horus

Startseite > horus & Broschüren > 2/2007

horus & Broschüren

Suche

Suchen Sie in horus aktuell, unserem Newsletter, und horus online, unserer Vereinszeitschrift:

Suchbegriff:

Suchen in:


Julia Heuß: Outdoor-Training für blinde und sehbehinderte Auszubildende der blista

Im September nahmen fünf Auszubildende der Ausbildung zum/zur Informatikkaufmann/-frau der blista erstmals an einer beruflichen Bildungsmaßnahme zwischen Kletterseilen, Wiesen und Bäumen teil und lernten dabei einiges über Teamarbeit und Projektmanagement.


Durch die vielfältigen Veränderungen, denen Industrie-, Wirtschafts- und Dienstleistungsunternehmen heutzutage ausgesetzt sind, veränderte sich auch das Anforderungsprofil an deren Mitarbeiter. Neben Fachqualifikationen sind nun auch so genannte Softskills (Selbst-, Sozial- und Methodenkompetenz) entscheidend für den beruflichen Erfolg. Seit den 70er Jahren wird deshalb neben verschiedensten Seminaren auch das Outdoor-Training mit steigender Beliebtheit als unkonventionelle, aber Erfolg versprechende Methode zur Förderung solcher Softskills in der beruflichen (Weiter) Bildung eingesetzt. Bisher sind Bildungsmaßnahmen dieser Art allerdings nur für sehende Arbeitnehmer bekannt. Da jedoch auch blinde und sehbehinderte Mitarbeiter von den Umgestaltungen betroffen sind und den neuen Anforderungen genügen müssen, ist es verwunderlich, dass das Outdoor-Training für diese Zielgruppe scheinbar noch nicht entdeckt wurde.


Im Rahmen meiner Diplomarbeit habe ich ein Outdoor-Training für blinde und sehbehinderte Auszubildende konzipiert, durchgeführt und auf dessen Durchführbarkeit und Wirksamkeit hin untersucht. Die Idee dazu entstand beim Klettern mit einem blinden Studienfreund.


Bei meinem Vorhaben bekam ich große Unterstützung von der Ausbildungsstelle zum/zur Informatikkaufmann/-frau der blista und so ließen sich eine Auszubildendengruppe im zweiten Lehrjahr, aber auch deren Ausbilder/innen auf das ihnen unbekannte Abenteuer "Outdoor-Training" ein.


Ein Outdoor-Training versteht sich als handlungsorientierte Methode, die in der Regel im Freien stattfindet, häufig die Natur als Lernfeld verwendet und als Weiterentwicklung der Erlebnispädagogik für die berufliche Bildung angesehen werden kann. Vorrangiges Ziel ist die Förderung betrieblich relevanter Schlüsselqualifikationen im Bereich der Selbst-, Sozial- und Methodenkompetenz der teilnehmenden Mitarbeiter sowie die Verstärkung funktionaler Verhaltensweisen im Sinne des Unternehmens, das das Training in Auftrag gibt. Dazu begeben sich die Teilnehmer meist für ein bis drei Tage in ungewohnte natürliche Umgebungen, um dort fern ab vom beruflichen Alltag für eben diesen wichtige Erfahrungen zu sammeln.


Für ein Outdoor-Training gibt es keine festgelegten Programme, vielmehr werden für gute Trainings maßgeschneiderte Programme erstellt, die auf die Mitarbeiter und deren Bedürfnisse gezielt eingehen.


Je nach Teilnehmerkreis und Unternehmen können hier andere Zielsetzungen relevant sein, die es im Vorfeld abzuklären gilt. Auf Basis dieser Ziele und unter Beachtung der Konstitution der Zielgruppe wird dann ein individuelles Paket aus verschiedenen Aktivitäten geschnürt. Dabei können in den jeweiligen Trainings verschiedene Natursportarten, künstliche Anlagen (wie z.B. Hoch- bzw. Niedrigseilgärten), pädagogische Handlungsformen sowie eine ganze Palette an Vertrauensübungen, Initiativübungen und Problemlöseaufgaben zum Einsatz kommen.


