Oliver Sacks: Notizbuch eines Neurologen. Was Blinde sehen

Vorbemerkung

Oliver Sacks wurde 1933 in London geboren. Nach seinem Studium in Oxford übersiedelte er in die USA, wo er als Neurologe in verschiedenen Kliniken arbeitete. Derzeit ist Sacks Professor für klinische Neurologie am Albert Einstein College of Medicine, New York. Von seinen zahlreichen Bucherfolgen sind "Awakenings - Zeit des Erwachens" (Rowohlt 1991, verfilmt mit Robin Williams und Robert De Niro) und "Der Mann, der seine Frau mit einem Hut verwechselte" (Rowohlt 1993) die bekanntesten.



Er hat zehn Bücher geschrieben, welche es in die Bestsellerlisten schafften. In der Zeitschrift "The New Yorker" publizierte er das Essay "Was Blinde sehen", das zuerst exklusiv in der Schweiz veröffentlicht wurde.



In seinem letzten Brief schrieb Goethe, "Die Tiere werden durch ihre Organe belehrt, sagten die Alten; ich setze hinzu: die Menschen gleichfalls, sie haben jedoch den Vorzug, ihre Organe dagegen wieder zu belehren." (Goethe an Humboldt).



Er schrieb diese Zeilen 1832, zu einer Zeit also, in der die Phrenologie (Lehre, welche die emotionale und intellektuelle Begabung des Menschen von dessen Schädelform ableitet) ihren Höhepunkt erreicht hatte und das Hirn für ein Mosaik "kleiner Organe" gehalten wurde, die für alles zuständig waren, für Sprache ebenso wie für Schüchternheit oder ein etwaiges Zeichentalent. Je nach Glück der Geburt war dem Individuum, so glaubte man, ein festes Maß dieser oder jener Fähigkeit zugeteilt worden.



Auch wenn wir heute, anders als ehedem die Phrenologen, den "Beulen"  auf dem Schädel (die angeblich ein darunter liegendes Hirnorgan anzeigen) keine besondere Aufmerksamkeit mehr schenken, haben Neurologie und Neurowissenschaft die Vorstellung von Hirnfixiertheit und Lokalisierung keineswegs ganz aufgegeben - vor allem aber die Vorstellung nicht, dass der höchstgelegene Teil des Hirns, der zerebrale Kortex, von Geburt an programmiert ist: dieser Bereich für den Sehsinn und die visuellen Prozesse, dieser für das Hören, jener für den Tastsinn und so weiter.



Im Fall einer neurologischen Störung oder einer Beeinträchtigung des Wahrnehmungsvermögens schien dies dem Einzelnen kaum die Freiheit der Wahl, die Möglichkeit der Selbstbestimmung oder gar der Anpassung zu lassen. Doch in welchem Umfang werden wir - unsere Erfahrungen, unsere Reaktionen - von unserem Gehirn geformt und vorherbestimmt? Und in welchem Maße formen wir unser Gehirn? Lenkt der Geist das Gehirn oder das Gehirn den Geist - genauer gesagt, in welchem Maße lenkt das eine das andere? In welchem Umfang sind wir die Autoren, die Produzenten unserer eigenen Erfahrungen? Die Folgen einer nachhaltigen Beeinträchtigung unserer Wahrnehmung beispielsweise durch Blindheit können ein unerwartetes Licht auf die Beantwortung dieser Fragen werfen. Wer blind wird, steht, besonders wenn dies erst spät im Leben geschieht, vor einer enormen, möglicherweise überwältigenden Herausforderung: eine neue Lebensweise zu finden, eine neue Ordnung zu schaffen, da die alte Welt untergegangen ist.

Vor zwölf Jahren wurde mir ein ungewöhnliches Buch mit dem Titel "Touching the Rock: An Experience in Blindness" zugesandt. John Hull, der Verfasser, ist Professor für Theologie, wuchs in Australien auf und lebt heute in England. Im Alter von 13 Jahren erkrankte er an Grauem Star, vier Jahre später wurde er auf dem linken Auge völlig blind. Bis zum 35.  Lebensjahr konnte er auf dem rechten Auge leidlich sehen, doch begann auch dort die Sehkraft nachzulassen. Es folgte ein Jahrzehnt stetig abnehmender Sehfähigkeit, in dem Hull immer stärkere Brillen brauchte und mit immer kräftigeren Stiften schreiben musste, bis er 1983, im Alter von 48 Jahren, vollständig erblindete.



Die "tiefe Blindheit" des Theologen John Hull

Das in den darauf folgenden drei Jahren diktierte Tagebuch "Touching the Rock" steckt voll ergreifender Einsichten über Hulls Leben als Blinder, doch hat mich nichts so nachhaltig beeindruckt wie seine Beschreibung vom stetigen Nachlassen visueller Vorstellungen und Erinnerungen bis hin zu ihrem völligen Erlöschen - einem Zustand, den Hull "tiefe Blindheit" nennt.



Damit meint Hull nicht nur den Verlust visualisierter Bilder und Erinnerungen, sondern den Verlust von der Vorstellung des Sehens an sich, weshalb Lokalisierungen wie "hier", "da" oder "gegenüber" ihre Bedeutung für ihn zu verlieren schienen; selbst die Vorstellung, dass Objekte ein "Aussehen", mithin sichtbare Charakteristika, haben, verblasste allmählich. So konnte er sich etwa zu diesem Zeitpunkt nicht länger vorstellen, wie die Zahl 3 aussah, wenn er sie nicht mit der Hand in die Luft zeichnete. Ihm gelang es nur noch, ein "motorisches", aber kein visuelles Bild der Zahl 3 mehr hervorzurufen.



Obwohl ihn dieses Nachlassen visueller Erinnerungen und Bilder anfangs tief betrübte - die Tatsache, dass er die Gesichter seiner Frau, seiner Kinder, dass er geliebte Landschaften oder Orte nicht mehr heraufbeschwören konnte -, fand er sich mit erstaunlichem Gleichmut bald damit ab und "sah" darin eine natürliche Reaktion auf eine nichtvisuelle Welt. Für John Hull war dieser Verlust bildlicher Vorstellung eine Voraussetzung für die vollständige Entwicklung und Wahrnehmungsintensivierung seiner übrigen Sinne.



Zwei Jahre nach seinem völligen Erblinden war Hull offenbar so nichtvisuell, als wäre er von Geburt an blind gewesen. Hulls Verlust der Sehfähigkeit erinnert mich auch an die Art "kortikaler Blindheit", zu der es kommen kann, wenn der primäre Sehkortex etwa durch einen Schlaganfall oder durch eine traumatische Hirnverwundung geschädigt wurde - nur war bei Hull der Sehkortex natürlich nicht unmittelbar verletzt, sondern vielmehr von aller visuellen Stimulation, allem visuellen Input isoliert.



Auf tief religiöse Weise und in einer Sprache, die gelegentlich an den Heiligen Johannes vom Kreuze erinnert, lässt sich Hull auf diesen Zustand ein, gibt sich ihm bereitwillig und freudig hin. Und seine "tiefe Blindheit" nimmt er als "eine authentische und autonome Welt wahr, als einen eigenständigen Ort ... Ein Ganz-Körper-Seher zu sein, heisst Menschlichkeit in einer ihrer konzentriertesten Formen zu erleben."



Die anderen Sinne werden stärker

Ein Ganz-Körper-Seher zu sein bedeutet für Hull, die Aufmerksamkeit, das Gewicht auf die anderen Sinne zu richten, und immer wieder beschreibt er, wie diese übrigen Sinne neuen Reichtum und neue Kraft gewinnen. So erzählt er, wie das Geräusch fallenden Regens, dem er bislang keine besondere Aufmerksamkeit geschenkt hatte, nun ganze Landschaften für ihn hervorheben konnte, denn Regen trommelt anders auf den Gartenweg als auf den Rasen, auf die Büsche in seinem Garten anders als auf den Zaun, der ihn von der Straße trennt. "Regen", schreibt er, "kann die Konturen aller Dinge zum Vorschein bringen; er wirft eine bunte Decke über zuvor Unsichtbares, aus einer diskontinuierlichen und somit fragmentierten Welt schafft stetig fallender Regen eine Kontinuität akustischer Erfahrung ... zeigt mit einem Mal die Fülle einer ganzen Situation auf ... verleiht ein Gespür für Perspektive und für die tatsächliche Beziehung zwischen den einzelnen Teilen der Welt."



