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Ein goldener Oktober am Ostseestrand ließ bei den 44 Teilnehmerinnen und Teilnehmern an unserem Seminar vom 16. bis 23. Oktober 2006 erst gar keine trübsinnige Stimmung aufkommen. Wieder konnten wir dank der Förderung und Unterstützung durch das Bundesministerium für Familien, Senioren, Frauen und Jugend (BMFSFJ) sowie der Blindenstiftung Berlin ein dichtes abwechslungsreiches Programm absolvieren. Das Themenspektrum reichte von der Akzeptanz und Bewältigung eines erst im Laufe des Lebens erlittenen Sehverlustes, über nonverbale Kommunikation, bewusste Bewegung und Entspannung, chronische Schmerzen bis hin zu Möglichkeiten der Weiterbildung im Alter oder das neue Allgemeine Gleichbehandlungsgesetz.
Den Auftakt bildete Peter Paul, ein Pantomime aus Münster, mit seinen Ausführungen zur nonverbalen Kommunikation. Ausgangspunkt war für ihn die These, dass Körpersprache Ausdruck von Gefühlen ist, die durch Gestik, Mimik und Haltung zum Ausdruck kommen. Viele Körperbewegungen sind uns daher auch angeboren. Manche Bewegungen und Körperhaltungen geschehen unbewusst, aber sagen gleichwohl etwas über unsere Haltung aus, z. B. die linke Hand in die Hosentasche stecken, wenn man jemandem gegenüber tritt, drückt aus, dass man seine Gefühle verbergen will. Das Fassen an die Nase wiederum drückt Skepsis und Zweifel aus. Eine harmonische Körpersprache ist stimmig mit dem verbalen Austausch. Man kann dementsprechend die Körpersprache auch sehr bewusst einsetzen. Zu bedenken ist aber auch, dass gleiche Körperhaltungen oder Ausdrucksformen in unterschiedlichen Kulturkreisen gegensätzliche Aussagen signalisieren.
Zwar verstand es der Referent, uns recht kurzweilig und amüsant die Aussagen und den Einsatz verschiedenster Körperhaltungen und -bewegungen zu analysieren und zu verdeutlichen, aber am Ende blieb die eigentliche Frage offen, wie wir als Blinde oder Sehbehinderte diese nonverbale Körpersprache an unserem Gegenüber wahrnehmen, sein Interesse oder Desinteresse an einer Kommunikation mit uns erkennen können.
Im letzten Referat unseres Seminarprogramms wurden die Ausführungen zur nonverbalen Kommunikation ergänzt durch Gedanken und praktische Übungen zu Stimme und Sprache. Herr Christoph Dennoix, Musikpädagoge und Sprecherzieher, war aus Ulm zu uns gekommen. An den Anfang seiner Ausführungen stellte er die Thesen, dass wir einerseits unserer Wahrnehmung immer misstrauen, und dass andererseits die Stimme immer stimmt. Anknüpfend an die fernöstliche Weisheit der Einheit von Körper, Geist und Seele wandte er sich in seinen zentralen Ausführungen den phänomenologisch pädagogischen Ansätzen Heinrich Jakobis zu. So ist auch die Stimme Teil und Ausdruck des Ganzen, sie lässt sich nicht auf das Stimmorgan reduzieren. In dieser Hinsicht ergänzen sich Stimme und nonverbale Kommunikation. Anhand verschiedener Begriffe, ihren Bedeutungen in verschiedenen Sprachen und ihren Sinnzusammenhängen veranschaulichte er diese ganzheitliche Sichtweise. So liegt z. B. dem Begriff Person das Lateinische sonare und personare - klingen, durchklingen - und ebenso das Englische sound - Klang, gesund - zugrunde. Ähnliches gilt für die Silbe "voi" im Französischen, die Weg, Stimme und Schau bedeuten kann.
