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Prof. Dr. jur Dr. h.c. Heinrich Scholler: Karl Britz - zum 80. Geburtstag

Am 2. September 2007 wurde der Oberstudienrat und Diplomphysiker Karl Britz 80 Jahre alt. Seine Weggenossen, seine Kollegen an der Deutschen Blindenstudienanstalt (blista), die Mitglieder unserer Selbsthilfeeinrichtung und die vielen Schüler, die er vor allem in Physik und Mathematik unterrichtet hatte, haben an diesem Tag an ihn gedacht als einen Pädagogen und Wissenschaftler, den man ohne Zweifel zu den bedeutendsten Persönlichkeiten der Deutschen Blindenstudienanstalt rechnen muss, wie dies sein Kollege aus Anlass des 70. Geburtstages vor einem Jahrzehnt zutreffend formuliert hatte.

Den heutigen Leserinnen und Lesern dieser Zeilen muss man vielleicht etwas mehr über seine Persönlichkeit sagen, da viele unter ihnen keinen unmittelbaren Eindruck von ihm mehr haben. Er schied mit dem 60. Lebensjahr aus dem Schuldienst aus und mit 65 Jahren wollte er auch nicht mehr für den stellvertretenden Vorsitz im Deutschen Verein der Blinden und Sehbehinderten in Studium und Beruf kandidieren. Er lehnte die ehrenvolle Ernennung zum Ehrenmitglied des Vorstandes ab, obwohl diese Ehrung wohlverdient gewesen wäre. Er stellte aber sein Wissen und seine Erfahrung auch weiterhin in den Dienst dieser akademischen Selbsthilfeeinrichtung. Markant war seine Persönlichkeit einmal durch seine geschliffenen kurzen Formulierungen und seine geradlinige logische Denkweise, die den Mathematiker kennzeichnete. Markant war er aber auch durch seine Körpergröße, denn Karl Britz maß zwei Meter und fünf. Hinter dieser eindrucksvollen Größe lebte aber nicht nur ein ebenso eindrucksvolles naturwissenschaftliches Wissen, sondern auch ein großer lyrischer Humor.

Schon während seiner Ausbildung an der Deutschen Blindenstudienanstalt traten seine physikalischen Interessen stark hervor und es war ihm natürlich selbstverständlich, dass er nach dem Abitur Physik studieren würde. Er immatrikulierte sich an der Universität Heidelberg und legte dort die Prüfung als Diplomphysiker in bemerkenswert kurzer Zeitspanne ab. Da der Beruf des Physikers für einen blinden Wissenschaftler zu unsicher war, schien es ihm sinnvoll zu sein, das gymnasiale Lehramt anzustreben und die dafür zusätzliche zweite Qualifikation an der Universität zu erwerben. Diese war die Mathematik. Allerdings hing seine Liebe lebenslang an der Physik, denn die Mathematik war nicht konkret genug für ihn, der auch gerade in der Umsetzung physikalischer Erkenntnisse in praktische Technik eine Lebensaufgabe sah. So unterhielt er auch in seiner Wohnung zwei Räume, in welchen er technische Instrumente herstellte. Ich kann mich noch sehr gut an ein Orientierungsgerät erinnern, das er entwickelte und auch herstellen ließ. Wir nannten es dann scherzhaft "schneller Britz".

Gerade diese praktische Hinneigung zum "Handgreiflichen" oder zum Physikalischen, um die Sache genauer zu benennen, machte es für ihn interessant, bei der Bundesbahnversuchsanstalt in den frühen 50er Jahren als Physiker zu arbeiten. Bei dieser Tätigkeit kam er auch nach München, wo ebenfalls die Bundesanstalt tätig war und wo wir uns zum ersten Mal trafen und kennen lernten. Unser erstes Zusammentreffen hing wohl mit den Abenden der Bezirksversammlung des Vereins der blinden Geistesarbeiter eitschlands e. V. (VbGD) zusammen, wie sich damals unser akademischer Selbsthilfeverband nannte.