Mit dieser neuen Eindringlichkeit akustischer Erfahrung (oder Aufmerksamkeit) sowie der Intensivierung seiner übrigen Sinne beginnt Hull, eine Vertrautheit mit der Natur zu empfinden, eine Intensität des In-der-Welt-Seins, die alles übersteigt, was er kannte, solange er sehen konnte. Blindheit wird für ihn zu einer "dunklen, paradoxen Gabe". Sie sei nicht nur "Kompensation", betont er, sondern rufe eine völlig neue Ordnung, eine neue Weise des Menschseins hervor. So entzieht er sich der Sehnsucht nach dem Visuellen, dem "falschen" Bemühen, als "normal" gelten zu wollen, und findet einen neuen Lebenssinn, eine ungekannte Freiheit. Sein Unterricht an der Universität wird umfassender, flüssiger, seine Texte werden tiefgründiger und interessanter, intellektuell wie geistig wird er kühner und selbstsicherer. Er spürt, dass er sich endlich auf festem Boden bewegt.



Was Hull beschreibt, scheint mir ein erstaunliches Beispiel dafür zu sein, wie der um eine seiner Sinneswahrnehmungen beraubte Mensch sich vollständig um einen neuen Lebensmittelpunkt eine neue Identität aufbauen kann.



Es heisst, dass Kinder, die normal sehen, aber innerhalb der ersten beiden Lebensjahre erblinden, keine Erinnerung an das Sehen behalten, dass sie in ihren Träumen keine bildliche Vorstellungen oder bildhaften Elemente kennen (und sich deshalb in dieser Hinsicht auch nicht von blind geborenen Menschen unterscheiden). Ähnlich verhält es sich mit jenen Kindern, die vor dem dritten Lebensjahr ihren Hörsinn verlieren: Sie wissen nichts davon, eine Welt des Klangs "verloren" zu haben, sie haben auch keinen Begriff von "Stille", wie manche meinen. Wer so früh den Sehsinn verliert, für den haben die Begriffe "Sehfähigkeit" und "Blindheit" bald keine Bedeutung mehr; ein solcher Mensch glaubt auch nicht, eine Welt der Bilder verloren zu haben, sondern nur, uneingeschränkt in einer Welt zu leben, die für ihn allein durch die übrigen Sinne geschaffen wird.



Ich fand es höchst bemerkenswert, dass eine solche Auslöschung visueller Erinnerung, wie Hull sie beschreibt, in gleichem Maße bei einem Erwachsenen vorkommen kann, der auf Jahrzehnte, ja auf eine ganze Lebensspanne reicher und vielfältig kategorisierter Erfahrung zurückzugreifen vermochte. Und doch zweifelte ich keinen Moment an der Authentizität von Hulls mit grösster Sorgfalt und Klarheit abgefasstem Bericht.



Steigerung der taktilen und räumlichen Wahrnehmungsfähigkeit

Wichtige Studien über die Anpassungsfähigkeit des Gehirns wurden in den siebziger Jahren des letzten Jahrhunderts unter anderem von Helen Neville durchgeführt, einer kognitiven Neurowissenschaftlerin, die heute in Oregon arbeitet. Sie wies nach, dass bei vorsprachlich Gehörlosen (also bei denjenigen, die taub geboren wurden oder bis etwa zum Alter von zwei Jahren taub geworden sind) die für die Akustik zuständigen Bereiche des Gehirns weder degeneriert noch atrophiert (verkümmert), sondern aktiv und funktionsfähig geblieben waren, doch übten sie neue Aktivitäten und Funktionen aus: Sie waren umgewandelt worden, "neu zugeteilt", wie Neville es formulierte, um visuelle Sprache zu verarbeiten. Vergleichbare Studien bei blind geborenen oder frühzeitig erblindeten Menschen zeigen, dass die für das Sehen zuständigen Kortexbereiche ähnlich "neu zugeteilt" und für die Verarbeitung von Klang und Berührung genutzt worden waren.



Mit der Neuzuteilung der Sehkortexbereiche zum Tastsinn und den übrigen Sinnen, konnten diese eine Intensität gewinnen, die sich ein sehender Mensch vermutlich kaum vorzustellen vermag. Der blinde Mathematiker Bernard Morin, der um 1960 gezeigt hatte, wie sich eine Kugel umstülpen ließ, war der Auffassung, dass seine Leistung eine eigene räumliche Wahrnehmung und ein besonderes räumliches Vorstellungsvermögen vorausgesetzt hatte. Eine ähnliche Begabung für räumliche Wahrnehmung spielte eine entscheidende Rolle für das Werk von Geerat Vermeij, jenem blinden Biologen, der viele neue Molluskenarten allein auf Grund winziger Variationen in Form und Kontur ihrer Schalen bestimmen konnte.



Angesichts solcher Entdeckungen und Berichte sahen die Neurologen ein, dass dem Gehirn eine gewisse Flexibilität oder Plastizität eigen sein mochte - zumindest in den frühen Lebensjahren. Doch sie nahmen an, dass das Gehirn erstarrte und weitere radikale Veränderungen ausblieben, wenn diese Phase erst einmal vorbei war. Die von Hull so sorgsam festgehaltenen Erfahrungen zeihen diese Vermutung der Lüge. Schließlich steht außer Frage, dass seine Wahrnehmung und letztlich sein Gehirn sich auf fundamentale Weise verändert hat. Alvaro Pascual-Leone und seine Kollegen in Boston haben kürzlich sogar nachgewiesen, dass bei sehenden, erwachsenen Freiwilligen, denen man nur fünf Tage lang die Augen verbunden hat, deutliche Verlagerungen in Richtung nichtvisuellen Verhaltens und Wahrnehmens festzustellen waren. Darüber hinaus zeigten sie die damit einhergehenden physiologischen Veränderungen im Gehirn auf. Erst jüngst haben italienische Forscher eine Studie veröffentlicht, die belegt, dass bei sehenden, nur neunzig Minuten in Dunkelheit gehaltenen Freiwilligen eine verblüffende Steigerung der taktilen und räumlichen Wahrnehmungsfähigkeit zu beobachten war.



Das Gehirn ist offensichtlich selbst im Erwachsenenalter fähig, sich zu verändern, und ich nahm an, dass Hulls Erfahrung für alle spät Erblindeten typisch war, eine Reaktion, die früher oder später jeder durchlebte, der blind wurde - und sei es als Erwachsener.



Als ich 1991 einen Essay über Hulls Buch veröffentlichte, war ich daher einigermaßen verblüfft, als mir Blinde Briefe schickten, die oft verwundert klangen, manchmal aber auch regelrecht aufgebracht. Wie es schien, konnten viele Leser Hulls Erfahrung nicht nachvollziehen. Sie schrieben, dass sie visuelle Vorstellungen und Erinnerungen auch Jahrzehnte nach Verlust ihrer Sehfähigkeit nicht verloren hatten. Eine Korrespondentin, die mit 15 Jahren blind geworden war, schrieb: "Obwohl ich völlig blind bin, halte ich mich weiterhin für einen visuellen Menschen. Ich 'sehe' die Dinge vor mir. Selbst während ich dies schreibe, kann ich meine Hände auf der Tastatur sehen ... Ich fühle mich sogar in einer neuen Umgebung erst wohl, wenn ich mir in meiner Vorstellung ein Bild davon entworfen habe. Ich brauche in meiner Vorstellung eine Art Landkarte, ehe ich mich selbstständig bewegen kann."



Hatte ich mich geirrt oder war ich doch zumindest einseitig gewesen, als ich Hulls Erfahrung als typische Reaktion auf die Erblindung gedeutet hatte? Musste ich mir vorwerfen lassen, eine bestimmte Reaktionsweise zu stark betont und radikal andere Reaktionsmöglichkeiten außer Acht gelassen zu haben?



Das "innere Auge" des Psychologen Zoltan Torey

Dieses Gefühl spitzte sich zu, als ich 1996 einen Brief von dem australischen Psychologen Zoltan Torey bekam. Er schrieb nichts von Blindheit, sondern von einem Buch, das er über das Problem Geist-Gehirn und der Frage nach dem Wesen des Bewusstseins geschrieben hatte (Das Buch wurde 1999 von der Oxford University Press unter dem Titel "The Crucible of Consciousness" veröffentlicht.). In seinem Brief schrieb Torey auch davon, dass er mit 21 Jahren durch einen Unfall in einer chemischen Fabrik erblindet sei und dass er, obwohl man ihm geraten hatte, "sich vom Visuellen auf das Akustische umzustellen", sich für das Gegenteil entschieden und beschlossen hatte, statt dessen sein "inneres Auge" zu schärfen, sein bildliches Vorstellungsvermögen in größtmöglichem Maße zu steigern.



Darin schien er außerordentlich erfolgreich gewesen zu sein, entwickelte er doch eine bemerkenswerte Fähigkeit, in Gedanken Bilder zu schaffen, festzuhalten und zu verändern. Er konnte sogar eine imaginierte visuelle Welt konstruieren, die ihm beinahe ebenso real und konkret erschien wie die verlorene Welt der Wahrnehmung - vielleicht sogar noch realer und konkreter, eine Art gesteuerter Traum, eine kontrollierte Halluzination. Diese Bilderwelt erlaubte ihm, Dinge zu tun, die man einem Blinden kaum zugetraut hätte.



