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Alois Büchl: Tacet! - Dr. Annelise Liebe ist am 25. Dezember 2006 verstorben

Vier Tage vor Ihrem 95. Geburtstag ist die Musikwissenschaftlerin Frau Dr. Annelise Liebe in Berlin verstorben. Wir alle, die wir uns doch insgeheim ein langes Leben wünschen, mögen sie jetzt um diese Biographie, die fast ein Jahrhundert ausfüllte, beneiden; bewundern  aber müssen wir, wie Frau Liebe den einmal eingeschlagenen Lebensweg, auf dem sich ihr Hindernisse und desillusionierende Begegnungen in unerwünschter Fülle entgegenstellten, beispielhaft zu Ende gegangen ist. Dass unsere Gesellschaft trotz ihrer Aufgeklärtheit und Liberalität dort an ihre atavistisch bedingten Grenzen stößt, wo ein behindertes Mitglied sich in ihr exponieren will, hat Frau Liebe so deutlich erfahren, dass ihr gelegentlich geäußerter Wunsch, sich nicht noch einmal in gleicher Weise durchsetzen und bewähren zu müssen, nur Verständnis erwecken konnte.

"Die meisten Blinden sind sanft, freundlich, heiter, mitteilend", schrieb der Musikschriftsteller Friedrich Rochlitz (1) 1824 und bestätigte damit das überzeitlich gültige Wunschbild der normalsinnigen Gesellschaft. Wer diese Erwartungen nicht erfüllte, wurde zu jeder Zeit ein Opfer rücksichtslos offener oder auch perfid sublimer Ausgrenzungsmechanismen. Eine solche, ausschließlich schicksalsbedingte, Zurücksetzung innerhalb ihres Berufes musste auch Frau Dr. Annelise Liebe erfahren. Keinem vollsinnigen promovierten und habilitierten Akademiker hätte man zumuten dürfen, was ihr Behörden- und Kollegenignoranz ohne weiteres aufbürden konnte. Frau Dr. Liebe war bereits sechzig Jahre alt, als sie endlich zur Universitätsoberrätin ernannt und gleichzeitig ins Beamtenverhältnis auf Lebenszeit übernommen wurde. Zu verdanken war diese Beförderung am Ende einer jahrzehntelangen Berufstätigkeit lediglich dem couragierten Auftreten des damaligen Vertrauensmannes der Behinderten, der die Freie Universität Berlin, Frau Dr. Liebes Arbeitgeber, mit der kategorischen Forderung konfrontierte: "Entweder feste Beamtenstelle oder Gericht."

Die Kollegen, mit denen Frau Dr. Liebe - zunächst an der Humboldt-Universität in Ostberlin und dann an der Freien Universität im Westteil der Stadt - zusammenarbeitete, begegneten ihr in der Regel reserviert, vor allem die jeweiligen Vorgesetzten. Eine rühmliche Ausnahme war hier freilich Prof. Walther Vetter, ab Juli 1946 Ordinarius für Musikwissenschaft an der Humboldt-Universität und damit für ein gutes Dezennium Frau Dr. Liebes Chef. "Er kam, er sah, ich siegte", so umriss die immer humorvolle Berlinerin die entscheidende Begegnung mit dem honorigen Mann. Sonst aber habe sie "manche Kröte schlucken müssen", bekannte die dennoch nie verbitterte, geistig agile, menschlich äußerst gewinnende Dame beim Blick auf ihren Lebensweg, der noch in der Kaiserzeit begann, als Annelise Liebe als drittes Kind und damit als Nesthäkchen am 29. Dezember 1911 in eine Kaufmannsfamilie in Halle hineingeboren wurde. Sehr früh wird eine Sehschwäche festgestellt, die nicht behandelt werden kann und in der Pubertät zur völligen Erblindung führt. Der schulische Bildungsgang wäre vorgezeichnet gewesen, hätte es nicht vor allem den mutig-visionären Vater Liebe gegeben, der darauf bestand, seine Tochter integriert beschulen zu lassen. Der Erfolg, ein makelloser Durchlauf von der Grundschule bis zur Reifeprüfung, hätte ihn mit Stolz erfüllt, doch leider verstarb er bereits 1920 und ließ die Familie in materieller Kargheit zurück, die durch die inflationäre Entwicklung der Wirtschaft noch beträchtlich gesteigert werden sollte. Nun konnte und musste sich eine Einstellung bewähren, die nicht in fatalistischer Fügsamkeit, sondern in mutiger Schicksalsbewältigung den geheimen Lebensauftrag erkannte. Wie hätte das junge blinde Mädchen sonst leisten können, was noch im biographischen Resümee respektgebietend vor uns steht, aber in der schulischen Praxis damaliger vortechnischer Tage der Elevin immer wieder als schier unbezwingbares Hindernis erschienen sein wird. Nur mit äußerster Alltagsdisziplin und höchster Lernkonzentration konnte unter solchen Voraussetzungen auch ein gescheiter Kopf die Anforderungen eines Schulsystems bewältigen, das auf gut Preußisch nicht viel Federlesens mit denen machte, die, warum auch immer, nicht zu bestehen vermochten.