In München traf ich Karl Britz ein zweites Mal, als er mit seiner Schulklasse aus der blista einen Landschulaufenthalt in der Burg Schwaneck durchführte. Diese Burg liegt auf dem linken Hochufer der Isar in der Gemeinde Pullach, die an den Münchner Süden angrenzt und damit von uns nur eine S-Bahnstation entfernt war. Wenn es der Aufenthalt im Landschulheim erlaubte, trafen wir uns und besprachen angeregt und doch in lockerer Atmosphäre unsere gemeinsamen Aufgaben und Ziele. Bei dieser Gelegenheit und auch später immer wieder habe ich bedauert, dass meine Aufenthalte in Marburg zeitlich sehr eng begrenzt waren. Ich konnte von München aus nach Marburg immer erst am Samstagvormittag anreisen, dann trafen wir uns mit dem Vorstand am Samstagnachmittag oder, wenn es zeitlich erforderlich war, auch schon früher, um dann und wann abends bei Karl Britz und seienr Frau Hedda im Paul-Ehrlich-Weg bei einem Glas Wein die arbeitsreiche Woche und den arbeitsreichen Tag ausklingen zu lassen. Wollte ich wenigstens am Sonntagnachmittag noch etwas bei meiner eigenen Familie sein, musste ich ja am darauf folgenden Tag wieder aufbrechen. Gespräche über die Familie, über Gott und die Welt kamen dann dabei leider immer zu kurz. 

Als aber im Jahre 1957 Dr. Mittelsten Scheid in den Ruhestand trat, übernahm Karl Britz an der Blindenstudienanstalt dessen Aufgabe als Mathematiklehrer. Mittelsten Scheid war früher sein Lehrer und wurde nach 1946 auch mein Mathematiklehrer in Marburg. Mich verband mit Karl Britz auch das Interesse an der Mathematik, ein Fach, das ich besonders liebte und das ich auch im Abitur mit einer besonderen Qualifikation abschließen konnte, obschon mir das Erlernen der Punktschrift damals noch große Schwierigkeiten bereitet hatte.

An dieser Stelle möchte ich seinen Kollegen Rauch zu Wort kommen lassen, der ihn zum 70. Geburtstag hinsichtlich seiner pädagogischen Befähigung wie folgt kennzeichnete: "Seine Schüler schätzten an ihm seine Fähigkeit, gerade komplizierte Sachverhalte ohne Umschweife prägnant und bündig zu erklären. Dabei konnte er als blinder Lehrer natürlich besonders gut auf die spezifischen Vorstellungsprobleme des blinden Schülers eingehen. So hat er gute Schüler erheblich gefördert, weniger Begabte aber auch nicht mit Notengeschenken überhäuft. Die besten Integrationschancen erhält der Blinde durch überdurchschnittliche Leistungen da wo er sie erbringen kann, sagt Britz in der Tradition von Strehl, Mittelsten Scheid, Freund, ... um nur einige Kollegen der alten Schule zu nennen. Das hat er nicht nur reklamiert, sondern auch vorgelebt." Karl Britz konnte auf 30 Jahre Lehrertätigkeit an der Carl-Strehl-Schule zurückblicken und hinsichtlich seiner aktiven Mitarbeit in der akademischen Selbsthilfe auf einen Zeitraum von 50 Jahren einer aktiven Mitwirkung, vor allem im Vorstand, bis er 1993 nach Erreichen des 65. Lebensjahres wie schon erwähnt nicht wieder bei der anstehenden Neuwahl zum Vorstand kandidieren wollte.

An dieser Stelle soll auch seine Tätigkeit für den DVBS (Deutscher Verein der Blinden und Sehbehinderten in Studium und Beruf), gewürdigt werden.

