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Sonja P. hatte 2001 endgültig die Faxen dicke. Eine Arbeitsbeschaffungsmaßnahme (ABM) nach der anderen hatte sie erlebt, in den verschiedensten sozialen Richtungen. Zwischen den Beschäftigungen lagen immer wieder lange, viel zu lange Zeiten der Arbeitslosigkeit. Obwohl examinierte Sozialpädagogin mit verschiedenen Praxiserfahrungen, darüber hinaus ausgebildete Steno-/Phonotypistin und Telefonistin, führte keiner der ABM-Einsätze zu einer dauerhaften Beschäftigung. Spätestens nach zwei Jahren war jeweils Schluss. Dies war die Förderungsgrenze, jenseits der sich der Arbeitgeber zur unbefristeten Beschäftigung entschließen musste. Sicherlich spielte dabei eine Rolle, dass sie von Geburt an blind ist.
War es Zufall oder brachte der so genannte Leidensdruck der Arbeitslosigkeit sie auf die Idee, nicht mehr auf die vorhandenen Stellenangebote zu vertrauen, sondern ihre Stärken beruflich zu nutzen? Frei nach dem Sony-Motto: "Folge nie den anderen, sei ihnen stets voraus". Tatsächlich hat sie sich eigeninitiativ ihren individuellen Arbeitsmarkt erschlossen und unbefristete Arbeit gefunden. Dies ist wert, näher betrachtet zu werden, denn es kann zur Nachahmung empfohlen werden. Zum besseren Verständnis einiges in Kürze zu ihrer Biographie und ihrem persönlichen und beruflichen Werdegang.
Sie stammt von der Insel Reichenau im Bodensee; dort verbrachte sie ihre Kindheit bis zur Grundschule in der Gesellschaft nicht sehbehinderter Kinder. "Ich wusste lange gar nicht, dass mit mir etwas nicht stimmt", meint sie scherzhaft. Von frühester Kindheit war sie musikbegeistert und sang gerne.
Grund- und Hauptschule in Heiligenbronn, Wirtschaftsschule mit Berufsausbildung in Stuttgart, anschließend Sekundarstufe II mit Abitur in Marburg - eine durchaus gängige "Blindenbildung" mit Internat ab dem sechsten Lebensjahr. Bereits in Heiligenbronn lernte sie Melodica und Gitarre zu spielen.
Das Studium der Psychologie hatte sie sich anders vorgestellt. Daher wechselte sie nach einigen Semestern zum Studium Sozialwesen, das ihr deutlich praxis- und anwendungsorientierter erschien. Sie legte das Examen mit "gut+" ab, allerdings - behinderungsbedingt - nicht in der so genannten Regelstudienzeit.
Danach begann die Odysee der Arbeitsuche. Einschließlich Anerkennungspraxis war sie in fünf Einrichtungen zwischen sechs Monaten und zwei Jahren beschäftigt, immer wieder abgelöst von Arbeitslosigkeit. Keine der befristeten Beschäftigungen, zumeist ABM, führte zu einer dauerhaften Integration. Man darf sagen: Sie schonte sich nicht, sie nahm als blinde Person viel regionale und berufliche Mobilität auf sich ...
Z. B. pendelte sie ein Jahr lang mit öffentlichen Verkehrsmitteln täglich in die gut 100 km entfernte Großstadt, um dort bei "Leben mit Krebs" zu beraten. Aber die Arbeit reichte nicht für drei Sozialpädagoginnen. So musste sie gehen.
Sie verdiente ihren Lebensunterhalt als Krankheitsvertretung in der Telefonzentrale eines großen Bildungs- und Hilfsmittelzentrums; sie wäre damit zufrieden gewesen, insbesondere, da Pläne bestanden, die Stelle mit Beratungsaufgaben anzureichern. Statt dessen fiel sie einer Organisationsreform zum Opfer.
Eine Fortbildung zur analytischen Familientherapie, für die sie die Finanzierung und den Platz sicher hatte, konnte sie nicht durchführen, da die Maßnahme abgesagt wurde.