"Ich habe eigenhändig das Dach meines mehrgiebligen Hauses neu gedeckt", schrieb er, "einzig dank der akkuraten und konzentrierten Manipulation meines mittlerweile vollkommen formbaren und reaktionsfähigen mentalen Raumes." (Torey hat diese Episode später etwas ausführlicher geschildert und vom Entsetzen seiner Nachbarn erzählt, die einen blinden Mann allein auf dem Dach seines Hauses sitzen sahen - mitten in der Nacht bei völliger Finsternis.)



Seine Fähigkeit gestattete es ihm, auf eine Weise zu denken, wie es ihm vorher nicht möglich gewesen war, er konnte sich Lösungen, Modelle und Pläne vorstellen, sich ins Innere von Maschinen und anderen Systemen projizieren und letztlich mittels bildlicher (um die Erkenntnis der Neurowissenschaften ergänzter) Vorstellungen und Simulationen auch das komplexe Gefüge jenes ultimativen Systems verstehen, des menschlichen Bewusstseins.



Als ich Torey auf seinen Brief antwortete, schlug ich ihm vor, ein weiteres Buch in Erwägung zu ziehen, ein eher persönliches Buch, das der Frage nachgehen sollte, wie die Blindheit sein Leben verändert und wie er darauf in so unwahrscheinlicher und scheinbar so paradoxer Art reagiert hat. "Im Dunkeln sehen" lautet seine Biografie, die inzwischen erschienen ist, und darin schildert Torey seine frühesten Eindrücke in kräftigen Bildern und mit großem Humor. Erinnerte oder rekonstruierte Szenen erlauben kurze, poetische Rückblicke auf Kindheit und Jugend in Ungarn vor dem Zweiten Weltkrieg: die zart himmelblauen Busse von Budapest, die eigelben Straßenbahnen, das Anzünden der Gaslaternen, die Seilbahn im Stadtteil Buda. Er beschreibt eine sorgenfreie und privilegierte Jugend, erzählt, wie er mit dem Vater in den bewaldeten Bergen oberhalb der Donau umherstreifte, berichtet von seinen Spielen und Streichen in der Schule und davon, wie es war, in einem hochintellektuellen Milieu zwischen Schriftstellern, Schauspielern und Spezialisten jeglicher Couleur aufzuwachsen. Toreys Vater war Direktor eines grossen Filmstudios und gab seinem Sohn oft Drehbücher zu lesen. "So", schreibt Torey, "hatte ich Gelegenheit, mir Geschichten, Handlungsstränge und Figuren vorzustellen - eine Fähigkeit, die für mich in kommenden Jahren zu einem Rettungsanker und einem Quell innerer Stärke werden sollte."



Mit der Okkupation Ungarns durch die Nazis, der Belagerung von Buda und der nachfolgenden sowjetischen Besatzung fand all dies ein brutales Ende. Torey, inzwischen ein junger Mann, fühlte sich leidenschaftlich von den großen Fragen angezogen, den Fragen nach dem Geheimnis des Universums, des Lebens und vor allem nach dem Rätsel des Bewusstseins, des Geistes. 1948, 19 Jahre alt und überzeugt, sich intensiv der Biologie, der Technik, der Neurowissenschaft und der Psychologie widmen zu müssen, beschloss Torey zu fliehen, da er wusste, dass in einem sowjetischen Ungarn keine Hoffnung auf ein Studium, ein intellektuelles Leben bestand. Auf Umwegen fand er nach Australien, wo er ohne Geld und Kontakte diverse Handlangertätigkeiten verrichtete. Im Juni 1951 zog er dann in der chemischen Fabrik, in der er arbeitete, einen Stöpsel aus einem Säurefass, und es kam zu jenem Unfall, der sein Leben zweiteilen sollte.



"Das Letzte, woran ich mich mit völliger Klarheit erinnerte, war ein Lichtschimmer in jener Säureflut, die mein Gesicht überspülen und mein Leben verändern sollte. Ein Funkeln, eine Nanosekunde lang, eingerahmt vom schwarzen Kreisrund des kaum einen halben Meter entfernten Fasses. Das war die letzte Szene, der dünne Faden, der mich mit meiner visuellen Vergangenheit verband."



In das Innere eines Differenzialgetriebes sehen

Als klar wurde, dass seine Hornhaut unrettbar beschädigt worden war und er von nun an blind sein würde, riet man ihm, sich die Welt durch Gehör und Gespür zu vergegenwärtigen und "Sehsinn und visuelles Vorstellen einfach zu vergessen". Doch das war etwas, was Torey nicht konnte oder nicht wollte. In seinem ersten Brief an mich hat er betont, wie bedeutsam seine Entscheidung an diesem Schnittpunkt gewesen ist: "Ich beschloss unmittelbar, dass ich herausfinden wollte, wie weit ein teilweise wahrnehmungsgeschädigtes Hirn beim Wiederaufbau eines Lebens gehen würde." Derart formuliert, klingt das Vorhaben abstrakt, fast wie ein Experiment, doch spürt man aus seinem Buch, welch ungeheuerliche Gefühle diesem Entschluss zugrunde lagen - die Angst vor der Dunkelheit, der "leeren Dunkelheit", wie Torey sie oft nennt, vor diesem "grauen Nebel, der mich umfing", aber auch der leidenschaftliche Wunsch, Licht und Sicht - und sei es auch nur in der Erinnerung und Vorstellung - sowie eine lebhafte, visuelle lebendige Welt nicht verlieren zu wollen. Allein der Titel des Buches sagt alles, und der trotzige Ton ist von Anfang an nicht zu überhören.



Hull, der sich nachdrücklich dagegen entschieden hatte, die Fähigkeit zu bildlicher Vorstellung auch weiterhin zu nutzen, verlor sie in zwei, drei Jahren und konnte sich nicht mehr daran erinnern, wie herum die Zahl 3 geschrieben wurde; Torey war dagegen bald in der Lage, vierstellige Ziffern miteinander zu multiplizieren, indem er sich den ganzen Rechenvorgang wie auf einer schwarzen Tafel vorstellte und die einzelnen Schritte in verschiedenen Farben "aufmalte".



Torey wusste, dass die nicht länger durch tägliche Zufuhr der gewohnten Wahrnehmungsmenge gebremste Vorstellungskraft (oder das Gehirn) auf zügellos assoziative oder egoistische Weise lospreschen könnte - wie dies gelegentlich in Delirien, Träumen oder bei Halluzinationen geschieht. Deshalb behielt er eine vorsichtige, "wissenschaftliche" Haltung gegenüber seinen visuellen Vorstellungen bei und prüfte mit größtem Bedacht und allen ihm verfügbaren Mitteln die Genauigkeit seiner Bilder. "Ich lernte", schreibt er, "das Bild auf behutsame Weise in der Schwebe zu halten, um ihm erst dann Gewicht und Glaubwürdigkeit zu verleihen, wenn sich durch zusätzliche Informationen die Waagschale zu seinen Gunsten neigte." Bald besaß er genügend Vertrauen in die Verlässlichkeit seiner Bilderwelt, um ihr sein Leben anzuvertrauen, etwa als er eigenhändig das Dach deckte. Und dieses Vertrauen dehnte sich auf andere, rein geistige Projekte aus. So war er in der Lage, sich "das Innere eines arbeitenden Differenzialgetriebes" vorzustellen, "als sähe ich es aus dem Gehäuseinnern. Ich konnte die Zahnräder greifen, ineinander fassen, sich drehen und die nötige Bewegung hervorrufen sehen. Ich begann, hinsichtlich mechanischer und technischer Probleme mit der Innenansicht zu spielen, mir vorzustellen, wie im Atom oder in der lebenden Zelle Subkomponenten zusammenhängen." Torey war davon überzeugt, dass ihm diese Vorstellungskraft auf entscheidende Weise geholfen hatte, beim Geist-Gehirn-Problem zu einer Lösung zu finden, da es ihm gelang, sich das Gehirn als "ständigen Drahtseilakt interagierender Routinen" vorzustellen.



In einer berühmten Studie über Kreativität stellt der französische Mathematiker Jacques Hadamard vielen Wissenschaftlern und Mathematikern, unter ihnen auch Einstein, Fragen nach dem Denkprozess. "Die physischen Einheiten", erwiderte Einstein, "die als Gedankenelemente dienen, sind mehr oder minder klare Bilder, die 'willentlich' reproduziert und kombiniert werden können. Manche davon gehören dem visuellen, andere dem muskulären Typus an. Konventionelle Worte oder Zeichen müssen erst mühsam in einem zweiten Stadium dafür gefunden werden." Torey zitiert diese Stelle und fügt hinzu: "In dieser Hinsicht war Einstein durchaus nicht einzigartig. Hadamard fand heraus, dass nahezu alle Wissenschaftler ähnlich arbeiten, und mein Projekt wurde ebenfalls auf diese Weise entwickelt."