Im Vergleich zu vielen "Indoor-Seminaren", bei denen Begriffe wie Teamarbeit, Projektmanagement, Verantwortung und Vertrauen eher theoretisch bearbeitet werden, besteht durch Outdoor-Trainings die Möglichkeit, diese erleb-, begreif- und erfahrbar zu machen. Den Teilnehmern werden dazu Lernarrangements zur Verfügung gestellt, die mitunter psychische, physische oder soziale Grenzerfahrungen und Herausforderungen bedeuten, bei denen aber auch die Konsequenzen des individuellen Handelns direkt spürbar sind. So schlägt sich z.B. die schlechte Planung einer Trekkingtour sofort in Umwegen nieder oder wird im Mangel an Lebensmitteln beim Frühstück in der Natur deutlich und fällt nicht erst - wie oft bei betrieblichen Projekten der Fall - einige Zeit später auf. Auf diese Weise werden Mängel im Projektmanagement direkt entlarvt. Bei Aufgaben, die für ihre Bewältigung eine gute Zusammenarbeit aller Teammitglieder verlangen, wie z.B. das gemeinschaftliche Überqueren eines Seilparcours, haben die Teilnehmer die Möglichkeit, die Qualität ihrer Kooperation und Kommunikation im Team bewusst wahrzunehmen. Die Erfahrungen und Erkenntnisse aus den Aktivitäten werden dann im Rahmen von Reflexionen ausgewertet. Dabei werden die Potentiale, aber auch der Optimierungsbedarf in Sachen Teamarbeit, Projektmanagement etc. besprochen und Verbesserungsvorschläge sowie alternative Verhaltensweisen gesammelt, die in den nachfolgenden Übungen direkt umgesetzt und ausprobiert werden können.


So können die Mitarbeiter sich mit bestehenden individuellen und gruppenspezifischen Denk- und Verhaltensweisen auseinandersetzen und diese überdenken, sie in einem geschützten Rahmen ausprobieren und so ihr Handlungs- und Verhaltensrepertoire sowie ihre individuellen Kompetenzen im Bereich der Softskills zielorientiert erweitern. Durch die hohe Authentizität der Übungen und die Tatsache, dass diese den Einzelnen auf psychischer, physischer und emotionaler Ebene fordern, wird ein nachhaltiges und ganzheitliches Lernen begünstigt.


Was auf den ersten Blick also wie Erholungsurlaub für gestresste Mitarbeiter aussieht, die sich beim Klettern und bei Aktivitäten an der frischen Luft entspannen, ist in Wirklichkeit harte Arbeit und das bekamen auch die fünf Auszubildenden der blista zu spüren.


Für ihr dreitägiges Outdoor-Training hatte sich die Gruppe während eines Vortreffens insbesondere zum Ziel gesetzt, die Zusammenarbeit bei gemeinschaftlichen Projekten zu verbessern, den Informationsaustausch, das Vertrauen und die Motivation im Team zu fördern, die Kollegen besser kennen zu lernen und etwas über die eigenen Stärken und Schwächen, aber auch die der Kollegen zu erfahren. Und so begaben sie sich, begleitet von einer Ausbilderin und zwei Begleitpersonen, im September an einen abgelegenen Ort am Vogelsberg, wo sie - untergebracht in einem Selbstversorgerhaus - ein Wochenende voller ungewöhnlicher Aktivitäten verbrachten.


Unter anderen standen Kennenlern- und Vertrauensübungen, aber auch das Baumklettern auf dem Programm, bei dem die Teilnehmer sich gegenseitig sicherten, erfolgreich die Krone einer Birke erklommen und gleichzeitig Vertrauen zueinander gewannen. Zur Förderung der Kooperation und Kommunikation im Team wurden die Auszubildenden mit verschiedenen Problemlöseaufgaben konfrontiert, die lediglich durch gutes Teamwork zu bewältigen waren und die anschließend reflektiert wurden. Beispielsweise bekamen sie von mir den Auftrag, blind (den beiden sehbehinderten Auszubildenden wurden die Augen verbunden) zwei gleichseitige Dreiecke aus zwei etwa 10 Meter langen Seilen zu formen und diese anschließend zu einem Stern zusammenzulegen. Bei dieser Übung, die viel Zeit in Anspruch nahm und die Gruppe psychisch wie emotional forderte, wurden die Stärken und Schwächen der Einzelnen, aber auch grundlegende - aus dem Betrieb bekannte - Mängel in der Kommunikation des Teams deutlich. Die gewonnenen Erkenntnisse und Erfahrungen wurden anschließend besprochen und konkrete Handlungsziele und Verbesserungsvorschläge für die Zukunft daraus abgeleitet. Der Erfolg dieser neuen Strategien war für alle bereits in der nächsten Übung spürbar, indem eine Weinflasche durch exzellentes Nutzen der Potentiale des Teams erfolgreich aus einem imaginären "Säureteich" gerettet werden konnte.