Ebenso wie in nonverbalen Gesten kommen auch in der Stimme unterschiedliche körperlich-geistig-seelische Verfasstheiten einer Person zum Ausdruck. Der Reformpädagoge Heinrich Jakobi hat diese Phänomene schon im Jahre 1945 beschrieben: "Auch bei vorhandenen Störungen stimmt die Stimme, denn sie klingt so, wie es durch die vorhandenen Störungen bedingt ist ... Je mehr man bei sich ist, je mehr man aus der Gepresstheit und Irritiertheit der üblichen Alltagsverhaltensqualität herauskommt, desto dunkler wird der Stimmcharakter … Je unfreier und affektiver Menschen sind, desto höher ist gewöhnlich auch ihre Stimmlage. Je gelassener sie sind, gleichgültig ob Mann oder Frau, desto dunkler klingen sie gewöhnlich." Wenn sich jemand verstellen will, klingt seine Stimme verhalten. "Unsere Art zu klingen, ist immer Ausdruck unserer Gesamtsituation." Anders als ein Instrument, das auf einen genormten Klang gestimmt wird, kann der Mensch seine Stimme stimmen, umstimmen, verstimmen, ohne sie an einem Idealklang auszurichten. "Die Stimme, d. h. unsere Art zu klingen, ist ein Symptom für etwas aus unserem Gesamtzustand."
Die Ausführungen zur verbalen und nonverbalen Kommunikation wurden durch Referate und praktische Übungen zur bewussten Bewegung und zur Psychomotorik ergänzt und vertieft. Herr Dr. jur. Fr. Höfer, Vizepräsident des Deutschen Feldenkraisverbandes, referierte zunächst über den Begründer dieser Entspannungs- und Bewegungsmethode, Moshé Feldenkrais (1904 - 1984) und seine Persönlichkeit. Geboren in der Ukraine wanderte er mit 14 Jahren nach Palästina aus und erlernte Judo. 1928 ging er mit glänzendem Schulabschluss nach Paris und studierte Physik, Mechanik, Mathematik, Maschinenbau und Elektrotechnik. Als erster Europäer erwarb er 1935 den Schwarzen Gürtel, die höchste Auszeichnung im Judo-Kampfsport. Die Idee dieser Sportart ist es, mit einem Minimum an Energie eine maximale Wirksamkeit zu erreichen. Aufgrund der Verschlechterung einer alten Knieverletzung, ans Bett gefesselt, begann er mit der Bewegungsfunktion seines Knies zu experimentieren, wobei er seine Kenntnisse in Mechanik und Physik einsetzte. Er beschäftigt sich daraufhin mit Neurophysiologie. 1972 erschien sein Hauptwerk "Bewusstheit durch Bewegung".
Bei der Feldenkraismethode unterscheidet man zwei Arten, zum einen die Arbeit mit Gruppen. Die Teilnehmer liegen primär am Boden, weil man so nicht mit der Schwerkraft arbeiten muss. Im Stehen ist das Gleichgewicht sehr viel labiler. Schlüsselwort der Methode ist das Spüren, was geschieht in meinem Körper, wenn ich mich bewege. Nur wenn ich aufmerksam, neugierig bin, kann ich wahrnehmen, was in meinem Körper passiert.
