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Uwe Boysen: Besuch des Bundespräsidenten

Horst Köhler ist ein mutiger Mann. Immerhin hat er sich im Jahre 2006 zweimal geweigert, von Bundestag und Bundesrat verabschiedete Gesetze zu unterschreiben. So viel Mut bedurfte es nicht, als der Bundespräsident am 1. Dezember zusammen mit seiner Gattin und dem Hessischen Ministerpräsidenten Roland Koch, ebenfalls begleitet von seiner Ehefrau, die Deutsche Blindenstudienanstalt (blista) und gleichzeitig den DVBS besuchte. Köhler hatte noch einen weiteren Vorteil: Er kannte die blista bereits, war seine Tochter hier doch über mehrere Jahre zur Schule gegangen und hatte in Marburg auch ihr Abitur gemacht.


Angespannter als der Herr Bundespräsident waren sicherlich seine Gastgeber. Man hat nicht jeden Tag den ersten Mann im Staate zu Gast. Doch - um das Wesentliche vorwegzunehmen - alles klappte sehr gut. Die Autokarawane kam pünktlich am Schuleingang in der Gabelsberger Straße an und auch die Begrüßung verlief protokollarisch einwandfrei. Dann durften wir unsere Gäste in die Turnhalle begleiten, wo sich Schülerinnen und Schüler und viele Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der blista und des DVBS zur Begrüßung versammelt hatten. Nach einer kurzen Einleitung durch den Vorsitzenden des Vereins Deutsche Blindenstudienanstalt, Jürgen Hertlein, ergriff der Bundespräsident das Wort. Er hielt keine Marburger Grundsatzrede zur Blindenbildung. Aber das hatten wir auch nicht erwartet. Dafür gab er den jungen Menschen, die ihm zuhörten, Mutmacher mit auf den Weg. Zwei Aussagen sind mir besonders im Gedächtnis geblieben. Zum einen forderte er dazu auf, bei der Berufswahl nicht nach einem Negativprinzip vorzugehen, sondern den Weg zu wählen, zu dem man Lust hat, auch wenn er vielleicht nicht in ausgetretenen Bahnen verläuft. Dass eine solche Entscheidung nicht leicht ist, räumte Köhler sofort ein. Gleichwohl hielt er sie für die Richtige, und da kann ich ihm nur zustimmen. Die zweite Aussage freut uns, die auf staatliche Unterstützung angewiesen sind. Der Bundespräsident bekannte sich uneingeschränkt zur Notwendigkeit von Nachteilsausgleichen für blinde und sehbehinderte Menschen. Es bleibt zu hoffen, dass diese Worte überall im Lande das gebührende Gehör finden, auch dann, wenn es wieder einmal um die Streichung solcher Leistungen gehen sollte.


Anschließend war das Blitzlichtgewitter, das den Besuch bis dahin begleitet hatte, für einige Zeit vorbei. Die Delegation begab sich in den Bielschowsky-Konferenzraum der blista, wo ein ca. 45-minütiges Gespräch zwischen den Besuchern und Schülern und Studierenden sowie je zwei Repräsentanten von blista und DVBS und etwa 20 Zuhörenden stattfand. Dieses Gespräch kreiste maßgeblich um die Frage der integrierten oder segregierten Beschulung, wobei es über die hier erforderliche Wahlfreiheit eigentlich keine nennenswerten Differenzen gab. Wirklich politische Themen kamen dadurch ein wenig zu kurz, ohne dass man das irgendjemandem aus der Gesprächsrunde vorwerfen könnte.


Dann führten wir den Bundespräsidenten in den Speisesaal, wo an Thementischen Mitarbeiter/innen, Schüler/innen, Erzieher/innen und andere von den beiden Einrichtungen eingeladene Gäste zum Gespräch bereit standen. Viel habe ich von diesen Unterhaltungen nicht mitbekommen, da es mehr unsere Aufgabe war, die Gäste zu geleiten. Aber so viel lässt sich doch sagen: Die Stimmung war gut, und man hatte den Eindruck dass der erste Mann im Staate stets das richtige Wort für seine Gesprächspartner fand.


Ein unverhofftes Highlight des Besuches gab es noch auf dem Weg zurück zu den Dienstwagen. Vor der blista hatten sich etwa 100 Studenten postiert, die gegen die in Hessen eingeführten Studiengebühren protestieren und mit dem Bundespräsidenten darüber sprechen wollten. Eine Delegation von ihnen war dann auch durchgelassen worden und verwickelte das Staatsoberhaupt in ein Gespräch über Bildung und deren Kosten. Ich war beeindruckt, mit welcher Ruhe und Konzentration Horst Köhler sich die Argumente der Studenten anhörte und auf sie reagierte; nicht von oben herab als der Mann, der alles besser weiß, sondern nachdenklich und offen, ohne dabei die eigene Linie zu verlieren oder den Demonstranten nach dem Munde zu reden. Mehrfach drängten die Wächter des Protokolls zum Aufbruch, ohne Erfolg; denn der Präsident erklärte knapp: "Ich möchte noch weiter mit den Studenten sprechen." Nach zehn Minuten war dann aber auch dieser letzte Akt des "Staatsbesuchs" vorbei und der kleine Autokorso verließ das Gelände Am Schlag.


Für mich sind es die Rede in der Turnhalle und die zuletzt geschilderte Begegnung, die mir besonders in Erinnerung bleiben werden. Sie haben mir gezeigt, dass Horst Köhler, auch wenn ich eine Reihe seiner politischen Einschätzungen nicht teile, jemand ist, der offen für andere Auffassungen ist und sein Amt als Mittler zwischen verschiedenen Standpunkten ernst nimmt. Und was will man von einem Bundespräsidenten mehr!

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