



Suchen Sie in horus aktuell, unserem Newsletter, und horus online, unserer Vereinszeitschrift:
Liebe Leserinnen und Leser, liebe Mitglieder,
genau vor 90 Jahren, im April 1918, wurde die erste Nummer der "Beiträge zum Blindenbildungswesen" in Schwarzschrift publiziert. Herausgeber war die Marburger Blindenstudienanstalt unter ihrem Direktor Professor Alfred Bielschowsky, der auch Direktor der Marburger Universitäts-Augenklinik war. Nummer eins erschien etwa eineinhalb Jahre nach Gründung der Blindenstudienanstalt und während des Ersten Weltkrieges, den Bielschowsky in seinem Artikel über die Entwicklung und Ziele der Blindenstudienanstalt in jenem Heft als den "furchtbarsten aller Kriege" bezeichnete. Bekanntlich sollte diesem Krieg 21 Jahre später ein viel grausamerer folgen.
Außer dem genannten Bielschowsky-Artikel finden wir in Ausgabe eins auch den ersten Tätigkeitsbericht, erstattet vom Geschäftsführer Carl Strehl. Mit den zusammengetragenen Beiträgen wurde zum ersten Mal zeitnah aus der noch jungen Blindenstudienanstalt berichtet, in der damals Kriegs- und Zivilblinde ihre Studien aufnahmen (daher der ursprüngliche und noch immer gültige Name, der heute allgemein "blista" abgekürzt wird). Drei dieser Studenten kommen in jenem Heft selbst zu Wort. Auch über allgemeine berufliche Fragen blinder Akademiker, die rechtliche Stellung der Blinden nach dem Bürgerlichen Gesetzbuch und damals gebräuchliche Hilfsmittel wird berichtet. Eine "Chronik des Blindenbildungswesens im Jahre 1917/18" rundet die Ausgabe ab.
1924 veränderten sich die "Beiträge zum Blindenbildungswesen" zu einer periodisch erscheinenden Zeitschrift, die zuerst in Punkt-, später auch in Schwarzschrift gedruckt wurde. Seitdem werden die "Beiträge" nicht nur von der Blindenstudienanstalt, sondern auch vom 1916 in Marburg gegründeten "Verein der blinden Akademiker Deutschlands" (dem heutigen "DVBS") herausgegeben. Dadurch hat es unsere Zeitschrift von Anfang an verstanden, Bindeglied zwischen Blindenselbsthilfe und -fürsorge zu sein, seine Leserschaft über wichtige Neuheiten des nationalen und internationalen Blindenwesens, des Blindenrechts, über neue Hilfsmittel, Berufsmöglichkeiten für Blinde und Sehbehinderte, über neu erschienene Bücher usw. zu informieren.
Weiterhin kam es den Schriftleitungen bzw. Redaktionen immer darauf an, die Lesenden über die Marburger Einrichtungen selbst zu unterrichten. Ein weiterer wichtiger Bestandteil der Zeitschrift war stets der Abdruck wissenschaftlicher Artikel aus den verschiedenen Gebieten des Blindenwesens. Um diese Gestaltungsziele besser zu koordinieren, hatte der langjährige Vereinsvorsitzende und blista-Direktor Carl Strehl bereits zu Beginn der Ära der "Beiträge" in den 20er Jahren einige blinde Mitarbeiter gewinnen können. Der ersten Schriftleitung gehörten außer Strehl auch Dr. Wilhelm Steinberg aus Breslau (für den Bereich Psychologie), Dr. Dr. Rudolf Kraemer aus Heidelberg (für den Bereich Recht, genannt "Das Forum") und Privatgelehrter Eduard Güterbock aus Berlin (für die Rubrik "Aus aller Welt") an.
Mit den Jahrzehnten änderten sich Umfang und Inhalt der Ausgaben. Waren es zuvor monatlich erscheinende Hefte in Punktschrift (ab 1930 durch vier Hefte in Schwarzschrift pro Jahrgang ergänzt), wurde der Umfang 1943 jährlich auf sechs Hefte in Punktschrift reduziert. Da die Verantwortlichen auf die Information der blinden Mitglieder und Leser den größten Wert legten, wurde die Herausgabe der Punktschriftversion besonders gefördert. Aus diesem Grund erschien die Schwarzschriftausgabe lange Zeit in geringerer Auflage. Von 1954 bis 1977 gab es nur zwei Hefte pro Jahr. Die Zahl der jährlichen Ausgaben wurde 1978 um eine erweitert. Von 1981 bis 1999 erschienen vier Hefte pro Jahr.
