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Dr. François Van Menxel: Die Versorgung der blinden und hochgradig Sehbehinderten mit Literatur und gedruckter Information in Deutschland:

ein Zwischenbericht und eine Anregung


Von der Öffentlichkeit und sogar von vielen blinden und hochgradig sehbehinderten Leserinnen und Lesern immer noch weitgehend unbemerkt, vollzieht sich zurzeit ein tiefer Wandel in der Welt der deutschen Blindenbüchereien. Mit der Gründung des neuen Vereins "Mediengemeinschaft für blinde und sehbehinderte Menschen e. V." (Medibus) 2004, der die bisherigen "Arbeitsgemeinschaften" der deutschsprachigen Blindenhörbüchereien bzw. Blindenschriftbibliotheken und -druckereien abgelöst hat und die auch die Integration anderer Medienproduzenten vollzogen hat, kann man sogar von dem Beginn einer neuen Ära sprechen in Bezug auf die gesamte Versorgung des gerade genannten Personenkreises mit Literatur und gedruckter Information. Das Ziel dieser Seiten ist eine knappe Darstellung dieser Veränderungen, deren Konsequenzen und hoffentlich weiterführende Überlegungen.


Im Unterschied zum öffentlichen Bibliothekswesen ist seit den 50er Jahren in Deutschland in Kauf genommen worden, dass es den Blinden und hochgradig Sehbehinderten überlassen wurde, sich selbst um ihre Literaturversorgung und den Zugang zu gedruckter Information zu kümmern. Die Länder gewähren wohl eine finanzielle Hilfe, aber diese ist bei weitem nicht ausreichend. Angesichts der hohen Produktionskosten der spezifischen Medien für Blinde und Sehbehinderte ist konsequenterweise der Zugang zu Literatur und gedruckter Information für diesen Personenkreis noch stark verbesserungswürdig. Auch wenn sich seit der Gründung von Medibus und seit der Anwendung der digitalen Tontechnik die Situation entspannt hat, stehen immer noch zu wenig Titel zur Verfügung, die Auswahl ist sehr gering, dabei sogar manchmal mit erheblichen Qualitätsmängeln.


Wir haben uns an unseren "deutschen" Zustand gewöhnt. Für die Unzulänglichkeiten wird unsere komplizierte föderative Struktur verantwortlich gemacht, unsere traditionell knappen "öffentlichen" Mittel, unsere ehrenamtliche Vereinsstruktur und zunehmend auch die vielen Mittelstreichungen im kulturellen und sozialen Bereich. Dagegen wird stolz auf das bisher Erreichte verwiesen, auf einen Titelbestand z. B. von knapp 50.000 Hörbüchern und auf eine meistens gute Serviceleistung. Jeder weiß, dass die bisherige Organisationsform als freier Verein sehr zerbrechlich ist (man denke an das klanglose Verschwinden der Süddeutschen Blindenhörbücherei in Stuttgart 2004!), man hofft weiterhin auf das Wohlwollen der Länder, auf die Hörerhilfe in Form von steigenden Spenden.


Viele neue Lösungsvorschläge - falls diese überhaupt geäußert werden - werden als Utopie betrachtet und nicht weiter verfolgt. Jeder, der Verantwortung trägt, ist in der jetzigen Struktur ausgebucht durch die Belastung der eigenen Aufgabe, es bleibt kaum Möglichkeit über die Sorgen der eigenen Institution hinwegzuschauen. Und doch könnte es so aussehen, dass sich jetzt in diesen Jahren eine neue Chance bietet, die Gesamtsituation der Literaturversorgung für Blinde und Sehbehinderte neu zu überdenken, zu stabilisieren und so entscheidend zu verbessern.