Die Synästhesie der Tibet-Reisenden Sabriye Tenberken

Bald nachdem ich Toreys Manuskript erhalten hatte, bekam ich den Korrekturabzug der Lebensgeschichte einer weiteren blinden Person zugeschickt: Sabriye Tenberkens "Mein Weg führt nach Tibet". Hull und Torey sind Denker, die sich auf verschiedene Weise mit der innersten Natur, dem Zustand von Gehirn und Geist befassen, doch Tenberken ist eine Macherin; sie ist - oft allein - durch ganz Tibet gereist, wo Blinde jahrhundertelang wie Untermenschen behandelt wurden, denen man weder Bildung, Arbeit, Respekt noch eine Stellung in der Gesellschaft zubilligte. Praktisch im Alleingang hat Tenberken in den letzten sechs Jahren diese Lage geändert, hat so etwas wie eine tibetische Brailleschrift entwickelt, Blindenschulen gegründet und geholfen, die Absolventinnen und Absolventen dieser Schulen in ihre Gemeinschaften zu integrieren.



Tenberken verfügte von Geburt an nur über eine eingeschränkte Sehfähigkeit, konnte aber bis zum zwölften Lebensjahr Gesichter und Landschaften erkennen. Als Kind lebte sie in Deutschland und hatte eine besondere Vorliebe für Farben, außerdem malte sie gern, und auch als sie Konturen und Formen nicht mehr erkennen konnte, vermochte sie doch noch, einzelne Objekte aufgrund ihrer Farbe auseinander zu halten. Tenberken verfügt über eine ausgeprägte Synästhesie. "Solange ich mich erinnern kann", schreibt sie, "riefen Zahlen und Worte augenblicklich Farben in mir hervor ... So ist die Zahl 4 zum Beispiel golden, 5 ist hellgrün, 9 zinnoberrot ... Auch Wochentage und Monate haben ihre Farben. Ich ordne sie außerdem in geometrischen Formen an, in Kreissegmente, etwa wie Kuchenstücke. Wenn ich mich erinnern will, an welchem Tag ein bestimmtes Ereignis vorgefallen ist, zeigt sich auf meinem inneren Bildschirm als erstes die Tagesfarbe, dann die Position des Kuchenstücks." Ihre Synästhesie hielt auch nach Einsetzen ihrer Blindheit an, sie schien sich dadurch sogar noch zu verstärken.



Obwohl sie seit nunmehr 20 Jahren völlig erblindet ist, fährt Tenberken fort, mit all ihren übrigen Sinnen, mit verbalen Beschreibungen, visuellen Erinnerungen und einem ausgeprägt bildhaften und synästhetischen Gespür "Bilder" von Landschaften und Räumen, Umgebungen und Ereignissen zu kreieren, derart lebhafte und detaillierte Bilder, dass sie ihre Zuhörer damit in Erstaunen versetzt.



Allerdings können diese Bilder manchmal auf dramatische oder auch komische Weise mit der Realität differieren. So erzählt sie zum Beispiel, wie sie einmal mit einem Gefährten auf dem Weg nach Nam Co war, dem großen Salzsee in Tibet. Eifrig wandte Tenberken sich zum See um und sah vor ihrem inneren Auge "am Rande einer riesigen, türkisgrünen Wasserfläche einen Strand aus kristallinem Salz wie Schnee im Licht der Abendsonne glitzern ... Und weiter fort, auf dunkelgrünen Bergrücken, hüteten ein paar Nomaden ihre grasenden Yaks." Wie sich herausstellte, hatte sie in die falsche Richtung "geblickt", nicht auf den See, sondern auf Felsen und eine graue Landschaft.



 Doch kleine Malheurs dieser Art können sie nicht im Mindesten aus der Fassung bringen - sie ist einfach froh, eine so lebhafte visuelle Vorstellungskraft zu haben. Im Grunde besitzt sie die Vorstellungsgabe einer Künstlerin, die impressionistisch, romantisch und unstimmig bleiben darf, während Toreys Vorstellung wie die eines Ingenieurs funktioniert, weshalb sie tatsachengetreu und bis in alle Einzelheiten genau sein muss.



Eine "typische" Blindenerfahrung?

Mittlerweile hatte ich drei Lebensberichte gelesen, die in ihrer Beschreibung visueller Erfahrungen von Blinden verblüffend unterschiedlich waren: Hull und sein bereitwilliger Abstieg in die bildlose "tiefe Dunkelheit", Torey mit seiner "zwanghaften Verbildlichung" und akribischen Konstruktion einer inneren Bilderwelt und Tenberken mit ihrer impulsiven, fast romanhaften, visuellen Freiheit sowie ihrer bemerkenswerten und besonderen Gabe für Synästhesie. Existierte, fragte ich mich verwundert, überhaupt so etwas wie eine "typische" Blindenerfahrung?



Vor kurzem traf ich zwei weitere Menschen, die als Erwachsene erblindet waren und die mir ihre Erfahrungen mitgeteilt haben.



Dennis Shulman, ein Psychoanalytiker und klinischer Psychologe, der auch Bibelkunde lehrt, ist ein liebenswerter, untersetzter, bärtiger Mann um die fünfzig, der als Teenager nach und nach sein Augenlicht verlor und beim Eintritt ins College vollständig erblindet war. Er bestätigte gleich, dass er andere Erfahrungen als Hull gemacht hatte: "Nach 35Jahren Blindheit lebe ich immer noch in einer visuellen Welt. Ich habe überaus lebhafte visuelle Erinnerungen und Bilder. Meine Frau, die ich nie gesehen habe, stelle ich mir bildlich vor. Auch meine Kinder. Ich sehe mich selbst - allerdings so, wie ich mich zuletzt gesehen habe, also im Alter von 13 Jahren, doch gebe ich mir größte Mühe, das Bild zu aktualisieren. Ich halte viele öffentliche Vorlesungen und schreibe meine Notizen in Braille, doch wenn ich sie in Gedanken durchgehe, sehe ich die Brailleschrift bildlich vor mir - sie besteht für mich aus visuellen, nicht aus taktilen Bildern."



Arlene Gordon, eine charmante Frau um die 70 und ehemalige Sozialarbeiterin, sagte, dass es für sie ganz ähnlich sei: "Wenn ich meine Arme bewege, sehe ich sie, obwohl ich seit über 30 Jahren blind bin." Offenbar übersetzte sie jede Armbewegung gleich in ein visuelles Bild. Hörbüchern zu lauschen, fügte sie noch hinzu, lasse ihre Augen ermüden, wenn sie zu lange zuhöre; offenbar "las" sie mit, der Klang der gesprochenen Worte wurde in gedruckte Sätze in dem deutlich imaginierten Buch vor ihren Augen verwandelt. Das verlangte eine kognitive Anstrengung (vergleichbar dem Übersetzen von einer Sprache in die andere), die früher oder später zu Augenschmerzen führte.



Das erinnerte mich an Amy, eine Kollegin, die im Alter von neun Jahren durch Scharlach taub geworden war, aber so gut von den Lippen lesen konnte, dass ich manchmal vergass, dass sie taub war. Als ich ihr einmal geistesabwesend den Rücken zuwandte und dabei weiter sprach, fuhr sie mich an: "Ich kann dich nicht mehr hören."



"Du meinst, du kannst mich nicht mehr sehen", erwiderte ich.



"Du magst es sehen nennen", antwortete sie, "aber für mich ist es hören." Obwohl Amy völlig taub war, konstruierte sie in Gedanken immer noch den Klang einer Stimme. Dennis wie Arlene sprachen gleichermaßen nicht nur von einer Intensivierung ihrer visuellen Bilderwelt und Vorstellungskraft, seit sie ihr Augenlicht verloren hatten, sondern auch von einer offenbar höheren Bereitschaft, durch verbale Beschreibungen - oder durch die übrigen Sinne, durch Ertasten, Bewegung, Hören oder Riechen - erhaltene Informationen in visuelle Formen zu übersetzen. Im Großen und Ganzen schienen ihre Erfahrungen denen von Torey zu gleichen, auch wenn sie ihre Fähigkeit zur Verbildlichung nicht in ähnlich systematischer Weise trainiert oder gar bewusst versucht hatten, eine vollständige virtuelle Welt zu schaffen.



