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Ich bin hier, um ein Geständnis abzulegen: ich hasse diesen Bau!
Er hat in den letzten Wochen sehr an meinem Nervenkorsett gerüttelt, meinen Kaffeekonsum spürbar nach oben getrieben und mich auch um die eine oder andere Stunde Schlaf gebracht.
Sie kennen vermutlich den berüchtigten Traum: man ist auf der Flucht, die Bedrohung, im vorliegenden Fall das Ferienende, kommt immer näher und die Beine versagen den Dienst.
Ich habe die Tage bis zum Schulbeginn gezählt, und Woche für Woche wurde deutlicher: wir würden es nicht schaffen:
Allein schon der Start! Schon Mitte der 90er Jahre wurde über einen notwendigen Erweiterungsbau nachgedacht; bei jedem prominenten Besuch wurde er ins Gespräch gebracht, und immer wieder musste der Wunschbau in die Schublade zurückgelegt werden.
Schließlich kamen Entwurfspläne auf den Tisch, ein Rundbau sollte es werden, etwas Besonderes, wie ein Auge würde es aussehen, wenn auch nur aus der Vogelperspektive. Dann meldeten sich die Stimmen der Betroffenen: ein Rundbau sei für Blinde und Sehbehinderte die am wenigsten zu empfehlende Bauform, was ich als Neuling in der blista eigentlich nachvollziehbar fand.
Auf der Parallelbahn bewegte die überaus rege Öko-AG der Schule die Idee des Passivhauses. Das Modell will ich hier nicht erläutern; wer zum Sommerfest bleibt, hat Gelegenheit, sich am Stand dieser AG kundig zu machen. Jedenfalls eine zukunftsweisende, eine unabweisbare Idee. Bauherr, Schulleiter und Architekten erklärten unisono ihre Bereitschaft, hinzuzulernen.
Die Waldorfschule Bremen ist teilweise als Passivhaus gebaut worden, dort fanden wir uns zur Besichtigung ein. Ernüchtert mussten wir feststellen, dass Schulbauten nicht das allerbeste Passivhaus-Modell abgeben. Das hat mit langen, ferienbedingten Leerständen zu tun und auch damit, dass bei uns eben nicht 34, sondern im Schnitt nur zehn Schüler in einer Klasse sitzen.
Die Öko-AG holte ostentativ ihre vom Land Hessen verliehene Fahne ein, während sich Vorstand und Schulleitung um einen neuen Entwurf der Architekten versammelten, den Entwurf dessen, was Sie heute hier erleben können.
Allerdings hatte man sich dazu den Mühen der Ebene zu unterziehen. Nicht enden wollende Gespräche im Finanzministerium, Anpassungen, Umplanungen, Korrekturen, Neuberechnungen … nach einem dieser entnervenden Termine fragte mich Dr. Weström, der frühere Schulleiter, der all die Jahre den Plan mit großer Geduld weiter getragen hat, was ich als Neuer denn glaube, ob denn jemals eine neue Schule auf dem blista-Gelände stehen werde.
Er ist ja hier; vielleicht erinnert er sich noch an meine Antwort: Wenn wir sie wirklich wollen, dann bekommen wir sie auch!
Die neuen Entwürfe der Architekten verblüfften uns. Ein Gebäude, das über 1.000 m² Nutzfläche bieten und sich gleichzeitig geduckt in das Gelände einfügen sollte; in dem nicht nur Musik unterrichtet, sondern auch angemessen vorgetragen werden sollte, in dem man sich, auch wenn man sich drin befände, wie draußen fühlen sollte.
Ein geräumiges und gleichzeitig unaufdringliches Gebäude, das spricht die äußere Gestalt und vor allem die Dachlinie an. Der größere Dachteil, der zunächst eher an Skispringen als an ein Schuldach denken lässt, nimmt die gegebene Geländesteigung auf, passt sich an.
Das Pultdach auf dem Querriegel des Hauses wiederum ist der Teil, der hangseitig von den angrenzenden Wohnungen her eingesehen werden kann. Daher fiel die Wahl auf ein Gründach. Dieses stellt sich für Sehende nach einem halben Jahr immer noch in mattem Rot dar, was nicht auf die falsche Farbe der verwendeten Pflanzen verweist, sondern auf deren gescheiterten Überlebensversuch. Am Gießen lag es jedenfalls nicht.
Herzstück des Hauses ist dieser Saal, die Aula, in der wir uns gerade befinden und die es bisher an der Carl-Strehl-Schule nicht gab. Hier war seit Beginn der Planung ein Akustikingenieur beteiligt, was insbesondere die Deckenkonstruktion beeinflusst hat. Ich hoffe, Sie können das Resultat dieser Bemühungen hören.
Das Dach über uns scheint wegen der üppig dimensionierten Fensterflächen auf beiden Seiten und das Fehlen von innen stehenden Pfeilern zu schweben. Hier soll nicht nur Musik, sondern auch Theater stattfinden, daher werden die nach Norden weisenden Fensterflächen ebenfalls noch Verdunkelungsmöglichkeiten erhalten.