Bei allen unseren Bewegungen geht es darum, zu spüren, ob und mit welcher Anspannung und Verspannung ich eine Bewegung ausführe. Im Laufe der Zeit haben wir uns bestimmte Muster von Bewegungen unserer Hände, Füße, Beine etc. angeeignet. Die Frage ist, ob wir diese Muster beibehalten wollen oder neue lernen wollen, auch indem wir uns die ursprünglichen Muster bewusster machen. Das Schlüsselwort der Feldenkraismethode "Bewusstheit durch Bewegung" ist sehr weit zu fassen, nicht nur ausladende Bewegungen des Körpers, der Extremitäten sind gemeint, auch der Augenaufschlag oder die Atmung ist schon eine Bewegung, die ich mir genau bewusst machen kann. Nicht die Anstrengung bei einer Bewegung ist entscheidend, sondern die Aufmerksamkeit, eine Bewegung langsam mit einem minimalen Energieaufwand bewusst auszuführen. Daraus folgt ein weiteres Prinzip, die Bewegung darf nicht wehtun. Man darf eine Bewegung nicht gegen einen Schmerz ausführen, sondern die Schmerzgrenze bewusst wahrnehmen. Es gibt in der Feldenkraismethode auch keine richtigen oder falschen Bewegungen, sondern es geht darum, die Qualität einer Bewegung zu spüren, sich bewusst zu machen, sie geschmeidiger, effektiver, einfühlsamer auszuführen. Ergänzt wurden diese Ausführungen durch eine Vielzahl kleinerer Übungen im Sitzen und Stehen. Am Nachmittag fand sich eine kleinere Gruppe von Interessenten zusammen, um die theoretischen Ausführungen vom Vormittag durch praktische Übungen am Boden auszuprobieren und zu vertiefen.
Ebenfalls durch praktische Übungen geprägt war die Veranstaltung am Freitagvormittag. Frau Dr. S. Bernard, die schon vor einigen Jahren in einem Seminar ihre Adaption eines Gedächtnistrainings vorgestellt hatte (der Kurs kann auf Kassette erworben werden; vgl. a. ADW Nr. 5531: Sonja Bernard: Entwicklung und Evaluation eines Gedächtnistrainings für blinde Senioren), gab uns eine Einführung in die Psychomotorik. Dieser Vormittag war natürlich stark geprägt von praktischen Übungen im Sitzen, Stehen und mit Kreisübungen, wobei es nicht nur um körperliche Bewegung ging, sondern zugleich das Konzentrationsvermögen und das Gedächtnis gefordert und trainiert wurden.
Chronische Schmerzen, gerade im Alter, sind ein viel diskutiertes Thema. Dr. A. Heinze, leitender Oberarzt an der neurologisch-verhaltensmedizinischen Schmerzklinik Kiel, erläuterte in seinem Referat Ursachen und Wirkungen sowie Therapiemöglichkeiten chronischer Schmerzen. Ausgehend von den physiologischen Schmerzen erläuterte er zunächst, wie dieser Schmerz wahrgenommen wird, von den Schmerzrezeptoren über periphere Nerven und das Rückenmark bis hinauf ins Hirn. Schmerzrezeptoren sind unterschiedlich dicht auf der Haut verteilt, besonders dicht z. B. in den Fingerspitzen. Auch an inneren Organen finden sich Rezeptoren, die auf physiologische Schmerzen reagieren. Anders hingegen Organe wie Knochen, Leber oder Hirn. Dort finden sich Schmerzrezeptoren nur auf der Oberfläche, d. h. der Knochenhaut oder Hirnhaut. Neben dem physiologischen ist der pathologische Schmerz zu nennen, der beispielsweise durch Berührung ausgelöst wird. Durch Entzündungen werden Schmerzrezeptoren überempfindlich und reagieren entsprechend bei Berührung. Eine dritte Art sind die neuropathischen Schmerzen, die direkt am Nerv ausgelöst ein Schmerzempfinden im Hirn hervorrufen und den Schmerz dort lokalisieren, wo er empfunden wird, nicht aber an seinem eigentlichen Ausgangspunkt. Beispiele hierfür sind der Stoß am Ellenbogen, während der Schmerz im kleinen Finger empfunden wird oder ein Bandscheibenvorfall, der Schmerz aber scheint vom Bein herzukommen. Ein klassisches Beispiel für einen pathologischen Schmerz ist die Trigeminusneuralgie. Der Schmerz wird dort wahrgenommen, wo die Nervenwurzel herkommt und nicht da, wo der Schmerz entsteht. Ähnlich verhält es sich mit dem Phantomschmerz.