Die Neurowissenschaft liefert zunehmend Belege für die außergewöhnlich reichhaltigen Vernetzungen und Interaktionen zwischen den einzelnen sensorischen Bereichen des Gehirns sowie der daraus resultierenden Schwierigkeit, behaupten zu können, etwas sei rein visuell, rein akustisch oder rein irgendwas. Dies wird allein schon durch die Titel einiger Aufsätze aus letzter Zeit deutlich - Pascual-Leone und seine Kollegen an der Harvard University schrieben "The Metamodal Organization of the Brain" und Shinsuke Shimojo und seine Gruppe bei Caltech, die über intersensorische Wahrnehmungsphänomene forschen, veröffentlichten eine Arbeit mit dem Titel: "What You See Is What You Hear", in der sie betonen, dass sensorische Modalitäten nie isoliert untersucht werden können. Die Welt der Blinden, der Erblindeten ist offenbar besonders reich an eben solchen Zwischenzuständen, diesen intersensorischen, metamodalen Zuständen, für die wir über keine gemeinsame Sprache verfügen.



Arlene Gordon "schaut" Venedig an

Arlene versteht sich, ebenso wie Dennis, immer noch als überwiegend visuellen Menschen. "Ich habe ein deutliches Farbempfinden", sagte sie. "Ich wähle meine Kleider selbst aus, und wenn ich erst einmal weiss, mit welchen Farben ich es zu tun habe, denke ich: Ach ja, das wird gut zu dem passen." Sie war tatsächlich sehr schick angezogen und offensichtlich auch stolz auf ihr Aussehen.



"Ich reise gern", fuhr sie fort. "Erst kürzlich habe ich Venedig 'gesehen'." Sie erklärte, wie ihre Reisegefährten die Orte für sie beschrieben und wie sie dann aus diesen Details, ihrer Lektüre und den eigenen visuellen Erinnerungen ein visuelles Bild konstruierte. "Sehende reisen gern mit mir", sagte sie. "Ich stelle Fragen, sie schauen hin und sehen Dinge, die sie sonst nicht gesehen hätten. Sehende Menschen sehen oft überhaupt nichts! Es ist für uns etwas Gegenseitiges - wir bereichern jeder die Welt des anderen."



Wenn wir sehen können, erzeugen wir mit Hilfe der Augen und der visuellen Informationen unsere eigenen Bilder so nahtlos und spontan, dass es uns vorkommt, als würden wir "Realität" unmittelbar erfahren. Vielleicht muss man selbst Farbenblinde oder Bewegungsblinde gesehen haben, Menschen, die durch Hirnverletzungen einen Teil ihrer visuellen Kapazitäten eingebüßt haben, um den enormen Aufwand an Analyse und Synthese zu begreifen und die mehr als ein Dutzend untergeordneten Systeme zu erahnen, die an dem subjektiv als so simpel empfundenen Akt des Sehens beteiligt sind.



Doch kann ein visuelles Bild durch nichtvisuelle Informationen erzeugt werden - durch Informationen, die von den anderen Sinnen kommen, aus der Erinnerung oder von verbalen Beschreibungen?



Es hat natürlich viele blinde Dichter und Schriftsteller gegeben, angefangen mit Homer, und die meisten wurden mit normaler Sehkraft geboren, verloren ihr Augenlicht dann aber in frühen oder späteren Jahren (wie etwa Milton). Als Junge habe ich gern Prescotts "Conquest of Mexico" und "Conquest of Peru" gelesen und damals gemeint, diese Länder zum ersten Mal durch seine intensiven Bilder, die fast halluzinatorischen Beschreibungen zu sehen. Erst Jahre später habe ich mit Erstaunen erfahren, dass Prescott Mexiko oder Peru nicht nur niemals bereist hat, sondern darüber hinaus auch seit dem 18. Lebensjahr praktisch blind gewesen ist.



Hatte er wie Torey die Blindheit kompensiert, indem er eine Vorstellungskraft entwickelte, mit der er sich gleichsam eine "virtuelle Welt des Sehens" schaffen konnte? Oder waren seine unglaublich visuellen Beschreibungen gewissermaßen nur simuliert und erst durch die evokative und bildliche Macht der Sprache ermöglicht worden? In welchem Maße kann eine Sprache, dieses Verbildern mit Worten, Ersatz für das Sehen sein, Ersatz für die visuelle, bildliche Imagination? Man hat schon häufig festgestellt, dass blinde Kinder sprachlich oft altklug wirken und in der verbalen Beschreibung von Gesichtern und Orten ein derartiges Geschick entwickeln, dass andere (und vielleicht auch sie selbst) unsicher werden, ob sie tatsächlich blind sind. Helen Kellers Bücher, um nur ein Beispiel zu nennen, verblüffen durch eine wahrhaft brillante Bildkraft.



Der blinde Partisan Lusseyran

Als ich Dennis und Arlene fragte, ob sie John Hulls Buch gelesen hätten, sagte Arlene: "Was ich las, hat mich völlig verblüfft. Seine Erfahrungen sind so ganz anders als meine." Womöglich, fügte sie noch hinzu, hatte Hull seiner inneren Vorstellungskraft "entsagt". Dennis pflichtete ihr bei, meinte aber: "Wir sind nur zwei, aber Sie müssen mit vielen Leuten reden ... und in der Zwischenzeit sollten Sie das Buch von Jacques Lusseyran lesen."



Lusseyran war ein französischer Widerstandskämpfer, dessen Biografie "And There Was Light" hauptsächlich von seinem Kampf gegen die Nazis und seinen späteren Erfahrungen im Konzentrationslager Buchenwald erzählt, doch finden sich darin auch viele schöne Beschreibungen seiner frühen Anpassung an die Blindheit. Er wurde durch einen Unfall blind, als er noch keine acht Jahre alt war, ein Alter, welches er "ideal" für einen solchen Vorfall nennt, verfügte er doch einerseits bereits über eine reichhaltige visuelle Erfahrung, während andererseits "die körperlichen wie geistigen Gewohnheiten eines Achtjährigen noch nicht besonders ausgeprägt sind. Der Körper ist noch unglaublich flexibel." Und Flexibilität wie Beweglichkeit sollten tatsächlich seine Reaktion auf die Blindheit charakterisieren.



Die anfänglichen Reaktionen drehten sich oft um Verlust, sowohl von Bildern als auch von Interesse:



"Kurz nach dem Erblinden vergaß ich die Gesichter meines Vaters und meiner Mutter, die Gesichter der meisten Menschen, die ich gern hatte ...  Ich hörte auf, mich zu fragen, ob Leute hell- oder dunkelhäutig waren, ob sie blaue oder grüne Augen hatten. Ich fand, dass sehende Menschen viel zu viel Zeit mit so etwas Unwichtigem vergeudeten ... Ich dachte nicht mal mehr daran. Menschen schienen derartige Eigenschaften gar nicht mehr zu besitzen. In meinen Gedanken hatten Männer und Frauen manchmal keine Köpfe oder keine Finger mehr."



Das erinnert an Hull, der schrieb: "Immer häufiger versuche ich, mir nicht einmal mehr vorzustellen, wie Menschen aussehen ... Ich finde es auch zunehmend schwieriger zu begreifen, dass Menschen überhaupt ein Aussehen haben und ich diesem Gedanken irgendeine Bedeutung beimessen sollte."



Doch während er die tatsächliche visuelle Welt und viele ihrer Wertvorstellungen und Kategorien aufgibt, beginnt Lusseyran, wie Torey, eine imaginäre visuelle Welt aufzubauen und für sich zu nutzen.



Es begann mit einem Gefühl von Licht, einem formlosen, strömenden, alles überschwemmenden Leuchten. Neurologische Fachbegriffe klingen in diesem beinahe mystischen Kontext notwendig ernüchternd, doch könnte man versuchen, dieses Phänomen als eine "Befreiung" zu verstehen, eine spontane, beinahe eruptive Erregung des Sehkortex, dem der gewohnte visuelle Input fehlt. Ein solches Vorkommnis ließe sich vielleicht mit dem Tinnitus oder mit Phantomschmerzen vergleichen, auch wenn es in diesem Fall von einem gläubigen und altklugen kleinen Jungen mit reger Fantasie den Anstrich des Übernatürlichen verliehen bekommen hat. Bald wird allerdings deutlich, dass es nicht nur um ein formloses Leuchten geht, sondern Lusseyran tatsächlich über grosse, visuelle Vorstellungskraft verfügt.



Lusseyran schuf sich einen Bildschirm

Kaum war der Sehkortex, das innere Auge, aktiviert, schuf sich Lusseyran in Gedanken einen "Bildschirm", auf den er projizierte, was er dachte oder sich erhoffte, um dann gegebenenfalls daran wie an einem Computerbildschirm zu arbeiten. "Dieser Bildschirm war nicht rechteckig oder quadratisch wie eine Schultafel, bei der man rasch an den Rand stößt", schrieb er. "Mein Bildschirm war immer so gross, wie ich ihn gerade brauchte. Da er keinen Platz im Raum einnahm, war er überall ... Namen, Gestalten und Objekte erschienen auf meinem Bildschirm gewöhnlich mit einer bestimmten Form, aber nicht bloß in Schwarzweiss, sondern in allen Regenbogenfarben. Nichts kam mir in den Sinn, ohne in ein gewisses Licht getaucht zu werden ... In nur wenigen Monaten hatte sich meine Welt in ein Maleratelier verwandelt."