Es fehlen dazu auch noch die Beleuchtungs- und Beschallungsanlagen, die an Traversen über Ihren Köpfen hängen sollten und die wir zunächst aus dem Investitionsrahmen zurückgezogen haben, um diesen einhalten zu können.
An dieser Stelle blenden wir gewöhnlich das Spendenkonto ein!
Im Untergeschoss sind eine Reihe kleinerer Räume entstanden, deren Wände schief, die Grundflächen bisweilen trapezförmig angelegt sind und die so aussehen, als hätte sie der Planer in der Silvesternacht entworfen. Es handelt sich um Übungsräume, die spezifische akustische Bedingungen aufweisen müssen.
Dass wir uns um ein Gebäude bemüht haben, das barrierefrei ist, insbesondere für blinde und sehbehinderte Menschen, muss wohl nicht betont werden. Und dass dies nie zu 100 % gelingt, wohl ebenfalls nicht.
Auch die Öko-AG hat zähneknirschend Frieden geschlossen mit dem neuen Haus, hat es doch immerhin ein Gründach und verfügt natürlich auch über eine ausgeklügelte Regenwassernutzung.
Der Werdegang dieses Gebäudes, das habe ich bereits angedeutet, verlief nicht ganz schmerzfrei, weil es alle Beteiligten vor harte Proben gestellt hat. Zunächst war um die behördliche Zustimmung und um die Finanzierung zu ringen. Es sei hier verraten, dass der Bau knapp 3,5 Mio. Euro gekostet hat, wozu das Land Hessen etwa die Hälfte, und der Landeswohlfahrtsverband eine weitere halbe Million beigetragen hat.
Dafür will ich mich an dieser Stelle sehr herzlich bedanken! Zwei Stiftungen konnten wir darüber hinaus dafür gewinnen, uns für einen Teil des Eigenanteils die Zinslast abzunehmen. Deshalb auch nicht minder herzlichen Dank an die Paul und Charlotte Kniese-Stiftung in Berlin und an die Dr. Georg-Stiftung in Bad Rothenfelde!
Bei der Auswahl der Firmen hatten wir eine durchaus glückliche Hand. Meistens. Mit ganz wenigen Ausnahmen. Von einer haben wir uns schließlich trennen müssen, weil die partout nicht einsehen mochten, dass das Dach bitte sehr kraftschlüssig mit dem Rumpf zu verbinden sei, ohne dass hierfür Mehrkosten anerkannt werden müssen.
Ich gebe auch gerne zu, dass der Ton in der Zielgeraden zunehmend ruppiger wurde; in den letzten Wochen vor Schulbeginn habe ich fast nur noch Drohbriefe verschickt, ohne die, da bin ich sicher, würde es hier drin noch recht zugig sein.
Aber ich will auch anerkennen, dass auf dieser Baustelle bisweilen unter erschwerten Bedingungen gearbeitet werden musste, teilweise bei laufendem Betrieb einer Blindeneinrichtung, teilweise in großer zeitlicher und räumlicher Enge. Hier dennoch die Ruhe bewahrt und eine wirklich akzeptable Arbeit abgeliefert zu haben, dafür gebührt den beteiligten Firmen, die ich jetzt sicher nicht alle aufzählen werde, ein ganz großes Dankeschön!
In der Regel empfangen ja die Chefs die Lorbeeren, und die tragen ja auch die Verantwortung. Ich denke aber eher an gewisse Vorarbeiter, die mir Tag für Tag eine große Portion Respekt abgewonnen haben mit ihrer Kompetenz, ihrer Lösungsorientierung, ihrer Freundlichkeit und ihrem Tatendrang. Falls sie heute unter uns sind, werden sie bestimmt wissen, dass ich sie gemeint habe.
Dank gebührt auch allen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern der blista, die trotz teilweise erheblicher Beeinträchtigungen über anderthalb Jahre ihre Arbeit unverändert fortgeführt haben und großes Verständnis dafür hatten, wenn ich mitunter etwas zappelig wurde.
So. Man soll das mit dem Danken ja nicht übertreiben. Aber eine kleine Gruppe fehlt noch, die sich vielleicht schon übergangen fühlt. Ohne Sie hätten wir vielleicht auch ein neues Schulgebäude hinbekommen, aber nicht dieses. Ich spreche von dem Architekten-Duo Frau Mechsner-Spangenberg und Herrn Metzker und von den Technik-Planern, Herrn Ellrich und Herrn Johannböke.
Sie haben uns ein außergewöhnliches Haus gebaut, um das man uns beneiden wird!
Ein Haus, in dem Pädagogik, Kunst und Leben zusammenfinden werden, ein Haus voller Licht, Raum und Ideen!
Natürlich stellt man hinterher immer fest, was man hätte anders, vielleicht sogar besser machen können. Damit muss und damit kann man leben.
Aber hier drin steckt eine Fülle architektonischer und technischer Details, die höchste Anerkennung verdienen. Ihre Zuversicht war ermutigend. Und wenn wir dann den steinigen Weg der Abrechnung ebenso gut miteinander gehen können, dann will ich zufrieden sein.
Ein fantastischer Bau. Ich liebe ihn. Aber das habe ich ja eingangs bereits gesagt.
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