Diese Chance ergibt sich durch die Dynamik, die der neue Verein Medibus nach sich zieht. Der Verfasser dieser Zeilen, der übrigens nur in seinem eigenen Namen schreibt, möchte die Verantwortlichen, die Multiplikatoren, die Betroffenen selbst zu einer Bedenkzeit und zum Ergreifen dieser Chance aufrufen. Das, was Medibus schon in einer kurzen Zeit verwirklicht hat und was Medibus sich quasi als Programm oder Vision vorgenommen hat, ist vielversprechend. Darum verdient Medibus die Unterstützung, das Mitdenken und das Mitreden von allen Instanzen, seien diese direkt betroffen oder nicht. Damit die Ausführungen nicht zu lang werden, begrenzen sich die nachfolgenden Überlegungen nur auf die Blindenhörbüchereien. Die ergänzende Thematik der Punktschriftbibliotheken und -druckereien und der anderen Medienproduzenten für Blinde und Sehbehinderte könnte analog angegangen und gelöst werden.


In einer relativ kurzen Zeit und nicht ohne das Wirken von Medibus haben sich in zwei Punkten bedeutsame Veränderungen in der Welt der Hörbüchereien in den letzten Jahren ereignet. Es handelt sich hierbei zunächst um Veränderungen, die noch nicht genug bekannt sind.


Zum einen ist die bis dato erforderliche Einholung einer Genehmigungspflicht beim Inhaber des Copyrights für eine Hörbuchproduktion seit 2004 weggefallen. Der Gesetzgeber hat im September 2003 das Urheberrecht in diesem Sinn verändert, so dass die Hörbüchereien zeitnah nach Erscheinen des Schwarzdruckes mit der Produktion der Hörfassung beginnen können, ohne lästige oder unbeantwortete Rückfrage beim Verlag. Die zwangsweise vom Gesetzgeber vorgesehene Einschaltung der VG Wort bleibt im Gesetz ein Fehler. Hieraus ergeben sich einige bedauerliche Restriktionen, aber nichtsdestotrotz, wer die vergangenen Produktionsprobleme der Hörbüchereien erlebt hat, fühlt sich in einer neuen Epoche.


Eine zweite, sehr positive Veränderung ist die Verwirklichung eines schon seit Jahrzehnten Desiderates vieler Hörer: Die einfache und direkte Möglichkeit der Nutzung eines Zentralkataloges der deutschsprachigen Hörbücher. Mit der entscheidenden Hilfe der Deutschen Blindenstudienanstalt (blista) ist nun diese Möglichkeit seit Herbst 2006 gegeben. Ein Onlinekatalog mit einer sehr einfachen und adäquaten Suchoberfläche gibt den aktuellen Bestand der Hörbücher und deren Standort wieder. Man mag einwenden, dass diese Möglichkeit nur für PC-Benutzende brauchbar ist, aber man muss auch zugeben, dass diese Form eines Zentralkataloges die einzig mögliche geworden ist bei einem sich täglich verändernden Titelbestand von knapp 50.000 Hörbuchtiteln. Schon in diesem Jahr werden die Punkschriftbücher in den Bestand dieses Zentralkatalogs integriert.


Der neue Verein kann also schon zwei wesentliche Erfolge verbuchen, aber für die künftigen Jahre hat sich Medibus noch mehr vorgenommen: Ein Programm steht, eher eine Vision, die in zwei Schritten verwirklicht werden soll und die die Literaturversorgung der Blinden und Sehbehinderten noch weiter radikal verbessern könnte. Zunächst wird eine Aufhebung der bisherigen Traditionen der Hörbuchausleihe anvisiert. Es sollte so sein, dass ab 2010 "jeder Hörer im deutschsprachigen Raum auf jedes Buch ohne zusätzliche Kosten in einfacher Weise und schnell zugreifen kann". Was eigentlich damit gemeint ist, kann man mit diesen Worten umschreiben: Der Hörer sollte sich ab 2010 nicht mehr an seine "regionale" Hörbücherei wenden müssen, um einen bestimmten Titel auszuleihen, sondern könnte direkt - unabhängig von seinem Wohnort -  das erwünschte Buch anfordern, wo er es möchte. Diese Vision schließt überflüssige Formalitäten und auch lange Wartezeiten für die Hörenden aus. Dies ist aber schon Teil der aktuellen Wirklichkeit: einerseits ist die Praxis der so genannten Fernleihe jetzt schon relativ einfach, und die Hörbüchereien sind da sehr hilfsbereit, anderseits sind die Hörbüchereien durch die digitale Technik nun in der Lage, ein Hörbuch "on demand" ohne Wartezeiten zu kopieren und auszuleihen, egal ob es sich um einen Bestseller oder um ein Fachbuch handelt. In einem weiteren Schritt wird die Vision weitergeführt und mündet in das Ziel, dass grundsätzlich der Zugang für Blinde und hochgradig Sehbehinderte zu jedem Buch leicht ermöglicht werden sollte.


