatt hin bewarb ich mich um die hauptamtliche Kantorenstelle an St. Jakob in Gernsbach und wurde, oh Wunder, zum Probespiel eingeladen. 18 Bewerber gab es, fünf in engerer Wahl, und ich wurde genommen. Endlich eine hauptamtliche Stelle mit hauptamtlichem Gehalt. Am 1.5.1959 fing ich also in Gernsbach an. Ich hatte eine dreimanualige Orgel und einen guten Chor. Dank einer großzügigen Regelung konnte ich für die Außengemeinden Organisten heranbilden und nach und nach eine rege Unterrichtstätigkeit entfalten. Als ich 1986 in den Ruhestand ging, galt ich im Gäu als Organistenmacher. In zwei Fällen waren nacheinander Vater und Sohn meine Schüler. Es gelang mir, als Organist einen guten Namen zu erwerben und auch einige Bachkantaten aufzuführen. Ich besetzte allerdings die Streicherstimmen nur einfach.
In S. hatte ich schon ein Blechblasinstrument spielen gelernt und leitete auch den Posaunenchor. Allerdings gab es in meinem Berufsleben auch so manche Krise, die mich nahe ans Scheitern brachte. Des Öfteren spielte ich mit dem Gedanken, Drucker oder Korrektor in Hannover, oder gar Telefonist zu werden. Einmal, als es besonders dick kam, besann ich mich gerade noch rechtzeitig darauf, dass ich ja auch einmal Komposition studiert hatte. So fing ich an, meinem Chor seine Musik quasi auf den Leib zu schneidern und wusste mich dabei in bester alter Kantorentradition.
Es entstanden Kantaten, Motetten und Choral- und Volksliedsätze verschiedener Art. Mein Chor hat diese Sachen mit Freude aufgenommen und gern gesungen. Unter meinen Sätzen waren auch viele für Chor und Gemeinde, was sehr gut ankam. Eine Anzahl meiner Bläsersätze wurde auch gedruckt. Für eine Bläsersonatine erhielt ich sogar einen Preis.
Über ein gelungenes Experiment möchte ich noch berichten. Ich wollte, dass mein Chor auch mal etwas auswendig singen konnte. Also baute ich Sätze in ganz verschiedener Machart. "Zubiterzeln und Aufisexteln" war angesagt. Es entstanden Sätze, die man in fünf Minuten auswendig erarbeiten konnte. Sie wurden immer wieder wiederholt. Manchmal bekamen die Chormitglieder kurzfristig zum Erinnern die Noten in die Hand. Bei manchem Altstadtfest haben wir mit diesen auswendig gesungenen Sätzen geglänzt.
Wir veranstalteten auch immer wieder mit der Gemeinde Hausmusikabende, bei denen Chor, Bläser, meine Klavierschüler und die Gemeinde mitwirkten. Sätze für Chor und Gemeinde sowie Kantoreisätze haben sich dabei bestens bewährt.
Meine Frau war mir eine unentbehrliche Stütze in meinem Beruf. Sie übertrug meine zahlreichen Kompositionen nach Diktat in normale Notenschrift, fertigte Partituren und Stimmen an, diktierte mir kleinere Werke und sang auch einige Solopartien in Konzerten. Des Weiteren übernahm sie Continuo- und obligate Orgel- und Cembaloparts und leitete lange Jahre hindurch den Kinderchor. Sie übernahm auch die Assistenz bei den ungeliebten Schulstunden. Von ihr habe ich manch anregende Kritik empfangen. Auch hier hat mich die Praxis vieles gelehrt. Während ich am Anfang nur paukte, wurde jetzt erst der ganze Text besprochen, anschließend mit dem ersten Vers die Melodie geübt. Dann ließ ich die Bücher schließen. Die Kinder konnten ihn auswendig. Nun gab ich drei Minuten Zeit zum Auswendiglernen eines weiteren Verses. "Lies und sprich langsam, lerne nach dem Sinn und nicht nach dem Reim", gab ich als Parole aus. Die Bücher wurden geschlossen und der Vers auswendig gesungen. Spicken war uninteressant, weil keine Kontrolle stattfand. Das lästige und langweilige Aufsagen konnte so vermieden werden.
1986 wurden wir in allen Ehren verabschiedet. Bis zuletzt waren wir aktiv. Wir veranstalteten ein Abschiedskonzert, bei dem sich jedes Chormitglied etwas aus unserem Repertoire wünschen durfte. Außerdem gestalteten wir das musikalische Programm für den letzten Gemeindeabend.
Nach meiner Pensionierung begann der glücklichste Abschnitt meines Lebens. Wir wuchsen zu einem gut aufeinander eingespielten Klavierduo zusammen und veranstalteten öffentliche Konzerte mit neun verschiedenen Programmen. Mein Klavierspiel war zunächst, der beruflichen Notwendigkeiten halber, einigermaßen hölzern. Meine Frau nannte mich "Drisch mich von Hammershausen". Sie war und blieb die bessere Pianistin und übernahm daher stets den Primopart. Ich habe aber viel hinzugelernt. Erst jetzt erlebte ich das ungeheuer befreiende Gefühl, dass Musizieren auch Spaß machen kann. Alles Lampenfieber war völlig von mir abgefallen. Jedem Stück schickte ich einige einführende Worte voraus, was das Ganze sehr lockerte.
Unsere Tochter lebt als freie Dolmetscherin und Übersetzerin in Chile, was uns veranlasste, fleißig spanisch zu lernen. Neun Reisen nach Lateinamerika haben wir unternommen, wobei unsere Tochter eine ideale Reiseführerin war. Durch sie lernten wir Land und Leute kennen und waren Gast bei Arm und Reich. Als Fazit haben wir eine gewaltige Horizonterweiterung erfahren.
Nun müssen wir anfangen loszulassen. Ein Wirbelsäulenleiden macht es meiner Frau unmöglich, länger als eine halbe Stunde Klavier zu spielen. Zu unserer Freude können wir aber noch musizieren. Das Wörtlein n o c h steht am Anfang all unserer Tage.
Was ist nun das Fazit? Meine musikalische Begabung war nur mittelmäßig. Als Sehender wäre ich ganz bestimmt nie Musiker geworden. "Talent ist Fleiß" muss daher als Motto über meinem Leben stehen. Meine Dirigierbewegungen waren sicher zeitweise recht hölzern. Außer einem mehr oder weniger präzisen Taktschlag konnte ich mit meinen Händen nicht viel ausdrücken. Das konnte ich aber durch gründliches Einstudieren ziemlich wettmachen. "Es kommt darauf an, ihren Willen dem Chor deutlich zu machen", sagte uns der Leiter eines Chorleiterseminars. Das ist mir, je länger je besser, trotz und alledem gelungen.
Eine Krankenschwester auf der Augenstation einer großen Klinik fragte mich einmal, ob für einen Blinden ein erfülltes Leben überhaupt möglich sei. Ich war hell entsetzt über so viel Unwissenheit bei einer Person, die doch schon von Berufswegen mit Menschen umgehen muss, die vielleicht eben mit der Tatsache konfrontiert wurden, dass sie ihr Leben lang blind sein werden. Auf mein Angebot, einen Vortrag zu halten, wurde leider nicht eingegangen. Ich für meine Person darf jedenfalls mit großer Dankbarkeit auf ein reiches und erfülltes Leben zurückblicken.
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