Karl Britz konnte bei seinem Ausscheiden aus dem Vorstand des DVBS schon auf 45 Jahre ehrenamtlicher Tätigkeit für die Selbsthilfe zurückblicken. Unter den Vereinsmitgliedern gab es damals wohl niemand, der dies so lange und so umfangreich getan hat. Er hat sich aber auch nach seinem Ausscheiden weiter ehrenamtlich für alle Aufgaben des Vereins eingesetzt, die ihm in seiner Eigenschaft als Physiker und Mathematiker besonders lagen.

Es begann schon 1947, als er die Leitung des Bezirks Nordbaden übernahm. Von 1968 bis zu seinem Ausscheiden aus dem Vorstand am 24. Oktober 1992 war er stellvertretender Vorsitzender des DVBS. Als ich in der ersten Hälfte der siebziger Jahre für fast drei Jahre eine Gastprofessur in Äthiopien innehatte, führte Karl Britz den Verein. Außerdem war er für viele Jahre Leiter der Fachgruppe "Mathematik, Naturwissenschaften und Technik". Er vertrat den DVBS bei vielen nationalen und internationalen Konferenzen, Kongressen usw. Zuletzt arbeitete er tatkräftig im Vorbereitungsteam für die "Erste europäische Konferenz über akademische und verwandte Berufe für Blinde und Sehbehinderte" in Loccum mit.

Karl Britz gehörte seit vielen Jahren dem Redaktionsausschuss der "Marburger Beiträge" und des "horus" an und außerdem dem wichtigen Haushaltsausschuss des DVBS. Ein hervorragender Experte ist Karl Britz auf dem Hilfsmittelsektor. Er hat so manche Entwicklung angestoßen und begleitet. Er war Mitglied des gemeinsamen Fachausschusses der drei deutschen Blindenselbsthilfeverbände für allgemeine Hilfsmittel. Er hat für die Zeitschrift "horus" eine große Zahl von Artikeln über Hilfsmittel verfasst. Ferner hat er an führender Stelle in der Kommission für die Reform der deutschen Blindenkurzschrift mitgewirkt, die die "Wiener Beschlüsse" erarbeitet und damit die Grundlage für die Automatisierung des Blindendrucks geschaffen hatte. Ebenso hat er sich für die Weiterentwicklung der Mathematikschrift eingesetzt und große Verdienste um den Aufbau der Deutschen Blinden-Hörbücherei erworben (Dr. Hauck, Vorstandsprotokoll, horus 1993, Heft 1, Seite 20).

Bezeichnend für seine optischen und astronomischen Kenntnisse ist ein Gespräch, über welches der Kollege Manfred Rauch berichtete, der sich eine Stelle in einem lateinischen Klassiker über optische Phänomene am Mond nicht erklären konnte und wohl auch im Kreise der Philologen keine Erklärung erhielt. Darüber hat der Kollege aus dem Lehrkörper der blista in der schon erwähnten Würdigung von Karl Britz anlässlich des 70. Geburtstages wie folgt berichtet: 1967 brütete der Philologe Rauch im lateinischen Hauptseminar über die Frage, was denn der physikalische Hintergrund für die im Sonnenlicht tanzenden Staubteilchen sei, die der römische Dichter Lukrez beobachtet und beschrieben hatte: "Nun, die Streuung von Licht an feinen Partikeln, die der irische Physiker John Tyndall 1867 entdeckt hat, ist dafür die Ursache", beschied Herr Britz meine Frage aus dem Stegreif mit der ihm eigenen lakonischen Kürze. "Wieso sieht man in klaren Nächten nicht nur die helle Mondsichel, sondern auch die schwach leuchtende ganze Mondscheibe?", fragte ich ihn ein anderes Mal. "Nun, das ist der Widerschein der auf dem Mond gerade zu sehenden (fast) Vollerde.", erklärte mir Herr Britz einige Zeit später ebenso eindrucksvoll." (Manfred Rauch. horus 1997, S. 143)