Nach dem Pennal wartete das Studium, und wäre der ursprüngliche Berufswunsch Annelise Liebes in Erfüllung gegangen, dürften wir uns heute einer Blindenpädagogin erinnern. Vorgeschobene bürokratische Bedenken vereitelten jedoch die Realisierung ihrer beruflichen Absichten bereits in der Wurzel. Das eigentlich Unerträgliche an einer schweren Behinderung ist nicht das primäre Schicksal selber, sondern es sind die aus ihm resultierenden sozialpsychologischen Folgen, und es ist nur gut, dass der junge Mensch in der Regel widerstandskräftig genug ist, um nicht von Anfang an an diesen inhumanen Gegebenheiten zu zerschellen. Auch Annelise Liebe ließ sich nicht entmutigen, sondern begann nun Musikwissenschaft und Philosophie zu studieren. Sie promovierte mit einer Arbeit über die Ästhetik Wilhelm Diltheys, die ihr allerdings keineswegs den Start in eine angemessene akademische oder außeruniversitäre Laufbahn ermöglichte. Stattdessen hatte die junge Wissenschaftlerin keine andere Wahl, als sich um eine freiberufliche Tätigkeit zu bemühen. Eine Stelle im Lektorat von Breitkopf & Härtel konnte sie aus verlagsinternen Gründen nicht antreten. Schließlich gelang es ihr, zum Deutschen Nachrichtenbüro vermittelt zu werden. Von dort erhielt sie Aufträge für Konzertkritiken und Buchrezensionen.

Das Inferno des Kriegsendes bedeutete auch für Annelise Liebe, wieder beim Nullpunkt anfangen zu müssen. Dass sie 1946 eine Anstellung an der Humboldt-Universität erhielt, wenngleich zunächst nur als Mitarbeiterin der Quästur, war entscheidend dem damaligen Verwaltungsdirektor des Instituts zu verdanken, der in seiner bodenständigen Natur, die der ehemalige Handwerker ins Amt mitgebracht hatte, jenes Einfühlungsvermögen bewies, das die liebenswerte Liebe bei der Arroganz ihrer blasierten akademischen Kollegen mehrheitlich so schmerzlich vermissen musste. Von dem raren Glücksfall andererseits, der ihr in Walter Vetters Person begegnete, war bereits einleitend die Rede. Als Assistentin des Ordinarius war Frau Dr. Liebe für die bibliographische Erfassung der musikwissenschaftlichen Literatur verantwortlich. Zusätzlich übernahm sie eine umfassende Beratung der Studienanfänger. 1952 erhielt sie dann endlich ihren ersten Lehrauftrag. Kurz zuvor war die Mutter gestorben, so dass sich in die Genugtuung über den beruflichen Fortschritt die Wermutsbitternis darüber mischte, die Freude über diesen Erfolg nicht mehr mit der Person teilen zu können, die zusammen mit der älteren Schwester Ilse, ihrer lebenslangen Betreuerin, den bedeutendsten Anteil an der persönlichen Entwicklung und dem beruflichen Fortkommen Frau Dr. Liebes hatte. Weil Vetter nicht gerne über die Musik des Mittelalters las, war ihm die Einsatzbereitschaft seiner Assistentin um so willkommener. Unter seiner Ägide begann Frau Dr. Liebe schließlich auch noch, an ihrer Habilitationsschrift zu arbeiten, die als Studie unter dem Titel "Die Leistung der deutschen Sprache zur Wesensbestimmung des Tons - Historisch-systematische Untersuchung zur Toneigenschaftsbezeichnung" vorgelegt wurde. Als sie schließlich noch den obligatorischen Habilitationsvortrag gehalten hatte, der sich mit dem Problem der Abgrenzung der musikalischen Romantik beschäftigte, durfte sich die Gelehrte am 3. Dezember 1958 endlich offiziell bestätigen lassen, für die Unterrichtstätigkeit an einer Universität geeignet zu sein. Nach Vetters Emeritierung schien es für die marxistisch ausgerichtete Fakultät ein Leichtes zu sein, sich der Westberliner Kollegin, die in den Augen der Dogmatiker politisch unzuverlässig war, zu entledigen. Das eingeleitete "Mobbing", wie man heute die Drangsalierungen nennen würde, war aber zunächst sogar kontraproduktiv, denn Frau Dr. Liebes Position festigte sich sogar. Nach der Errichtung der Mauer jedoch wurde ihr der Boden an ihrer Ostberliner Arbeitsstelle wirklich zu heiß. Gestützt auf die Tatsache, dass die Kollegin allabendlich ihre Arbeitsunterlagen nach Westberlin mitnahm, wollte man wegen eines "Vergehens am Volkseigentum" ein Tribunal gegen die Missliebige inszenieren. Gewarnt durch eine solidarische Hilfskraft, verließ die Inkriminierte nach 15-jähriger Tätigkeit von einem Tag zum anderen ihren Arbeitsplatz.