Seine außerordentliche Vorstellungskraft war für den jungen Lusseyran enorm wichtig, nicht nur, wenn er etwas so offenkundig Nichtvisuelles wie Braille lernte (er stellte sich die Braille-Pünktchen bildlich vor, genau wie Dennis), sondern auch für all seine großartigen Erfolge in der Schule. In der wahren Welt war sie allerdings nicht minder wichtig. Er beschrieb Spaziergänge mit seinem sehenden Freund Jean, dem er, als sie einen Hügel oberhalb des Seine-Tals hinaufstiegen, sagen konnte:



"Sieh doch nur! Diesmal haben wir es bis ganz nach oben geschafft. Du kannst sogar die gesamte Flussschleife sehen, falls dich die Sonne nicht blendet!" Verblüfft riss Jean die Augen auf und rief: "Stimmt genau." "Diese kleine Szene sollte sich zwischen uns in ähnlicher Form noch tausendfach wiederholen."



"Jedes Mal, wenn ein Vorfall erwähnt wurde", berichtete Lusseyran, "wurde er auf den Bildschirm projiziert, auf eine Art innere Leinwand." In seiner Welt, fand Jean, gäbe es vergleichsweise weniger Bilder und nicht annähernd so viele Farben. Darüber ärgerte er sich manchmal. "In dieser Hinsicht", sagte er oft, "muss man sich doch fragen, wer von uns beiden eigentlich blind ist."



Seine hypernormalen Fähigkeiten zu bildlicher Vorstellung und visueller Manipulation - also sich Stellungen und Stellungswechsel von Menschen, die Topografie eines Raumes, Strategien für Angriff und Verteidigung vorstellen zu können - verbunden mit seinem Charisma (und dem scheinbaren Riecher beziehungsweise dem Gespür, Lügen aufdecken und Verräter enttarnen zu können), sollten Lusseyran zu einem Idol des französischen Widerstandes werden lassen.



Dennis hatte zuvor erzählt, wie er durch die Intensivierung seiner übrigen Sinne sensibler für die Stimmung anderer Menschen und für die feinsten Nuancen ihrer Rede und Selbstdarstellung geworden war. Er könne jetzt viele Patienten am Geruch erkennen, sagte er, und oft spüre er Spannungszustände oder Ängste, von denen sie selbst noch nichts ahnten. Außerdem, fand er, sei er viel empfänglicher für die emotionale Verfassung anderer geworden, seit er sein Augenlicht verloren habe, da ihn äußerliche Eindrücke, die doch die meisten Leute vorzutäuschen gelernt hätten, nicht mehr irreführen könnten. Stimmen und Gerüche dagegen offenbarten seiner Meinung nach die Abgründe der Menschen. Für ihn seien die meisten Sehenden, scherzte er, "visuell abhängig".



In einem angehängten Aufsatz regt sich Lusseyran über die "Tyrannei" des Sehsinnes auf, über seine "Verklärung", und er findet, es sei geradezu "Aufgabe" der Blinden, die Übrigen daran zu erinnern, dass es tiefere, wechselseitig, abhängige Wahrnehmungsweisen gibt. "Ein Blinder hat ein besseres Gespür für Empfindungen, einen besseren Geschmacks- und Tastsinn", schreibt er und nennt dies "die Gaben der Blinden", die seiner Meinung nach zu einem einzigen fundamentalen Sinn verschmelzen, einer tiefer dringenden Aufmerksamkeit, einer bedächtigen, fast greifbaren Achtsamkeit, einem sinnlichen, vertrauten Einssein mit der Welt, wovon uns das Sehen mit seiner schnellen, flatterhaften, oberflächlichen Art beständig abhält. Das kommt der Vorstellung Hulls von jener "tiefen Blindheit" sehr nahe, die nicht bloß eine Kompensation, sondern eine einzigartige Form der Wahrnehmung sei, eine einmalige und unvergleichliche Form der Existenz.



Was geschieht, wenn der Sehkortex nicht länger von visuellem Ballast eingeschränkt oder behindert wird? Die einfache Antwort lautet, dass der von der Aussenwelt isolierte Sehkortex hypersensitiv auf alle möglichen internen Stimuli reagiert: auf seine ureigene Aktivität, auf Signale aus anderen Gehirnregionen, sei es den akustischen, taktilen oder verbalen Bereichen, und auf die Gedanken und Emotionen des Blinden. Wenn das Augenlicht sich verschlechtert, kommt es gelegentlich zu Halluzinationen - geometrische Muster tauchen auf, manchmal auch stumme, sich bewegende Gestalten oder Szenen, die spontan aufscheinen und wieder verschwinden, ohne Bezug zu Bewusstseinsinhalt, Intention oder Kontext zu haben.



Die Chancen der Synästhesie

Derartiges wird offenbar von Hull beschrieben, doch sei es dazu fast ausschliesslich in jener Zeit gekommen, als er die letzten Reste seines Sehvermögens verlor. "Knapp ein Jahr, nachdem ich als blind gemeldet worden war", schreibt er, "erschienen mir Gesichter, wie sie früher einmal ausgesehen hatten, und zwar in solcher Deutlichkeit, dass sie mir fast wie Halluzinationen vorkamen."



Diese despotischen Bilder fesselten ihn derart, dass sie das Bewusstsein überlagerten: "Manchmal", fügte Hull noch hinzu, "verlor ich mich so vollkommen im Anblick dieser Bilder, die ohne mein Zutun zu kommen und zu gehen schienen, dass ich völlig den Faden dessen verlor, was man zu mir sagte. Wie geschockt kam ich hinterher wieder zu mir ... und fühlte mich, als hätte ich einige Minuten vor dem Radiogerät geschlafen." Diese Visionen waren zwar auf den Kontext eines Gesprächs mit anderen Menschen angewiesen, kamen und verschwanden aber ansonsten nach eigenem Gutdünken und ohne Bezug zu seinen sonstigen Absichten, waren sie doch nicht von ihm, sondern von seinem Gehirn heraufbeschworen worden. Die Tatsache, dass Hull als einziger von vier Autoren diese Art Befreiungsphänomene beschreibt, deutet möglicherweise darauf hin, dass der Sehkortex seiner Kontrolle entglitt. Man wird sich fragen müssen, ob damit nicht sein nahendes Absterben als eines Organs zur Produktion nützlicher visueller Bilder und Erinnerungen signalisiert wurde. Warum Hull dies widerfuhr und wie verbreitet derlei ist, darüber lässt sich wohl nur spekulieren.



Im Gegensatz zu Hull spielte Torey eine höchst aktive Rolle beim Aufbau seines visuellen Vorstellungsvermögens, nahm er die Kontrolle doch schon in dem Augenblick an sich, als ihm die Binden abgenommen wurden. Seither hat er unwillkürliche Bildpräsentationen, wie Hull sie beschreibt, offenbar niemals erlebt oder zugelassen. Einer der Gründe dürfte sein, dass Torey mit dem Vergegenwärtigen und Manipulieren von Bildern bereits vertraut war. Wir wissen, dass er schon vor dem Unfall einen starken Hang zum Visualisieren hatte und von Kindheit an durch die Drehbücher, die sein Vater ihm gab, im Erzeugen visueller Geschichten geübt war. Vergleichbare Informationen über Hull fehlen, da sein Buch erst mit dem Augenblick der Erblindung beginnt.



Für Lusseyran und Tenberken gilt ein weiterer physiologischer Faktor: Beide fühlten sich zur Malerei hingezogen, liebten die Farben und waren, ehe sie blind wurden, eindeutig synästhetisch veranlagt, stellten sich also Zahlen, Buchstaben, Worte, Musik et cetera gern in Farben und Formen vor. Für sie galt bereits ein Übermaß an Verbundenheit, es gab schon einen cross talk zwischen Sehkortex und jenen anderen Gehirnteilen, die primär für Sprache, Klang und Musik zuständig waren. Angesichts einer  solchen neurologischen Ausgangssituation (Synästhesie ist angeboren, meist vererbt) dürfte im Falle eines Erblindens der Fortbestand visueller Bilder und Synästhesien oder deren Intensivierung nahezu unvermeidlich sein.



Torey brauchte Monate intensiven, kognitiven Trainings, um seine Vorstellungskraft zu stärken, sie verlässlicher und geschmeidiger zu machen, während Lusseyran dies scheinbar mühelos und von Anfang an zu gelingen schien. Vielleicht hat es Lusseyran geholfen, dass er im Augenblick der Erblindung keine acht Jahre zählte (Torey dagegen schon 21), sein Gehirn also noch formbarer war und sich leichter an neue und dramatische Umstände anpassen konnte.