Als ich 1968 Nachfolger von Carl Strehl in der Funktion des Vorsitzenden des Vorstandes des Vereins der blinden Geistesarbeiter Deutschlands wurde, begann mehr als ein Jahrzehnt der intensiven Zusammenarbeit und bald auch der persönlichen Freundschaft mit Karl Britz. Er war stellvertretender Vorsitzender und kannte natürlich aus seiner langen Erfahrung nicht nur die verschiedenen Persönlichkeiten der blista und des Selbsthilfeträgers, sondern auch alle funktionellen und organisatorischen Probleme, die am Ende der Ära Carl Strehls aufgetreten und zu bewältigen waren. Carl Strehl hatte zwar an Dr. Horst Geißler sein Amt des Direktors seiner Schule abgegeben, aber die blista, und damit auch die Carl-Strehl-Schule, waren in eine Krise geraten. So wurde im Jahre 1970 plötzlich an mich der Wunsch herangetragen, auch die Direktion der blista zu übernehmen.

Hans Heinrich Schenk, unser ehemaliger Deutsch- und Geschichtslehrer, war extra nach München gekommen, um mir dieses Angebot zu machen. Es war eine große Ehre, und es erschien mir als eine große Herausforderung, dieses Amt zu übernehmen. Doch das Angebot kam zu spät, denn meine Lebensplanung hatte sich schon zu weit in eine andere Richtung entwickelt. Ich war seit einiger Zeit in der Verwaltungsgerichtsbarkeit tätig und unterrichtete als Privatdozent. Gerade kurz vor dem ehrenvollen Angebot erhielt ich die Berufung als außerplanmäßiger Professor an die Ludwig-Maximilians-Universität in München. So habe ich schweren Herzens abgesagt und versucht, durch einen mir adäquat erscheinenden Vorschlag eine günstige Lösung zu finden. Die Übernahme der Professur war mit einer weiteren Berufung im Jahre 1972 an die Haile Selassie-Universität nach Addis Abeba verbunden, wo ich von 1972 bis Anfang 1975 blieb, bis ich nach München an meine Heimatuniversität zurückkehrte. In dieser Zeit hat Karl Britz als mein Stellvertreter die akademische Selbsthilfevereinigung geführt. Natürlich habe ich auch von Ferne aus Afrika teilgenommen an der Diskussion um die Entwicklung von blista und VbGD, wie sich auch aus meinen Beiträgen im "horus" entnehmen lässt. Dennoch musste Karl Britz vor Ort die täglich anfallenden Arbeiten bewältigen und auch die programmatische Realisierung leisten. Unser Selbsthilfeverband verfügte nur über eine Halbtagskraft, und Karl musste nach Erfüllung seines Schuldienstes abends mit einer Frau Hedda mühsam die Post und alle anderen schriftlichen Vorgänge durchgehen und erledigen. Die Konzeption, die Karl Britz von seiner Aufgabe hatte, erkennt man am allerbesten, wenn man einen Aufsatz aus dem Jahre 1973 durchblättert, denn dort hat er seine konkreten Ziele umrissen.

Als nun Karl Britz Anfang 1973 als stellvertretender Vorsitzender allein die Aufgaben und die Zielrichtung des Vereins, wohl nach gemeinsamer Beschlussfassung, aber doch eigenständig in der Exekutive, zu realisieren hatte, veröffentlichte er im "horus" jenen einleitenden kurzen zweiseitigen Artikel unter der Überschrift "Perspektiven". Die dort in den Vordergrund gestellten Aufgaben und Zielrichtungen sind ganz bezeichnend für seine Sicht der Realisierung und Weiterentwicklung unseres Selbsthilfeverbandes. Die Carl-Strehl-Schule stand nicht mehr unter der Leitung des berühmten Mitgründers, sodass nun unserer Selbsthilfe eine wichtigere Rolle zufallen musste.