Nun ist aber auch möglich, dass zwar die Schmerzrezeptoren eine Schmerzursache registrieren, auch noch die Nervenbahnen in Ordnung sind, dass sich aber das Schmerzempfinden im Rückenmark bis hinauf zum Hirn verliert, weil der Betreffende sich schon früh antrainiert hat, keinen Schmerz zu empfinden. Es gibt andererseits Personen, die überhaupt keinen Schmerz unterdrücken können. Jeder schmerzhafte Reiz wird ungefiltert an das Gehirn weitergeleitet. Hierzu gehören Patienten mit einer Fibromyalgie oder einem chronischen Spannungskopfschmerz. Kommt es aufgrund dauerhafter gleichförmiger Bewegungen, z. B. Arbeiten am PC, zu Verspannungen im Schulterbereich, so kann man sich daran durch weitere Anspannung gewöhnen, bis man den Schmerz nicht mehr spürt, obwohl er noch vorhanden ist. Sind im Stammhirn genügend Botenstoffe wie Seratonin und Noadrenalin vorhanden, können Schmerzempfindungen eine Zeit lang unterdrückt werden, bis nicht mehr genügend Botenstoffe produziert werden. Dann tritt der Schmerz erneut auf und verbreitet sich im ganzen Körper oder im Kopf. Äußere Behandlungen wie Massagen und dergleichen helfen nicht mehr. Mit Hilfe von trizyklischen Antidepressiva wird der Abbau der Botenstoffe verlangsamt. Der Wiederaufbau des Schmerzfiltersystems im Hirn kann ein länger dauernder Prozess sein.
Eine weitere Schmerzvariante ergibt sich aus der Tatsache, dass verschiedene Nervenstränge an bestimmten Hirnarealen zusammenkommen und dann ein Schmerz an einer Stelle im Körper signalisiert wird, an der ein Schmerz besonders häufig auftritt. Bei einem Herzinfarkt kann es daher zu Schmerzempfindungen im linken Arm oder im Schulterbereich kommen. Trifft eine Schmerzinformation im Thalamus auf, könnte es zu Schmerzempfindungen im gesamten Körper kommen. Das Hirn entscheidet sich für das Körperareal, in dem am häufigsten Schmerzempfindungen auftreten, die Hand. Neben diesen übergreifenden Schmerzen muss auch noch das Schmerzempfinden bei verschiedenen Personen und in verschiedenen Kulturen unterschieden werden. Ein weiteres Unterscheidungskriterium sind psychogene Schmerzen, d. h. eingebildete, auf Wahnvorstellungen beruhende Schmerzen, bei denen es zu Affekthandlungen kommen kann.
Neben diesen Körpererfahrungen aus den verschiedensten Perspektiven, bei denen immer auch die Trias Körper-Geist-Seele eine Rolle spielte, stand auf der Agenda unseres Seminars das Thema "Depressionen bei Blinden und Sehbehinderten im Alter". Nach den Ausführungen des Referenten, Diplom-Psychologe Andreas Ludolph, kann man keinen prinzipiellen Unterschied zwischen psychischen Störungen bei jüngeren und älteren Personen feststellen. Ebenso habe er in der Literatur keinen Hinweis darauf gefunden, dass bei Menschen mit Sehverlust psychische Störungen häufiger auftreten als bei anderen Personengruppen.
Bei den Ursachen von depressiven Störungen müsse man sich fragen, ob eine längerfristige Stimmungsschwankung genetisch bedingt oder auf Umweltfaktoren zurückführbar ist. In familialen Kontexten häufiger treten nur bestimmte Untergruppen von depressiven Störungen auf, wie bipolare Störungen, besser bekannt unter dem Begriff manische Depressionen. Bei der Entwicklung von Psychopharmaka hat man festgestellt, dass bei depressiven Erkrankungen bestimmte Botenstoffe, so genannte Neurotransmitter, in zu geringem Maße vorhanden sind. Es handelt sich hierbei um Seratonin. Dementsprechend versucht man, diesen Mangel mit Antidepressiva abzubauen.