Doch die Anpassungsfähigkeit endet nicht mit der Jugend. Arlene, die bei ihrer Erblindung bereits über 40 war, konnte sich offensichtlich ebenfalls auf eine so radikale Weise anpassen, dass sie zwar keine regelrechte Synästhesie, dafür aber etwas Flexibleres und Nützlicheres entwickelte: Die Fähigkeit, die Bewegung ihrer Hände zu "sehen", die Wörter in einem ihr vorgelesenen Buch zu "sehen" und detaillierte visuelle Bilder aufgrund verbaler Beschreibungen heraufzubeschwören. Hat sie sich angepasst oder hat dies ihr Gehirn getan? Man ahnt, dass Toreys Anpassung überwiegend durch bewusste Zielsetzung, durch Absicht und Willenskraft gelenkt wurde, während Lusseyrans Anpassung von einer überwältigenden körperlichen Prädisposition bestimmt war und Arlenes Anpassung irgendwo dazwischen einzuordnen ist; nur was mit Hull geschah, bleibt weiterhin rätselhaft.



In letzter Zeit wurden eine Reihe von Arbeiten über die neuralen Grundlagen visueller Vorstellungsfähigkeit publiziert - letztere lässt sich durch bildliche Gehirndarstellungen mittels diverser Verfahren (PET-Scanning, funktionelle MRT et cetera) untersuchen. Inzwischen wird allgemein akzeptiert, dass die visuelle Vorstellungsfähigkeit den Kortex auf ähnliche Weise und mit vergleichbarer Intensität stimuliert, wie dies durch die visuelle Wahrnehmung selbst geschieht. Und doch haben Studien über die Auswirkungen des Erblindens auf den menschlichen Kortex gezeigt, dass erste funktionale Änderungen schon nach wenigen Tagen einsetzen können, um sich dann, wenn die Tage zu Monaten werden, zu grundlegenden Veränderungen zu manifestieren.



Torey, der diese Forschungen genau verfolgt, schreibt Hulls Verlust visueller Vorstellungsfähigkeit und visueller Erinnerung der Tatsache zu, dass er gar nicht erst versucht hat, sie beizubehalten, zu intensivieren, zu systematisieren und so zu nutzen, wie Torey es getan hatte. (Dieser zeigte sich sogar entsetzt über das, was er Hulls Passivität nannte, sein Abgleiten in die tiefe Blindheit). Vielleicht ist es Torey auf seine Weise gelungen, einen ansonsten unvermeidlichen Verlust neuraler Funktionen im Sehkortex zu verhindern, doch ist eine solch neurale Degeneration womöglich auch ziemlich variabel, unabhängig davon, ob es zu bewusster Visualisierung kommt oder nicht. Außerdem darf man nicht vergessen, dass Hulls Sehkraft allmählich und über mehrere Jahre hinweg nachließ, während Toreys Blindheit schlagartig einsetzte und absolut war. Es wäre sicher höchst interessant, die Ergebnisse eines Hirnscans bei diesen beiden Männern zu vergleichen, doch sollte man sich überhaupt eine möglichst große Zahl spät erblindeter Leute genauer ansehen, um herauszufinden, welche Korrelationen hergestellt, welche Vorhersagen getroffen werden können.



Die visuellen Vorstellungen Sehender?

Was aber wäre, wenn ihre Unterschiede auf eine vom Blindsein völlig unabhängige, tiefer liegende Prädisposition verwiesen? Wie ist es eigentlich um die visuelle Vorstellungsfähigkeit der Sehenden bestellt?



Als ich ungefähr 14 Jahre alt war, wurde mir zum ersten Mal bewusst, dass es grosse Unterschiede in visueller Vorstellungsfähigkeit und visueller Erinnerung zu geben schien. Meine Mutter war Chirurgin und vergleichende Anatomin, und ich hatte ihr aus der Schule das Skelett einer Eidechse mitgebracht. Sie betrachtete es einen Moment lang aufmerksam, nahm es in die Hände, drehte es, legte es dann beiseite und fertigte, ohne wieder hinzuschauen, mehrere Zeichnungen davon an, rotierte das Skelett dabei in Gedanken um jeweils 30 Grad, und entwarf so eine Serie von Skizzen, deren letzte wie die erste aussah. Ich verstand nicht, wie sie das zustande gebracht hatte, und als sie sagte, sie könne das Skelett in Gedanken so lebhaft und deutlich "sehen", als ob sie es sich anschaute, und sie bräuchte das Bild doch jedes Mal bloß um den zwölften Teil eines Kreises zu drehen, war ich ziemlich verblüfft und kam mir ganz dumm vor. Ich selber konnte vor meinem geistigen Auge so gut wie gar nichts sehen - höchstens blasse, flüchtige Bilder, über die ich keinerlei Kontrolle hatte.



Mir kamen lebhafte Bilder nur, wenn ich einschlief, auch in Träumen, und einmal, als ich hohes Fieber hatte - doch ansonsten sah ich nichts, oder doch fast nichts, wenn ich etwas zu visualisieren versuchte, und hatte grösste Mühe, mir jemanden oder etwas bildlich vorzustellen. Es mag ein Zufall sein, aber Zeichnen konnte ich auch für keine fünf Cent.



Meine Mutter hatte gehofft, ich würde in ihre Fußstapfen treten und Chirurg werden, doch als sie begriff, in welchem Maße mir jegliche bildliche Vorstellungskraft fehlte (und wie unbeholfen ich war, da mir auch jedes handwerkliche Geschick abging), fand sie sich damit ab, dass ich mich auf einem anderen Feld spezialisieren musste.



Dennoch erhielt ich einen lebhaften Eindruck davon, wie es war, über mentale Imaginationskraft zu verfügen, als ich in den sechziger Jahren eine Zeit lang mit Amphetaminen in großen Dosen experimentierte. Damit lassen sich verblüffende Veränderungen der Wahrnehmung erzielen, so unter anderem eine dramatische Steigerung visueller Vorstellungsfähigkeit und Erinnerung (ebenso wie die Intensivierung anderer Sinne, was ich in "Hundenase", eine Geschichte in "Der Mann, der seine Frau mit einem Hut verwechselte" beschrieben habe). Mir fiel auf, dass ich zwei Wochen lang höchst genaue anatomische Zeichnungen anfertigen konnte. Ich brauchte bloß einen Blick auf ein Bild oder ein anatomisches Modell zu werfen, und es blieb mir lebhaft und unverändert vor Augen; selbst nach Stunden vermochte ich es mir noch mühelos wieder ins Gedächtnis zu rufen.



In Gedanken konnte ich dieses Bild auch auf das Papier vor mir projizieren - ich sah es so klar und deutlich, als würde es von einem Projektor auf das Blatt geworfen - und die Umrisse mit einem Stift nachziehen. Meine Zeichnungen waren nicht besonders elegant, doch waren sie, wie jedermann bestätigte, sehr detailliert und präzise und konnten dem Vergleich mit den Zeichnungen in unseren neuro-anatomischen Lehrbüchern durchaus standhalten. Diese Steigerung meiner Vorstellungsfähigkeit erfuhr ich allgemein - ich brauchte mir bloß ein Gesicht, ein Bild, ein Kapitel in einem Buch vorzustellen und sah es deutlich vor Augen. Doch als der von den Amphetaminen hervorgerufene Zustand nach einigen Wochen abklang, konnte ich nichts mehr visualisieren, konnte keine Bilder mehr projizieren und nicht mehr zeichnen - und daran hat sich in den seither vergangenen Jahrzehnten auch nie wieder etwas geändert.



Sehende ohne Vorstellungskraft

Vor einiger Zeit hielt ich auf einer medizinischen Konferenz in Boston einen Vortrag zu Toreys und Hulls Umgang mit ihrer Blindheit und berichtete, wie "ungehindert" Torey durch die von ihm entwickelte Vorstellungsfähigkeit auf mich wirkte und wie "behindert" - zumindest in mancher Hinsicht - Hull mir durch den Verlust visueller Vorstellungsfähigkeit und Erinnerung vorkam. Nach dem Vortrag meldete sich ein Mann aus dem Publikum und fragte, wie gut meiner Meinung nach sehende Menschen ohne Vorstellungsfähigkeit zurechtkämen. Anschließend erklärte er, dass er nicht über die geringste Vorstellungsfähigkeit verfüge, zumindest über keine, die er bewusst aktivieren könne, genauso wenig wie sonst jemand in seiner Familie. Er hatte sogar lange geglaubt, dies würde für alle Menschen gelten, bis er einmal an psychologischen Tests in Harvard teilnahm und merkte, dass ihm offenbar eine geistige Fähigkeit fehlte, die alle übrigen Studenten in unterschiedlichem Maße zu besitzen schienen.