Äußeres Zeichen dafür war die Neugestaltung unseres Mitteilungsorgans, das wir nicht nur äußerlich neu aufmachten, ihm den Namen "horus" gaben, sondern das auch innerlich von der Thematik her eine eigene Politik betreiben und nicht nur als Beschaffer von Geldmitteln für die blista dienen sollte. Karl Britz hat aber auch den Vorschlag der Einführung einer Carl-Strehl-Plakette gemacht und sich intensiv für eine gestalterische Würdigung für Dr. Mittelsten Scheid eingesetzt. Interessant ist es nun, diese kurze Einleitung, diese Sammlung von Perspektiven, anzusehen, um das zu verstehen, was den Diplomphysiker Karl Britz bewegte und welche Zukunftsideen er zu realisieren trachtete. Bewusst beschränkt sich dieser Artikel auf das unmittelbare Ziel des Jahres 1973, lässt aber doch immer wieder auch darüber hinausgreifende Ideen erkennen. Zu Beginn wird die weitere und intensivere Förderung des "wissenschaftlichen Buches" betont. Er beklagt hier ein Phänomen, das wir damals intensiv diskutiert und als "Informationsdefizit" bezeichnet haben, unter dem vor allem blinde und sehbehinderte Gymnasiasten, Studenten und Akademiker leiden. Dieser Abschnitt aus dem Artikel soll hier wiedergegeben werden:

"Ein erster großer Schritt wurde getan mit der Inangriffnahme eines umfangreichen juristischen Repetitoriums (durch die DBH und die DBStA, unterstützt durch den VbGD). Andere Bücher werden folgen. Die Druckerei der Deutschen Blindenstudienanstalt konnte personell und ausstattungsmäßig erweitert werden, und es sind Überlegungen im Gange, wie der Computer - der ja seine Vertrautheit mit der reformierten Kurzschrift 14tägig unter Beweis stellt - auch für die Buchproduktion eingesetzt werden kann. [...] Beide Einrichtungen (DBH und DBStA) werden in steigendem Maße wissenschaftliche Literatur übertragen.

Auch auf dem Gebiet der technischen Hilfsmittel hat sich die Zusammenarbeit zwischen dem VbGD und dem Fachausschuss für Blindenhilfsmittel auf der einen und der Deutschen Blindenstudienanstalt auf der anderen Seite erheblich intensiviert."

Daneben erwähnte er aber auch die Weiterentwicklung der Hilfsmittel in Zusammenarbeit mit dem gemeinsamen Hilfsmittelausschuss der übrigen Verbände und der blista. Er beschäftigt sich hier auch mit dem damals entwickelten und auf den Markt gebrachten Lesegerät, dem Optacon. Er postuliert hier - wohl die rasche Entwicklung dieser Technik ahnend - die Forderung, dass jeder Schüler über ein solches Gerät verfügen können sollte.

Als nächstes Thema greift er das Problem der Mobilität auf, ein Thema das ihm besonders nahe lag, und das er auch persönlich hervorragend schon seit früher Jugend bewältigt hatte. Hier stellt er eine wichtige Forderung, die zu realisieren sei, nämlich, dass die Ausbildung der Rehabilitationslehrer möglichst einheitlich und zentral erfolgen sollte. Sein Interesse galt von Anfang an gerade dieser Arbeit, die die blista dann im RES (Rehabilitationseinrichtung für Blinde und Sehbehinderte) zur Verbesserung der Mobilität und der lebenspraktischen Fähigkeiten aufbauen sollte. Schließlich erwähnt er auch die neu entwickelte Aufgabe der Entwicklungshilfe, die durch meine ehrenamtliche Nebentätigkeit in Äthiopien in das Bewusstsein des Vereins getreten war.

