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Jochen Schäfer: Ein Stück Stadtgeschichte: Enthüllung einer Gedenktafel zu Ehren Carl Strehls an seinem ehemaligen Marburger Wohnhaus

Stadt Marburg ehrt langjährigen Direktor der Blindenstudienanstalt und Wegbereiter der Blindenselbsthilfe

Am 29. März 2007 wurde in der Friedrichstraße 4 in Marburg eine Gedenktafel enthüllt zu Ehren eines Mannes, der über eine lange Zeit Bewohner dieses Hauses war: Prof. Dr. Dr. h. c. Carl Strehl, Gründer des "Vereins der blinden Akademiker Deutschlands" (des heutigen DVBS) sowie langjähriger Direktor der Blindenstudienanstalt, lebte 37 Jahre lang mit seiner Familie hier.


Dieses Ereignis wurde auf Initiative der Stadt Marburg in Zusammenarbeit mit der blista und dem DVBS durchgeführt. Von der Stadt Marburg kamen Stadträtin Kerstin Weinbach und Pressesprecher Reiner Kieselbach sowie Kristina Lieschke vom Kulturamt Marburg, von der blista erschienen: Jürgen Hertlein, der langjährige Direktor bzw. 1. Vorsitzende, sein amtierender Nachfolger Claus Duncker, Joachim Lembke, Leiter der Carl-Strehl-Schule, Dr. Otto Hauck, Mitglied des blista-Verwaltungsrates und Ehrenvorsitzender des DVBS, sowie der Berichterstatter im Auftrag des "horus".


Über den naturgemäß knappen Text der Gedenktafel hinaus zeichnete Dr. Hauck den Weg von Carl Strehl nach. Strehl wurde am 12. Juli 1886 in Berlin geboren, fuhr mit 14 Jahren für mehrere Jahre zur See, arbeitete danach als Chemielaborant in New York und erblindete dort durch einen Arbeitsunfall 1907. Einige Jahre später führte ihn sein Weg zurück nach Europa, konkret nach England und in die Schweiz, wo er sich über das dortige Blindenwesen informierte. Nach Ausbruch des 1. Weltkrieges, aus dem viele Soldaten und Offiziere als erblindete Menschen zurückkehrten, wurde von Prof. Dr. Alfred Bielschowsky, dem damaligen Leiter der Marburger Universitäts-Augenklinik, mit Umschulungskursen der Grundstein zur Blindenstudienanstalt gelegt, die 1916 in Marburg entstand. Dafür wurde cand. phil. Strehl zum Geschäftsführer berufen. Dieser gründete ebenfalls 1916 mit einigen Weggefährten den "Verein der blinden Akademiker Deutschlands", der heute als DVBS Blinde und Sehbehinderte in Studium und Beruf tatkräftig unterstützt. 1927 wurde Strehl Direktor der blista (bis 1965) und zugleich Vereinsvorsitzender (bis 1968). Beide von ihm geleiteten Vereine sind seitdem organisch gewachsen. Bereits 1918 wurde für Blinde und hochgradig Sehbehinderte an der blista das Abitur eingeführt (die Absolventen des ersten Abiturs 1918 findet man übrigens in der im selben Jahr erschienenen allerersten Schwarzschriftausgabe der "Beiträge" auf S. 61). In den 20er Jahren wurde dann das Gelände "Am Schlag" gekauft, das noch heute als Zentrum der "Carl-Strehl-Schule", wie der 1958 entstandene Neubau genannt wurde, gilt. In seiner Ansprache betonte Dr. Hauck, dass Strehl mit Zielstrebigkeit und Willensstärke seine Ziele im Sinne der Blinden und Sehbehinderten durchzusetzen verstand, auch in schwierigen Zeiten wie der Weltwirtschaftskrise in den 20er und 30er Jahren, insbesondere aber in der Zeit des Nationalsozialismus und nach dem 2. Weltkrieg in der im Aufbau befindlichen Bundesrepublik. Strehl starb hochbetagt am 18. August 1971 in Marburg.


Dr. Hauck hat Strehl während seiner Schülerzeit in den 50er Jahren gekannt. So wusste er zum Schluss seiner Ansprache von einer Anekdote zu berichten, die er Ende der 50er Jahre mit Strehl erlebte; bei diesem Bericht wurde er unterstützt durch die stimmliche Strehl-Imitation des "horus-Vertreters": Hauck wollte mit einigen Schulkameraden - Mitglieder des damals schon bestehenden und zu beachtlicher Zahl und Spielstärke angewachsenen Schachclubs - ein überregionales Turnier besuchen und wurde dazu auserkoren, bei Direktor Strehl diesbezüglich vorzusprechen. Strehl, der vor allem in diesen Zeiten besonders aufs Geld achten musste, fragte nur: "Na, was soll"s denn kosten?", woraufhin Hauck eine Summe nannte. Strehl: "Die Hälfte ist bewilligt. Na, reicht"s?" Hauck: "Vollkommen." Darauf Strehl: "Wir verstehen uns ja bestens!"


Nach Dr. Haucks Ansprache betonte Stadträtin Weinbach die Wichtigkeit, Stadtgeschichte in Marburg lebendig zu halten, was durch dieses Ereignis wieder einmal deutlich zum Ausdruck gebracht werde.

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