Auf diese Weise lernten die Teilnehmer einiges über das Projektmanagement und die Zusammenarbeit im betrieblichen Alltag, obwohl dieser ihnen durch die so computerfreie Umgebung wohl weit entfernt schien. Im Rahmen des gemeinsamen Zusammenlebens im Haus, beim Küchendienst und während langer Lagerfeuerabende hatten die Auszubildenden außerdem Gelegenheit, sich einmal von einer ganz anderen Seite kennen zu lernen.


In der Rückschau zeigten sich die angehenden Informatiker/innen, aber auch deren Ausbilder/innen sehr zufrieden mit dem Training. Die Ergebnisse, die sich aus Beobachtungen, persönlichen Interviews mit den Teilnehmern und Fragebögen vor und nach dem Training ergaben, können sich sehen lassen.


Unter anderem wurden die Auszubildenden in einem Einschätzungsbogen gebeten, auf einer Skala von null bis sechs anzugeben, wie sie die Erreichung der einzelnen Trainingsziele einschätzen (null stand dabei für "Ziel überhaupt nicht erreicht", sechs für "Ziel voll und ganz erreicht"). Die Mittelwerte der Bewertungen aller Teilnehmer lagen dabei zwischen 4,0 und 5,6; wobei die höchsten Werte für die Ziele vergeben wurden, die die Verbesserung der Projektarbeit und das gegenseitige Vertrauen betrafen.


In den Interviews wurde als Effekt des Trainingswochenendes vor allem eine Stärkung des Gruppenzusammenhaltes genannt. Ferner berichteten die Teilnehmer, etwas über die Faktoren einer guten Zusammenarbeit und Kommunikation im Team gelernt zu haben. Auch die Begleitpersonen und Trainer (ich wurde durch eine Co - Trainerin unterstützt) beobachteten eine Verbesserung der Kommunikation und Kooperation im Team.


Außerdem stellten die Teilnehmer in den Interviews heraus, dass ihnen durch die Maßnahme ihre persönlichen Möglichkeiten und Fähigkeiten bewusster wurden und diese Erfahrungen ihre Sehbehinderungen während des Trainings in den Hintergrund treten ließen.


Für mich waren die Erfahrungen aus diesem Trainingswochenende der Beweis, dass ein Outdoor-Training - unter Beachtung bestimmter Voraussetzungen und mit einer guten Vor- und Nachbereitung verbunden - auch für blinde und sehbehinderte Arbeitnehmer eine attraktive und Erfolg versprechende Alternative zu konventionellen beruflichen Bildungsmaßnahmen sein kann. Auch die Auszubildenden der blista gaben an, dass solch ein Training für Blinde und Sehbehinderte nicht nur aus beruflichen, sondern auch aus persönlichen Gründen weiter zu empfehlen sei. Von Seiten der blista ist daher angedacht, aus dem Modellprojekt "Outdoor-Training für blinde und sehbehinderte Auszubildende" einen festen Bestandteil der Ausbildung zum/zur Informatikkaufmann/-frau zu machen und würde mich freuen, wenn diesem Beispiel weitere folgen!


Verfasserin:


Julia Heuß, Bismarckstraße 3, 97714 Oerlenbach, E-Mail: juliaheuss@freenet.de



Quellen:

Heckmair, B.; Michl, W. (2004): Erleben und Lernen. Einführung in die Erlebnispädagogik. München/Basel, 5. Auflage.


Heuß, J. (2007): Outdoor-Training für blinde und sehbehinderte Auszubildende. Unveröffentlichte Diplomarbeit. Bamberg.


König, S.; König, A. (2005): Outdoor-Teamtrainings. Von der Gruppe zum Hochleistungsteam. Augsburg.


Schad, N. (2004): Outdoor-Training - Regenwürmer oder Spanferkel? In: Schad, N.; Michl, W. (Hrsg.): Outdoor-Training. Personal- und Organisationsentwicklung zwischen Flipchart und Bergseil. München, S.19 - 57.

Zurück zum Inhalt von 2/2007 |horus im Überblick

[Startseite]  Startseite  | [Kontakt]  Kontakt  | [Impressum]  Impressum | [Hilfe]  Hilfe