Wichtiger bei depressiven Störungen sind jedoch Umweltfaktoren. Sigmund Freud hat bei seinen Forschungen festgestellt, dass frühe Kindheitserfahrungen eine wichtige Bedeutung bei der Entwicklung psychischer Prozesse im weiteren Lebensverlauf zu haben scheinen. Vernachlässigung, fehlende menschliche Wärme, soziale Kontakte oder Zuwendung in der Jugend können sich auch noch im Alter auswirken sowie die Erfahrung von Verlusten, z. B. der Tod eines Partners. Die Amerikaner Brown und Harris (1987/89) haben herausgefunden, dass in den letzten zwölf Monaten, insbesondere in den letzten drei Monaten vor einer Manifestierung einer depressiven Erkrankung, oftmals mehrere kritische Lebensereignisse (life events) stattgefunden haben. Als weitere Vulnerabilitätsfaktoren wurden dabei fehlende vertrauensvolle Partnerschaften, Rollenkonflikte und hohe Verpflichtungen herausgefunden. Kritisch zu letzterem ist anzumerken, dass z. B. viele Menschen mit Behinderung im Laufe ihres Lebens, speziell ihres Berufslebens, hohe Verpflichtungen eingegangen sind, sich aber selbst kompensatorisch durch ihr Selbstwertgefühl und Selbstvertrauen geschützt haben. Altersspezifisch kann zuweilen der Verlust von Verpflichtungen, etwa infolge Verrentung, zu Depressionen führen. Hinzukommen im Alter Faktoren wie die wirtschaftliche Lage, erhöhtes Krankheitsrisiko, Multimorbidität, Kosten für Medikamente u. ä. Bei Sehverlust im Alter kommt natürlich der oft lang anhaltende Schmerz über den Sehverlust, die Akzeptanz und Bewältigung des Sehverlustes, die Erfahrung der Leistungseinschränkungen bei der Bewältigung des Alltags hinzu, wobei zu berücksichtigen ist, dass Schmerz und Trauer auch ein Stück Normalität des Lebens sind.
Welche diagnostischen Möglichkeiten gibt es, um zu erkennen, wann eine momentane Verstimmung in eine Stimmungslage übergeht, in der Hilfe und Konsultation durch einen Arzt erforderlich wird? Ein erster Schritt ist die Selbsterkenntnis, dass man bei sich selber eine länger dauernde schlechte Stimmungslage beobachtet. Hierzu kann man sich ein persönliches Stimmungsbarometer anlegen, das man mit dem schönsten, glücklichsten und dem negativsten Erlebnis im Leben nach oben und unten begrenzt, denn eine objektive Messskala gibt es ohnehin nicht. Kommt man bei einer Selbsteinschätzung über einen Zeitraum von mindestens zwei Wochen nicht über die unteren Skalenwerte hinaus, ist also dauerhaft in einer schlechten Stimmungslage, so ist dies ein Anzeichen für eine Depression.
Kennzeichnend für eine depressive Person ist ihre Interesselosigkeit, Freudlosigkeit, verminderter Antrieb, rasche Ermüdung, die Bewältigung der alltäglichen Dinge fällt schwer. Des Weiteren unterscheidet man zwischen leichten, mittleren und schweren depressiven Störungen, selten sind rezitivierende depressive Störungen. Weitere Symptome depressiver Störungen sind verminderte Konzentrationsfähigkeit und Aufmerksamkeit, vermindertes Selbstwertgefühl, Selbstvertrauen, Schuldgefühle, Gefühle von Wertlosigkeit, ferner eine negative, pessimistische Zukunftsperspektive. Genannt werden müssen in diesem Zusammenhang auch Schlafstörungen, wobei diese auch unabhängig von einer depressiven Störung nicht selten bei Blinden vorkommen.