Man kann bei solchen ehrgeizigen Zielen staunen und skeptisch bleiben, aber auch fragen: "Ja, warum eigentlich nicht?" Die neuen digitalen technischen Mittel haben ein neues Zeitalter eröffnet, und warum sollen nicht alle Institutionen an diesem gemeinsamen Ziel mitwirken? Medibus kann als positiver Katalysator wirken und ungeahnte Energien freisetzen. Aber damit diese Vision nicht bloß eine plakative Aussage bleibt, sondern eine dauerhafte, stabile Wirklichkeit werden kann, muss mehr getan werden als eine Vision auszusprechen. Die echten und wahren Träger dieser Vision, diejenigen, die diese zu verwirklichen haben, nämlich die Blindenhörbüchereien, in ihrem nüchternen ungesicherten Dasein, mit ihrer eigenen Geschichte und ihren Schwächen, aber auch mit ihrem Schatz an Erfahrungen und mit ihrem Sinn für das, was die Hörerinnen und Hörer wünschen, sind voll in die Entscheidungsfindung und in die Visionsverwirklichung zu integrieren.



Was alle Hörbüchereien gemeinsam haben, ist die sehr eingeschränkte finanzielle Basis. Diese Basis ist nicht nur eingeschränkt, sie ist vollkommen unzureichend, das ist bekannt, sie ist nicht einmal rechtlich abgesichert, weil die öffentlichen Zuschüsse von einem Tag zum anderen abgeschafft werden könnten, das ist weniger bekannt. Ob öffentliche Zuschüsse oder schlecht kalkulierbare Spenden, beide sind starke, permanente Unsicherheitsfaktoren.


Der Zugang zur Literatur geht über den kostspieligen Weg der Umsetzung des Schwarzdruckes und hierzu gehören erhebliche finanzielle Mittel, die nicht von selbst fließen oder gegeben werden. Erinnern wir uns daran, dass die Vision die Kostenfreiheit des Literaturzugangs postuliert! Dieser finanzielle Aspekt der Wirklichkeit sollte in den Visionen von Medibus (auf den Weg dorthin!) bewusst und ausdrücklich mitreflektiert werden. Die Blindenhörbüchereien sind nun mal föderativ grob nach Bundesländern organisiert, die Zuschüsse sind ebenso für die regionalen Hörer und Hörerinnen zweckgebunden und die Verwendung muss jährlich nachgewiesen werden. Diese Realität darf nicht einfach ignoriert werden, wenn in der Vision von Medibus die unmittelbare kostenlose Ausleihe bei einer beliebigen Hörbücherei als Ziel angestrebt wird. Und es ist hier unerheblich, ob die Hörenden aus sehr unterschiedlichen Ländern das Portal "ihrer" Hörbücherei benutzen um Hörbücher von überall auszuleihen, aus Gründen der Service-Einfachheit.


In der Konsequenz heißt das, dass die Vision von Medibus für einige Hörbüchereien sehr gefährlich werden könnte. Arge Probleme könnten sich mit dem Landeszuschussgeber ergeben, wenn nicht vorher Rücksprache gehalten wird, wie die Verwaltung der Länder diese Änderung betrachten. Wenn dies nicht geschieht, könnten sich einige Länder brüskiert fühlen und aus der Förderung aussteigen.


Oben haben wir die zweite Vision erwähnt, die sich Medibus als Fernziel gesetzt hat: Jedes Buch sollte leicht zugänglich gemacht werden. Ob dies nun für den Bereich Sachbuch mit synthetischer Sprache geschehen könnte, oder für die Belletristik mit einfühlsamer menschlicher Stimme -  auf jeden Fall sind auch hier wieder erhebliche finanzielle Ressourcen aufzuwenden, um dieses Ziel zu erreichen. In der jetzigen Lage der Hörbüchereien bleibt es vollkommen utopisch, dieses Ziel nur annähernd zu erreichen.