Auch nimmt es kein Wunder, dass diese vielen Aufgaben es erforderlich machten, die Vereinssatzung neu zu gestalten und den neuen Aufgaben und Zielen anzupassen. Nach diesen gut zweieinhalb Jahren waren sowohl die Leitung der blista als auch die des DVBS wieder in einer Hand. Und rückschauend muss man sagen, dass es eine sehr gelungene Neuorganisation war, wenn auch die Umgestaltung - oder sagen wir der Umbruch - erst am Ende der 1970er und zu Beginn der 1980er Jahre stattfand. Als ich 1980 den Vorsitz niederlegen wollte, kam nach einem nicht ganz schmerzlosen Ringen eine neue Generation mit Dr. Otto Hauck an die Spitze des DVBS. Karl Britz, der weiterhin als Oberstudienrat und Diplomphysiker der blista in herausragender Stellung angehörte, blieb seiner Funktion als stellvertretender Vorsitzender treu, bis er aus Krankheitsgründen seine Aufgaben niederlegte.

Bisher war von dem Freund und Mitstreiter, dem Diplomphysiker und dem Mitgestalter des DVBS die Rede, weniger war davon gesagt worden, was ihn außerhalb der Naturwissenschaft und der Mathematik innerlich beschäftigte und bewegte. So stoßen wir mit Überraschung auf die Tatsache, dass er ein Meister der Fremdsprachen war. Er, der nur das Notwendigste in seiner Muttersprache sprach, wo jedes Wort und jeder Satz prägnant und kein Wort zu viel war, beherrschte nicht nur die im Gymnasium gelernten Sprachen perfekt, wie Latein und vor allem Englisch, das er fließend sprach, sondern auch Italienisch und Spanisch. Spanisch konnte er so gut, dass er auf einer großen internationalen Hilfsmittelausstellung in Hannover für die südamerikanischen und spanischen Delegierten dolmetschte, weil der dafür vorgesehene spanische Experte erkrankt war und nicht kommen konnte.

Dabei hatte es nicht sein Bewenden. Er hatte nebenbei Altgriechisch gelernt, sich intensiv mit Schwedisch und vor allem auch mit Russisch beschäftigt. Bei einer beruflich bedingten Besuchsreise nach Moskau in Begleitung des damaligen Direktors der blista, Hans Heinrich Schenk, war er der Dolmetscher und versuchte auch, Texte oder Inschriften, die Direktor Schenk, der kyrillischen Buchstaben nur bedingt mächtig, zu übersetzen.

Im Alter wandte er sich noch zwei sehr ausgefallenen Sprachen zu, dem Japanischen und dem Arabischen.

Karl Britz war aber auch sehr belesen. In seiner Bibliothek fand sich nicht nur Goethe, dessen Faust er sehr liebte, Rilkes Duineser Elegien, sowie Nietsche, aber auch das Matthäus-Evangelium in Punktschrift.

Scheinbar haben Physiker und Mathematiker, wie zum Beispiel der Schöpfer von "Alice im Wunderland", ein besonderes Verständnis und eine große Neigung zu skurrilen, auf jeden Fall zu humorvollen Werken der Literatur. So liebte Karl Britz vor allem Wilhelm Busch und Erich Kästner, und natürlich auch Eugen Roth und den von ihm besonders häufig zitierten Endrikat.

Dies soll aber nicht bedeuten, dass er nicht auch in Bezug auf die Romanliteratur ein umfangreiches Wissen hatte.

Nietzsche liebt ja gerade die Aphorismen, und er konnte Nietzsches Aphorismen, wie auch viele andere Philosophen zitieren. Eines seiner Lieblingszitate auf diesem Gebiet war folgender Aphorismus: "Viele Menschen haben einen Gesichtskreis vom Radius Null, ihn nennen sie dann ihren Standpunkt."

Über die geliebten Autoren und Weisheiten, ihre Sprüche und Verse lacht er gerne, wenn auch sein Lachen manchmal verbunden war mit etwas Ironie, wie es in den gern zitierten Worten von Wilhelm Busch vorkommt:

"Es sitzt ein Vogel auf dem Leim,

Er flattert sehr und kann nicht heim.

Ein schwarzer Kater schleicht herzu,

Die Krallen scharf, die Augen gluh.

Am Baum hinauf und immer höher

Kommt er dem armen Vogel näher.