An therapeutischen Maßnahmen sind neben klinischen Aufenthalten medikamentöse Behandlungen zu nennen. Wegen teilweise starker Nebenwirkungen vermeidet man heute nach Möglichkeit die Verschreibung von trizyklischen Antidepressiva. Erfolgreich bewährt haben sich in den letzten Jahren wegen nur geringer Nebenwirkungen die Seratonin-Wiederaufnahme-Hemmer oder SSRI-Präparate. Auch in der psychotherapeutischen Behandlung hat es in den letzten Jahren erhebliche Wandlungen gegeben. Die drei wichtigsten Verfahren sind zum einen die Psychoanalyse, ein sehr intensives, zeitaufwendiges Verfahren. Daneben gibt es ein tiefenpsychologisch fundiertes Verfahren, das quasi eine "abgespeckte" Psychoanalyse bedeutet. Als drittes ist die kognitive Verhaltenstherapie zu nennen. In mehreren Evaluationsstudien, auch im Vergleich mit Medikamentationsstudien, konnte nachgewiesen werden, dass sie langfristig am erfolgreichsten ist. Begründet ist der Erfolg darin, dass die Patienten bei dieser Therapieform etwas lernen. Sie lernen, ihre Depressivität zu beobachten und ganz individuell zu messen (Stimmungsbarometer), wie man aus einer Depression herauskommt, welche Möglichkeiten, welche Ressourcen man selber hat, um aus einer Depression herauszukommen. Gleichwohl ist es in Einzelfällen sinnvoll, sowohl eine kognitive Verhaltenstherapie als auch Medikamente einzusetzen, da es durchaus additive Wirkungen gibt.
In einer anderen Abendveranstaltung haben wir uns mit einem Thema und einer Frage beschäftigt, die in der Literatur und der wissenschaftlichen Analyse noch kaum einen Niederschlag gefunden hat: wie können wir als Blinde und Sehbehinderte einem hilfs- und pflegebedürftigen Partner oder Angehörigen helfen, was ist möglich, wo liegen Grenzen eines solchen Engagements? Als Referentin für dieses heikle Thema konnten wir Frau Sabine Lüttken von der RES in Marburg gewinnen. Frau Lüttken ist dort seit mehreren Jahren als Reha-Lehrerin tätig, nachdem sie zunächst den Beruf der Krankenpflegerin erlernt und ausgeübt hatte.
Zum Problem der Unterstützung blinder bzw. sehbehinderter Pflegender bei der Betreuung und Pflege hilfsbedürftiger Partner oder Angehöriger erschien erstmals im vergangenen Jahr im Rahmen einer Diplomarbeit eine Veröffentlichung. Um sich diesem Problem überhaupt zu nähern, muss man drei Aspekte beleuchten: die Pflegeperson, die Pflegetätigkeit und die zu pflegende bzw. zu betreuende Person. Juristisch ist es grundsätzlich möglich, dass eine blinde Person einen Partner oder Angehörigen pflegen darf, wenn dieser es ausdrücklich wünscht, aber auch dann, wenn der Wille nur noch vermutet werden kann. Voraussetzung natürlich ist, dass dies nach bestem Wissen und Gewissen geschieht. Das Spektrum pflegerischer Tätigkeiten ist breit und vielfältig, von der Zubereitung eines Getränks bis zur Umbettung und Lagerung gibt es eine Fülle von Möglichkeiten. Wichtig ist immer, ob die Pflegeperson diese Tätigkeiten auch ausüben will und sie sich zutraut. Dies gilt unabhängig von einer Behinderung der Pflegeperson. Zu prüfen ist, ob und wo man Anleitung und Beratung zur Pflege erhalten kann. Eine generelle Aussage, welche Pflegetätigkeiten es gibt und wie man sie ausführen kann, kann nicht gemacht werden. Hierzu sind die individuellen Umstände der Pflegeperson und der zu pflegenden Person zu berücksichtigen. Es können auf beiden Seiten zusätzliche Einschränkungen vorliegen, die die Ausführung bestimmter Pflegetätigkeiten unmöglich machen oder erheblich einschränken. Außerdem bedacht werden muss, dass sich durch die Pflege die Pflegesituation verändert, der zu pflegenden Person geht es besser oder schlechter. Soll oder muss ich eine geschulte Fachkraft hinzuziehen?