Ob Länderbindung der Zuschüsse oder grundsätzlich nicht ausreichende finanzielle Ressourcen der Hörbüchereien, dies sind ernsthafte Probleme, die zu lösen sind, um die Visionen von Medibus zu verwirklichen. Das ist aber kein Grund zur Mutlosigkeit oder Resignation, auch in einer föderativen Republik, in der anscheinend jede Veränderung recht schwer geworden ist. Ein Gespräch ist unabdingbar, ein Gespräch, welches alle Instanzen mit involviert. Die neuen digitalen Mittel, die eine veränderte Situation geschaffen haben, können Anlass dazu sein, das Gespräch zu initiieren und den Hörbüchereien ein neues Gesicht zu geben.


Das Gespräch mit allen beteiligten Entscheidungsträgern wird aber nicht in einer einmaligen Tagung oder Konferenz zum Erfolg führen. Die bisherige Verwurzelung der einzelnen Hörbüchereien in ihrer eigenen Geschichte (auch und vor allem finanziell gesehen!) ist viel zu stark hierfür. Es wäre eher angebracht, in vielen, vielen kleinen Schritten mit allen Beteiligten in kleineren Gremien die jeweiligen Positionen, Grenzen, Desiderate auszuloten und zu schauen, wie die Gesamtvision von Medibus verwirklicht werden könnte. Wünschenswert wäre hier die Schaffung der Position einer oder eines Sonderbeauftragten der Hörbüchereien (oder einer entsprechenden Funktion) bei einem passenden Bundesamt in Berlin: Eine neutrale Persönlichkeit aus dem kulturellen oder sozialen Leben, die die Aufgabe hätte - unter Beteiligung aller Betroffenen - ein Programm und einen Kalender aufzustellen, um so gut wie möglich die Visionen von Medibus umzusetzen. Hier wäre eine staatliche Verantwortung (auf Bundesebene oder turnusmäßig auf Länderebene) als Kontrollinstanz wichtig, um eine minimale oder ausgleichende Förderung der Länder zu etablieren. Hierzu wäre alternativ oder ergänzend eine bedeutsamere Rolle von Medibus denkbar. Medibus könnte zwischen den Ländern vermitteln und die Förderung der einzelnen Länder besser steuern. Durch die vermittelnde Rolle von Medibus könnten auch die Leistungsunterschiede der einzelnen Hörbüchereien - im Sinne einer modernen Effizienz aus einem zentralen Topf - gerecht ausgeglichen werden, wobei Medibus sogar die Verantwortung für die Produktionen und deren Organisation übernehmen könnte.


Die Endvision von Medibus könnte sogar wesentlich beschleunigt werden dadurch, dass die einzelnen Hörbüchereien - von permanenten finanziellen Unsicherheiten befreit - endlich planen und sich viel mehr um die Hörbuchproduktionen kümmern könnten: durch die ganzen Bundesländer, in jeder Großstadt, unter der Betreuung der regionalen Hörbücherei wären kleine Produktionseinheiten verstreut zu etablieren  (etwa Mietwohnungen oder örtliche kundige Sprecher mit PC ausgestattet). Dies könnte das bisherige Produktionsvolumen leicht verzehnfachen.


Allerdings, und hier schließt sich wiederum der Kreis, ist dies nicht ohne finanzielle Basis zu verwirklichen (man denke z. B. schon alleine an die Sprecherhonorare!). Aber ist die Zeit nicht gekommen, den Blinden und Sehbehinderten endlich die Versorgung mit Literatur und gedruckter Information zu gewährleisten, die ihnen zusteht? Diese Forderung ist schon sehr alt, aber eine neue Epoche ist inzwischen angebrochen: Die technischen Mittel sind nun vorhanden, und der Gesetzgeber hat der Diskriminierung von Behinderten einen Riegel vorgeschoben. Es ist keine Schande mehr von "Nachteilsausgleichen als notwendige Voraussetzung für eine gleichberechtigte Teilhabe an der Gesellschaft" zu sprechen. Hier gilt es nun kreativ zu sein, die gewohnten Wege zu verlassen und zusammen die programmatischen Visionen von Medibus zu verwirklichen.

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