Die Wende schaffte sie im Jahre 2002. Um die Belastungen, die Langzeitarbeitslosigkeit mit sich bringt, zu mindern, engagierte sie sich ehrenamtlich und initiierte in einem großen Altersheim erst einen, später drei Singkreise. Es war ein "Bombenerfolg". Aus der Ehrenamtlerin wurde eine Honorarkraft, denn die Seniorinnen und Senioren waren begeistert, zum einen wegen der angenehmen Aktivierung, zum anderen, weil die blinde, also schwerstbehinderte, eigentlich bemitleidenswerte Leiterin durch ihren Optimisismus unwiderstehlich gute Laune verbreitete. Die Hausleitung sah sie ebenfalls sehr rasch als wertvolle Mitarbeiterin. Einen Singkreis führt sie dort noch heute wöchentlich durch.
Nun wusste Sonja P. mit welchem Pfund sie wuchern konnte. Ihre Stärke ist ihr angenehmes, positives, unkompliziertes Wesen, ihre optimistische Art, ihre Fähigkeit, auf Menschen zuzugehen und - vor allem - ihre Musik. Es gibt mittlerweile wohl kaum einen Schlager der letzten 80 Jahre oder ein Stück Volksmusik, das sie nicht beherrscht. Sie kann fast alle Musikwünsche erfüllen. Das "Horst-Wessel-Lied" zu spielen, weigerte sie sich. "Da wäre ich sicher bei denen gewesen, die ins KZ oder in die Euthanasie gewandert sind", ist sie sich sicher.
Sie ließ sich ein Arbeitszeugnis ausstellen; es ist ein gutes Zeugnis.
Dann bewarb sie sich telefonisch bei den Alten- und Pflegeheimen. Sie stellte ihre Angebote am Telefon dar. Einige Einrichtungen zeigten Interesse und luden sie zu einer persönlichen Vorstellung ein. Erst, wenn es um die Wegbeschreibung ging, erwähnte sie ihre Behinderung. Dieser Umstand war dann zumeist kein Hinderungsgrund (mehr), wenngleich ihr Frustrationen nicht erspart blieben. (Der Leiter eines Heimes äußerte, er habe bereits das Haus voller Behinderter, mehr brauche er nicht - und legte den Hörer auf.)
Kurz und gut: seit drei Jahren steht sie nunmehr in unbefristeter Beschäftigung, zuerst 20, dann 25, mittlerweile 30 Wochenstunden. Sie ist ein wenig stolz darauf, dass sie die Einstellungszusage hatte, bevor sie die Möglichkeit eines Eingliederungszuschusses seitens der Agentur für Arbeit erwähnte.
Einen zusätzlichen 400-Euro-Job in einem weiteren Altenheim hat sie mittlerweile aufgegeben. Zwei der ursprünglichen Singkreise allerdings behält sie bei.
Sie arbeitet zumeist von 10 bis 17 Uhr. Am Vormittag betreut sie eine Seniorengruppe mit gemeinsamem Singen, Rätseln und vielen weiteren aktivierenden Maßnahmen. Angesichts vieler dementer Bewohner widmet sie sich oft den einzelnen Personen mit Zureden, Zuhören, Massage und anderer Körperarbeit, ergotherapeutischen Maßnahmen etc. Sie übernimmt in dieser Zeit ebenfalls die Aufsicht über die Gruppe - ohne Assistenz, aber mit Altenpflegern in Rufbereitschaft.
Am Nachmittag führt sie zumeist Einzelberatung und -therapie durch.
Derzeit betreut sie z. B. eine 100-jährige Dame, die das Bett nicht mehr verlassen kann, aber geistig überaus fit ist. Aber auch schwer demenzkranke Menschen betreut sie. Sie schlüpft dann beispielsweise in die Rolle des Lehrmädchens, wenn sich die ehemalige Schneidermeisterin in ihrer beruflichen Welt befindet.
Es ist alles andere als ein einfacher Job, den Sonja P. ausübt, "Dafür muss man geschaffen sein." Man braucht unendlich große Geduld, viel Frohsinn, die Gabe, nie aufzugeben. Man baut aber auch zum Teil innige persönliche Beziehungen zu den betreuten Menschen auf. Manchmal, berichtet sie, geht es ihr sehr nahe, wenn ein Mensch, den sie betreut hat, verstorben ist.
Seit Sonja P. ihre Lösung für die berufliche Integration fand, sich ihren Arbeitsplatz schuf, anstatt weiter von einer vorgeschlagenen ABM zur nächsten zu wandern, geht es aufwärts.
Singen, Musik und Konversation sind ihre Welt. Daraus hat sie einen Beruf gemacht.
Übrigens: In der Freizeit singt sie solo und in Chören und hat mit einer Band eine CD aufgenommen mit "Irish Folk Songs".
Kontakt: bach@staff.uni-marburg.de
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