Wie auch die Diskussion gezeigt hat, fehlt es in diesem Bereich gänzlich an Beratung - auch fernmündlich - und Vernetzung kompetenter Ansprechpartner und ambulanter Hilfen, insbesondere in akuten Situationen. Mehr noch wurde in der Diskussion die geradezu erschreckende Unkenntnis medizinischer Fachleute und Einrichtungen hervorgehoben, wenn es darum geht, einen Patienten nach einem Sehverlust kompetent zu beraten und zu helfen.
In ihrem Schlussresümee betonte die Referentin noch einmal, dass es bei aller Hilfsbereitschaft darauf ankomme, die Grenzen der persönlichen Belastbarkeit und Belastung zu erkennen, wahrzunehmen und zu akzeptieren, um den Pflegebedürftigen nicht zu gefährden.
In einer Podiumsdiskussion berichteten drei Seminarteilnehmer/innen, die erst im Laufe ihres Lebens erblindeten bzw. einen mehr oder weniger größeren Sehverlust erlitten hatten, über ihre persönliche Auseinandersetzung und Akzeptanz, über ihre Bewältigung und -strategien im Umgang mit ihrer Behinderung. Erst im Alter von 78 Jahren erfuhr Frau Pschyrembel, dass sie eine altersabhängige Makuladegeneration, kurz AMD, habe. Frau Dr. Fischer-Thunemeyer sah sich als 51-Jährige aufgrund einer rasch fortschreitenden Sehbehinderung gezwungen, ihre gynäkologische Praxis aufzugeben und vorzeitig in den Ruhestand zu gehen. Herr Dr. Meister erblindete mit 38 Jahren innerhalb eines halben Jahres aufgrund einer Retinopathia pigmentosa (RP), konnte aber dennoch seinen Beruf bis zur Verrentung weiter ausüben.
In weiteren Seminarthemen beschäftigten wir uns mit dem nunmehr endlich in Kraft getretenen Antidiskriminierungsgesetz, das jetzt unter der Bezeichnung Allgemeines Gleichbehandlungsgesetz firmiert. Der Beitrag von Herrn Dr. Otto Hauck wurde im horus Nr. 5/2006, S. 670 ff., bereits veröffentlicht. Herr Dr. Johannes-Jürgen Meister hatte es übernommen, über "Weiterbildung und Weiterbildungsmöglichkeiten für ältere blinde und sehbehinderte Menschen" zu referieren. Auch dieser Beitrag wird gesondert veröffentlicht.
Wie alljährlich, so wurde unser umfangreiches Programm durch zwei Ausflüge ergänzt. Der eine führte uns nach Ratzeburg zum Besuch des dortigen Ernst Barlach Museums und des romanischen Doms, der andere in das neu renovierte Schloss Eutin. Neu in unserem Programm war eine kleine Soiree vor dem Abendessen, die in diesem Jahr Herr Dr. Hans Heinz Herpers gestaltete unter dem Titel "Walzer in der Musikliteratur".
Ebenfalls im Rahmen unseres Seminars fand die diesjährige Mitgliederversammlung der Fachgruppe Ruhestand statt. Karsten Warnke berichtete aus der Arbeit des Vorstandes und des Vereins. Ein weiterer Schwerpunkt war die Neuwahl des Leitungsteams der Gruppe. Karin Schubert, Jürgen Fischer und Dr. Joh.-Jürgen Meister wurden in ihren Ämtern bestätigt, neu in das Leitungsteam gewählt wurde Herr Dr. Hans Heinz Herpers.
Unser nächstes Seminar findet vom 29. September bis 6. Oktober 2007 im Aura-Hotel Saulgrub statt.
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