Der Vogel denkt: Weil das so ist

Und weil mich doch der Kater frißt,

So will ich keine Zeit verlieren,

Will noch ein wenig quinquilieren

Und lustig singen wie zuvor.

Der Vogel, scheint mir, hat Humor."

Man möge mir verzeihen, wenn ich das bekannte Busch-Gedicht hier nur aus dem Gedächtnis zitiere, denn ich hatte leider nicht mehr die Möglichkeit, es präzise nachzuschlagen.

Für manche mag es überraschend sein, dass Karl Britz so belesen war, so viel Humor hatte und so viel lachen konnte, denn auf der anderen, man mag sagen auf der Außenseite, war er der Physiker, der Mathematiker und der Logiker, der mit einem knappen Satz schnell Dinge in ihrer "physikalischen Richtigkeit" beschrieb und benannte. Unter "physikalischer Richtigkeit" möchte ich das bezeichnen, was der nordamerikanische Mathematiker Noam Chomsky (geb. 1928, Philadelphia, Pennsylvania) in seiner Lehre von der Universalgrammatik ("Aspects of the Theory of Syntax", 1965), dem beschränkten Repertoire zentraler Begriffe in Bezug auf alle Sprachen, entwickelt hat. Die von ihm ausgehende Schule übertrug diesen Gedanken dann auch auf Zahlen, räumliche Beziehungen und Objekte. Genau diese Idee beherrschte auch Karl Britz, welche ich mit dem Begriff der "physikalischen Richtigkeit" seines Denkens bezeichnen möchte.

Aber auch auf dem Gebiet der Musik war er zu Hause, er kannte und liebte vor allem Schubert und Mozart, sang gerne und gut und bedauerte häufig, vor allem im Alter, dass er das Klavierspielen, das er als Schüler erlernt hatte, später bei Kriegsende und in der Nachkriegszeit aufgab.

Kehren wir zum Physiker zurück, zu dem Menschen Karl Britz, der die Physik auch deswegen so liebte, weil sie so handgreiflich sei.

Eine besondere Eigenschaft von Karl Britz war auch seine "physikalische Richtigkeit", wenn man seine direkte und geradezu kompromisslose Art so umschreiben kann und umschreiben darf, wie er auch im menschlichen Mit- und Zueinander das offene und echte Wort pflegte. Vielleicht darf man es so ausdrücken, dass auch zwischen den Menschen eine "physikalische Richtigkeit" herrschen sollte, wonach das Krumme eben krumm und das Gerade eben gerade ist und auch so bezeichnet werden muss. Dabei scheute er nicht, dass er vielleicht hier und dort mit seiner manchmal auch hartnäckig verfolgten Richtigkeit der Gedanken und Worte andere Menschen ratlos ließ. Diese "physikalische Richtigkeit" musste und durfte auch nicht durch Rhetorik oder Redegewandtheit beschönigt oder begründet werden, denn sie sprach ja für sich. 

Das "Handgreifliche", in welchem er vorzugsweise den Nutzen der Physik als praktische Wissenschaft sah, pflegte er auch selbst, nicht nur dadurch, dass er zwei technisch-handwerkliche Arbeitsräume hatte, sondern auch durch intensive Beratung der technischen Einrichtungen der blista und durch eigene technische Weiterentwicklungen. Diese galten der Hörbücherei, aber auch natürlich der Punktschriftdruckerei, die ja Bücher und Zeitschriften in moderner Punktschrifttechnik herstellen sollte. Dabei stand der Wunsch, möglichst viel wissenschaftliche Literatur herzustellen im Vordergrund. Er war so auch ein ständiger Verfechter des Druckes von naturwissenschaftlichen Zeitschriften, wie z. B. "Bild der Wissenschaft". Mit der traditionellen Form der Punziermaschinen in der Druckerei der blista gab es das Problem, dass nach dem Durchlauf der schwere Teil der Punktiermaschine manuell wieder in die Ausgangsposition zurückgebracht werden musste. Hier half Karl Britz durch einen Motor und eine Kette, welche diesen Vorgang automatisierte, sodass die beiden Punziererinnen von diesem schwierigen Arbeitsgang entlastet wurden. Das Stirnrunzeln und die kritische Betrachtung durch den zuständigen Techniker, der in diesem Motor und seiner Kette eine Gefährdung zu erkennen glaubte, wurde aber von den völlig überzeugten und entlasteten Punziererinnen schnell überwunden. So wurde das Britz"sche Laufwerk zu einem integralen Bestandteil des Punziervorganges.