Inhaltlich wurde stets versucht, mit der Zeit zu gehen, was gerade in der "Gleichschaltungsära" von 1933 bis 1945 oft schwierig war. Für die Nachgeborenen ein höchst umstrittenes Thema, da in den "Beiträgen" auch politisch der Ton der Zeit angestimmt wurde, manchmal mehr als nötig! Als die "Marburger Beiträge" ab 1949 wieder produziert wurden, wollte man davon zunächst nichts wissen. Erst ab den 80er Jahren wurde ausführlicher über das "dunkle Kapitel" diskutiert - auch in unserer Zeitschrift.
Eines aber lässt sich über den wohl größten Teil der Epoche der "Beiträge" sagen: Man hat immer den Spagat versucht, wissenschaftliches Fachblatt wie Vereinszeitschrift zu sein, und dies auch gerade Ende der 60er Jahre, als sich blista und Verein neu formierten. Ende 1968 schlug Strehl vor, den Umfang der "Beiträge" auf vier Hefte pro Jahr in Punktschrift und ein Heft in Schwarzschrift aus Kostengründen zu reduzieren (vgl. seinen Jahresrückblick im letzten Punktschriftheft 1968). Bekanntlich wurde daraus nichts.
Doch was brachten die "neuen Schwerpunkte" in der Arbeit der "Marburger Beiträge" ab 1969? Vor allem einen neuen Titel für die Schwarzschriftausgabe. Er lautete: "horus - Marburger Beiträge zum Blind-Sehen". Dr. Heinrich Scholler, der damalige Vereinsvorsitzende, wollte mit diesem Titel das geistige Sehen derjenigen dokumentieren, die des körperlichen Sehens beraubt waren. Eine etwas seltsame "Ansicht", die in der Leserschaft gespalten aufgenommen wurde. Trotzdem hat sich der Name "horus" (nach der einäugigen Gestalt aus der ägyptischen Mythologie, symbolisiert durch das abgebildete Auge auf dem Titelblatt) erhalten. Es dauerte jedoch noch genau 30 Jahre, bis "horus" als Hauptsachtitel für alle Ausgaben gelten sollte.
Ab 1981 wurde der Umfang der Punktschrift auf zwei Teile pro Ausgabe erweitert. Im Jahr 2000 erfolgte die Vereinheitlichung des "horus" auf sechs Hefte pro Jahr in allen Versionen. Warum man nicht schon damals den Umfang reduzierte, lässt sich damit erklären, dass es noch kein "horus aktuell" gab, jenen E-Mail-Newsletter von DVBS und blista, der sich bei den Abonnenten großer Beliebtheit erfreut und seit seiner Einrichtung am 1. Juli 2003 zur Ergänzung des "horus" geworden ist.
Und heute, 90 Jahre nach Veröffentlichung der ersten "Beiträge", soll sich wieder etwas ändern. Wie aus meinem Rückblick hervorgeht, ist das, was nun beginnen wird, nicht neu, so auch die erwähnte Anregung zur Reduzierung des Umfangs. Wie damals in den 20er Jahren, so soll es auch jetzt wieder eine Redaktion mit "Ressortchefs" geben. Der "horus" soll zu einer führenden Fachzeitschrift des Blinden- und Sehbehindertenwesens werden.
Das "Horuskop" für 2008 sagt voraus, dass unsere Zeitschrift auch im neuen Format gern gelesen wird und sich auszeichnet durch interessante Fachbeiträge abwechslungsreichen Inhalts. "Die Welt schreitet voran. Stillstand ist Rückschritt. Auf dem Gebiete des Blindenwesens arbeiten wir für den Fortschritt." (Strehl 1964 am Ende eines Kongressberichts).
Ihr und Euer
Jochen Schäfer
horus-Archiv
Zurück zum Inhalt von 1/2008 |horus im Überblick
Startseite
|
Kontakt
|
Impressum |
Hilfe