"Und was sind Sie von Beruf?", fragte ich, da ich mich wunderte, was denn dieser arme Mann überhaupt tun konnte.



"Ich bin Chirurg", erwiderte er. "Gefäßchirurg, außerdem Anatom. Und ich entwickle Solaranlagen."



"Aber wie erkennen Sie denn, was Sie sehen?", wollte ich von ihm wissen.



"Das ist kein Problem", antwortete er. "Ich denke, es existieren im Gehirn so etwas wie Abbilder oder Modelle, die mit dem verglichen werden, was ich sehe und tue. Allerdings sind sie mir nicht bewusst, ich kann sie mir nicht selbst ins Gedächtnis rufen."



Dies schien dem zu widersprechen, was ich von meiner Mutter wusste - sie hatte eindeutig über eine äußerst präzise und leicht zu manipulierende Vorstellungsfähigkeit verfügt, doch könnte dies auch einfach ein zusätzlicher Vorteil, eine Art Luxus und nicht unbedingt notwendige Voraussetzung für ihre Karriere als Chirurgin gewesen sein.



Galt das für auch Torey? Konnte es sein, dass seine so hervorragend entwickelte Vorstellungsfähigkeit ihm zwar Anlass zu mancher Freude gab, aber doch längst nicht so unverzichtbar war, wie er glaubte? Und konnte es nicht auch sein, dass ihm all das, was er getan hatte, ob nun Tischlern, Dachdecken oder die Konstruktion eines Modells unseres Verstandes, auch ohne bewusst vorgestellte Bilder gelungen wäre?



Wie denken Blinde und Sehende?

Die Rolle der Vorstellungsfähigkeit im Denkprozess ist von Francis Galton erforscht worden, Darwins temperamentvollem Vetter, der über so unterschiedliche Themen wie Fingerabdrücke, Eugenik, Hundepfeifen, Kriminalität, Zwillinge, Visionäre, Psychometrie und Genie durch Vererbung geschrieben hatte. Seine Nachforschungen über visuelle Vorstellungsfähigkeit stellte er mit Hilfe eines Fragebogens an, in dem unter anderem folgende Fragen vorkamen: "Können Sie sich präzise die Gesichtszüge aller nahen Verwandten und vieler anderer Personen ins Gedächtnis rufen? Können Sie nach Belieben den Vorgestellten sitzen, stehen und sich langsam drehen lassen? Können Sie ihn so deutlich vor sich sehen, dass Sie ihn in aller Muße abzeichnen können (falls Sie denn zu zeichnen vermögen)?" Der Gefäßchirurg hätte in einem solchen Test hoffnungslos versagt - und es waren auch genau solche Fragen gewesen, die ihn in Harvard überfordert hatten. Doch wie wenig war es letztlich darauf angekommen.



Hinsichtlich darauf, was die Bedeutung einer solchen Vorstellungsfähigkeit angeht, hält Galton sich bedeckt. Er deutet erst an, dass "Wissenschaftler als Kaste gesehen nur über eine schwach ausgebildete Fähigkeit zu bildlicher Repräsentation verfügen", um im nächsten Atemzug zu verkünden, dass "eine lebhafte Vorstellungsfähigkeit im Zusammenhang mit den komplexeren Prozessen höherer Abstraktionsvorgänge von außerordentlicher Bedeutung ist." Galton findet, es sei "eine unbezweifelbare Tatsache, dass Mechaniker, Ingenieure und Architekten gewöhnlich über die Fähigkeit verfügen, mentale Abbilder mit bemerkenswerter Klarheit und Präzision sehen zu können", fährt aber fort, er sähe sich "zu der Feststellung gedrängt, dass eine fehlende Vorstellungsfähigkeit derart wirksam von anderen Wahrnehmungsarten ersetzt wird, dass Menschen, die behaupten, ihnen fehle es gänzlich an der Fähigkeit, sich etwas in Gedanken vorzustellen, dennoch lebensgetreue Beschreibungen dessen von sich geben können, was sie gesehen haben, und sich auch sonst auszudrücken vermögen, als wären sie mit einer lebhaften Imagination gesegnet. Sie könnten sogar Maler an der Königlichen Akademie werden." Ich habe einen Vetter, einen Architekten, der behauptet, nichts visualisieren zu können. "Wie denkst du denn?", habe ich ihn da gefragt. Er schüttelte den Kopf und sagte: "Ich weiß es nicht." Aber weiß das überhaupt jemand?



Wenn ich mich unterhalte, ob nun mit Sehenden oder Blinden, oder auch wenn ich an meine eigenen inneren Bilderwelten denke, bin ich mir unsicher, ob Worte, Symbole oder verschiedenartige Bilder die primären Werkzeuge des Denkens sind oder ob es Formen des Denkens gibt, die all dem vorausgehen, Denkformen, die im Grunde amodal sind. Psychologen sprechen manchmal von "Interlingua" oder von "Mentalese", womit sie die ureigene Sprache des Gehirns meinen, und Lev Vygotsky, der große russische Psychologe, sprach gern vom "Denken in reinen Bedeutungen". Ich weiß nicht, ob das Unsinn oder tiefste Wahrheit ist, doch auf diesem Riff strande ich meist, wenn ich über das Denken nachdenke.



Das Blindsein zur Freisetzung der kreativen Fähigkeiten "nutzen"

Galtons offensichtlich widersprüchliche Aussage über das Vorstellungsvermögen - steht es nun im Gegensatz abstrakten Denkens oder ist es dessen integraler Bestandteil? - mag aus seinem Versäumnis herrühren, zwischen fundamental verschiedenen Ebenen des Vorstellungsvermögens zu unterscheiden. Das von ihm beschriebene einfache visuelle Vorstellungsvermögen reicht, um eine Schraube oder einen Motor zu konstruieren oder eine chirurgische Operation durchzuführen, und es dürfte relativ einfach sein, diese eigentlich reproduktiven Formen des Vorstellungsvermögens zu simulieren oder in Videospielen oder virtuellen Realitäten verschiedenster Art modellhaft nachzubilden. Doch so unschätzbar solche Fähigkeiten auch sein mögen, haftet ihnen dennoch etwas Passives, Mechanisches und Unpersönliches an, was sie grundsätzlich von den höheren und weit persönlicheren Fähigkeiten der Imagination unterscheidet, die ein kontinuierliches Streben nach Struktur, Form und Bedeutung, eine Aktivierung aller individuellen Fähigkeiten auszeichnet. Die Imagination löst auf und verwandelt, verbindet und kreiert, während sie auf solch "niedere" Fähigkeiten wie Erinnerung und Assoziationskraft zurückgreift. Erst durch diese Art Imagination, durch solche Vision schaffen und konstruieren wir unsere individuellen Welten.



Auf dieser Ebene lässt sich über die eigenen mentalen Landschaften nicht länger aussagen, was visuell ist, was akustisch, was Bild, was Sprache, was intellektuell, was emotional - sie alle sind mit unseren individuellen Perspektiven und Werten verschweißt und von ihnen durchzogen. Eine solchermaßen vereinigte Vision leuchtet ebenso aus Hulls Biographie wie aus der Toreys auf, obwohl der eine "nichtvisuell" und der andere "hypervisuell" wurde. Was anfangs ein so wesentlicher Unterschied zwischen den beiden Männern zu sein schien, fällt letztlich - zumindest was die persönliche Entwicklung und Sensibilität angeht - keineswegs ähnlich radikal aus. Auch wenn die Wege, die sie eingeschlagen haben, unvereinbar scheinen, haben doch beide auf eigene Weise ihr Blindsein "genutzt" (falls man ein solches Wort für Prozesse verwenden darf, die zutiefst rätselhaft bleiben und weit unter - oder über - der Ebene des Bewusstseins und jeder willentlichen Kontrolle angesiedelt sind), um ihre emotionalen Persönlichkeiten und kreativen Fähigkeiten freizusetzen, und beide haben ihre individuellen Welten auf vielfältige und umfassende Weise Wirklichkeit werden lassen.



Copyright© Oliver Sacks 2003



Erstveröffentlichung in The New Yorker, 28. Juli 2003.



Übersetzung aus dem Amerikanischen von Bernhard Robben. Die Veröffentlichung erfolgt mit freundlicher Genehmigung des Autors.



Copyright und Nutzungsrechte beim Autor.



Abdruck - auch auszugsweise - nur mit dessen ausdrücklicher Genehmigung.



(Aus: SZB-Information 134/2005 (März 2005); S. 34 - 51; Schweizerischer  Zentralverein für das Blindenwesen - SZB -)



http://www.szb.ch/files/75_info_134.pdf



Wir danken Oliver Sacks für die Nachdruckgenehmigung.

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