Nach einem freiberuflichen Intermezzo, in dem im Auftrag der Deutschen Forschungsgemeinschaft eine Studie über "Goethes Klang- und Tonvorstellungen" entstand, lehrte Frau Dr. Liebe an der Freien Universität in Westberlin. Dass auch diese Periode, die am 31. März 1977 mit der Versetzung in den Ruhestand endete, durch die kaltsinnige Indifferenz der Vorgesetzten und die versorgungsrechtliche Nachlässigkeit der Universitätsverwaltung Zurücksetzungen und Demütigungen brachte, ist einleitend bereits angeklungen.

Der Ruhestand war kein vollkommener, denn auch in ihm ist Frau Dr. Liebe noch sehr lange tätig gewesen. Erwähnt seien an dieser Stelle nur ihre langjährige Mitarbeit beim Mitteldeutschen Kulturrat, ihre Rezensionstätigkeit für die internationale Kulturzeitschrift "German Studies" und ihre Essays für den Rundfunk. Zu besonderem Dank sind wir, die Leser der "Musikrundschau", ihr für die niveauvolle redaktionelle Betreuung der Zeitschrift verpflichtet, die ihr von 1980 bis in das Jahr 1993 hinein oblag.

Außerhalb der beruflichen Sphäre fand Frau Dr. Liebe in der Blindenverbandsarbeit eine umfassende Betätigung, die sie sachkundig und mit großer emotionaler Hingabe ausfüllte. So leitete Sie von 1974-1985 die Bezirksgruppe Berlin im DVBS und gehörte während der Jahre 1979-1988 als Beisitzerin zum Vereinsvorstand. Die Fachgruppe "Ruhestand" wurde von ihr initiiert und ist unter ihrer agilen Führung (1988-1994) zu einem starken Spross innerhalb der vielfältigen Interessensgruppen des Vereins herangereift.

Für ihre langjährige, vorbildliche ehrenamtliche Arbeit im Blindenwesen erhielt Frau Dr. Liebe 1994 als erste Frau die Carl-Strehl-Plakette, die vom DVBS und der Deutschen Blindenstudienanstalt gemeinsam für herausragende Verdienste im Blindenwesen verliehen wird. Und schließlich wurde sie in Anerkennung ihres Lebenswerkes im Mai 2001 mit dem Bundesverdienstkreuz am Bande ausgezeichnet.

Wir verneigen uns im Augenblick des endgültigen Abschiedes vor einer Frau, die sich als blinde Akademikerin bewährt hat - in einer harten Welt, die sich einen Behinderten in herausragender Stellung  nicht vorstellen wollte, ein humanes Defizit, das heute noch längst nicht behoben ist. Deshalb brauchen wir auch Persönlichkeiten vom Schlage Frau Dr. Liebes nach wie vor: Menschen, die nicht aufgeben, sondern in beispielhafter Charakterstärke zeigen wollen, dass  Behinderte nicht mit rücksichtsloser Selbstverständlichkeit zum Sozialfall diskreditiert werden dürfen und dass wir selbst durch Niederlagen keinen Gesichtsverlust erleiden müssen. Durch diese unwandelbare Treue zum eigenen Wesen ist Frau Dr. Liebe alt, sehr alt geworden und hat ohne spürbare didaktische Absicht das Leistungsbewusstsein und das hieraus resultierende positive Lebensgefühl blinder Menschen in drei Generationen segensreich beeinflusst.

Wer der Hochbetagten begegnen durfte, traf stets auf eine humorvoll-ironische Dame, die die Welt trotz ihrer Narrheiten und das Leben trotz der vielen zugemuteten Abstriche bedingungslos geliebt hat. Ein "taedium vitae", von Goethe als die eigentliche Alterskrankheit diagnostiziert, scheint sie nicht gekannt zu haben. Eine Erklärung hierfür finden wir auch in der großartigen Lebensleistung ihrer Schwester Ilse, die in beispielhafter Symbiose mit Frau Dr. Liebe verbunden geblieben ist. Möge der trauernden Hinterbliebenen, der wir uns tröstend an die Seite stellen, Stärkung aus der hohen Wertschätzung erwachsen, die wir für die Heimgegangene stets empfinden werden. Für den römischen Philosophen Seneca war ein erfülltes Leben nicht notwendig ein biographisch langes, aber dessen ausschließliche Bewertung nach dem Gehalt seiner geistigen und seelischen Fülle darf nun auch unsere Kollegin und Freundin in die Ewigkeit begleiten: "Wir müssen unsere Sorge nicht darauf richten, lange zu leben, sondern darauf, dass wir genug gelebt haben. Das Leben ist lang, wenn es Fülle umschließt."

Anmerkung

1) Friedrich Rochlitz: "Über blinde Musiker", erschienen 1824. Gekürzt wiedergegeben bei Hans Joachim Moser: "Blinde Musiker aus sieben Jahrhunderten". Verlag Hans Sikorsky, Hamburg, 1956. S. 75 ff., hier S. 76.

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