Aber auch im eigenen Hause legte Karl Britz tüchtig Hand an. Als sein Arbeitszimmer eingerichtet wurde, hat er sich eine Schrankwand aus edlem Holz gefertigt, die von allen, auch von Fachleuten, bestaunt wurde. Er kontrollierte auch Schreiner und Handwerker eigenhändig. Als sein Fußboden gelegt wurde, hat er die Winkel nachgemessen und dem Handwerker vorgeworfen, dass sie alle nicht gerade seien. Da musste er aber erleben, dass gerade im technischen Bereich nicht immer die "physikalische Richtigkeit" maßgeblich sei. Der Schreiner sagte ihm: Bei uns ist der rechte Winkel einfach über den Daumen gepeilt.

Sechs Jahre lang war er Gutachter  für das BMFT (Bundesministerium für Forschung und Technologie) zusammen mit dem blinden Ingenieur und seinem langjährigen Freund Franz Kutschera, und hatte auch eine ähnliche Funktion im Programm "Jugend forscht". Er selbst hatte aber auch eigene technische Erneuerungen eingeführt oder Erfindungen gemacht. So z. B. das Audilux-Gerät, das den Flüssigkeitsinhalt von Behältnissen, aber auch die Lichtstärke eines Raumes akustisch anzeigte, oder die Verbesserung der Einrichtung für das Zeichengerät aufgrund von Gummifolien für blinde Schüler. Darüber hinaus war er auch in der Redaktion der Zeitschrift "Funk und Elektronik". Das eben erwähnte Audilux-Gerät, das er zur Feststellung des Flüssigkeitsgehaltes entwickelt hatte, wurde auch von der blista über Jahre hinweg produziert und vertrieben. Aber auch im praktischen Leben halfen ihm seine "handgreiflichen" Fähigkeiten: So die Applikationen von kleinen Eisenteilen an seinen Schuhen, um die Akustik beim Gehen zu verbessern oder für das Zupacken bei der Kleinkinder- und Babypflege, sodass er sich auch sehr schnell zum Spezialisten des Windelns seiner beiden Kleinstkinder entwickelte. Ich habe seine Frau Hedda allerdings nicht gefragt, ob sie bei den ersten Schritten oder sagen wir richtiger bei den ersten Griffen ihres Mannes als "Babysitter" nicht zitterte. Wie ich sie aber kenne, war sie von der Sicherheit und "physikalischen Richtigkeit", wenn man auch hier dieses Wort gebrauchen darf, von all dem überzeugt, was Karl eben so in die Hände nahm.

Immer wieder wird man mit Interesse und mit Erfolg seine vielen Veröffentlichungen durchsehen, denn die meisten von ihnen haben noch Aktualität oder beleuchten einen bestimmten Entwicklungsgang der Technik oder der Mobilität; es sind in den Marburger Beiträgen ca. 180 Veröffentlichungen, also ein reiches Ergebnis einer jahrelangen ehrenamtlichen Tätigkeit. Eine schwere Krankheit hat Karl Britz seit einiger Zeit daran gehindert, auch weiterhin schreibend oder beratend an allen Aktivitäten teilzunehmen. Wir sind sicher, dass seine vielen Anregungen und seine Einsatzbereitschaft auch für die neue Generation von Forschern und Lehrern ein Vorbild sein wird.

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