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Wer sich als blinder oder sehbehinderter Mensch selbständig in einer unbekannten Umgebung zurechtfindet, zeigt räumliche Mobilität. Zwischenfälle jagen den Betroffenen oft Angst ein. Hier stelle ich dar, wie Sehgeschädigte sich dieser Angst erwehren und jene Freiheit erleben können, welche ein Sieg über die Angst gewährt.
Ein Steinzeitmensch, der selbst vor ungefährlichen Schlangen Angst hat, begegnet bei der Nahrungssuche plötzlich einer Riesenschlange. Er erstarrt vor Schreck. Still hingekauert hört er, wie die Schlange nach ihm sucht. Bald darauf raschelt sie hinter ihm im Gras. Nun verleiht die Angst ihm Flügel! In Rekordgeschwindigkeit rast er drauflos. Je länger er am Leben bleibt, desto mehr wird er Herr der Situation: bald schlägt er Haken und erschwert der Schlange die Verfolgung. Schließlich dreht er sich um und sieht das Untier knapp 50 Schritte hinter ihm den Kopf heben. Da nimmt er seine Schleuder und einen flachen Stein, zielt mit bedacht und trifft ihren Kopf. Sekunden später tritt er auf die in letzten Zuckungen liegende Schlange, weidet sie fachgerecht aus und kehrt mit Haut und Fleisch zu den Seinen zurück. Heute ist er gewiss der Größte, denn er hat seinen Stamm vom Hunger und sich selbst von der Fessel seiner Angst befreit.
Angst kommt vom lateinischen Wort "Angustia", das "Enge, Bedrängnis" bedeutet. Die erste Angst auslösende Situation erlebt jeder Mensch Laut Sigmund Freud [2] bei der Geburt, wenn sich das Kind aus dem engen Mutterschoß ins Unbekannte drängt.
Beispiel: Vor Jahren hatte ich ein Bewerbungsgespräch bei der Evangelischen Kirche in Magdeburg. Ich beging den Weg selbständig, obwohl er mich durch schwieriges und unbekanntes Gelände führte. "Wie sieht denn das aus", dachte ich, "wenn ich mich als Psychologe bewerbe und dann hilflos in Begleitung aufkreuze?" Ich marschierte los, konzentrierte mich auf den Weg. In Gedanken war ich beim Gespräch.
Plötzlich erschien unmittelbar vor mir ein "rasender Drahtesel". Der Stock schlug an das Fahrrad, der darauf sitzende Mensch schimpfte, als ich mich aus der Erstarrung löste und zur Seite sprang.
Kurze Zeit später war ich nicht sicher, ob ich die richtige Straße genommen hatte. Baulärm war zu hören. Vielleicht würde ich durch die Baustelle müssen. Ich brauchte Gewissheit. Vor mir hörte ich Schritte. Ich stürzte drauflos und rief: "Ist das die Wiedemannstraße?" und "Wohin führt sie von hier?" Die Dame, deren Schritte ich gehört hatte, war erschrocken. Sie blieb kurz stehen, bevor sie wortlos weiterging. Was scherten mich in meiner Lage schon Regeln des Anstands? Ich brüllte die Frage hinter ihr her.
"Nicht in diesem Ton", sprach sie, und ergänzte: "Das weiß ich nicht". Nun machte mich die Angst hilflos. Niemand sonst war zu hören. "Aber Sie können das doch herausfinden und Straßenschilder lesen. Ich muss in 15 Minuten beim Bewerbungsgespräch in der Kirchgasse sein", jammerte ich. "Das ist Ihr Problem", entgegnete sie, "wenn Sie sich nicht zurechtfinden und es eilig haben". Die Frau ging und ließ einen völlig verängstigten Arne zurück.
Mit diesen Auslösern setzen sich alle Menschen auseinander. Die Welt ist aber als "Welt für Sehende" [3] eingerichtet - die meisten finden nur wenige Angstauslöser in der räumlichen Umwelt, und mit den Erwartungen der Gesellschaft kommen sie auch zurecht.
Anders kann sich die Situation für Sehgeschädigte darstellen, besonders für Spät- und Alterserblindete. Aus früher leicht gemeisterten Situationen erwachsen ihnen Angst machende, unüberwindlich scheinende Hürden. Die Erfahrung, von Angst beherrscht zu sein und in aller Öffentlichkeit hilflos zu wirken, will man natürlich vermeiden. Das "Ei des Kolumbus" haben viele blinde Menschen für sich entdeckt: sie verzichten auf selbständiges Zurechtfinden im Raum. Dieser Möglichkeit möchte ich gerne bessere Alternativen entgegensetzen.
Dazu stelle ich den Ansatz vor, der in der kognitiven Verhaltenstherapie bei Angststörungen zur Anwendung kommt. Ich beziehe mich dabei auf Willi Butollo. [4]
Erschwerend bei der Angstbewältigung in der räumlichen Mobilität kommt für sehgeschädigte Menschen hinzu, dass sie oft andere Strategien nutzen müssen als Sehende. Die Auseinandersetzung heißt daher häufig: Neue Strategien kennenlernen und einüben. Der Aufwand mag manchen schrecken, doch nur mit diesem lässt sich die Angst besiegen und die daraus resultierende Freiheit erleben.
Wie frei wir uns fühlen, hängt von der Zahl der Alternativen in der betreffenden Situation ab: je mehr zur Verfügung stehen, desto mehr Freiheit erleben wir.
Bewerbe ich mich auf qualifizierte Stellen, erwartet die Gesellschaft von mir, dass ich selbständig Reisen durchführe. Diese erwarteten Verfügbarkeiten nenne ich Freiheitserwartung. Individuelle Freiheit erfahre ich in der bestimmten Situation.
Sind wir von Angst besessen, hat Freiheit keinen Platz. Je größer die Angst, und je besser wir sie überwinden, desto mehr Freiheit werden wir erleben.
Mit jedem Weg, den wir selbständig erledigen können, gewinnen wir mindestens eine weitere Alternative. Je größer die räumliche Mobilität ist, desto eher können wir die Erwartungen der Gesellschaft erfüllen.
Freiheit gibt es jedoch nur mit Alternativen. Selbständig jeden Weg begehen zu müssen, egal wie schwierig er ist und wie schlecht es mir geht, macht mich zum Sklaven meiner Erwartungen oder der Erwartungen der anderen an mich.
Wie Birgit Drolshagen feststellte, stehen neben dem "Selbermachen" immer noch der "Einkauf von Assistenz" und die Bitte um Unterstützung durch Freunde, Verwandte usw. zur Verfügung. [5]
Räumliche Mobilität wird zur Freiheit, weil ich die mir zur Verfügung stehenden Wege begehen kann, aber nicht begehen muss.
Stress im Straßenverkehr lässt sich kaum vermeiden - man denke an das plötzlich auftauchende Fahrrad. Aber freitags am Hauptbahnhof in Köln fällt es mir wegen des Halls und der vielen einander überlagernden Geräusche oft schwer, die Informationen rechtzeitig zu bekommen, die ich brauche, um mein Ziel zu erreichen. Ich erlebe dann einen Mangel an Gemütsruhe, und der führt bei mir leicht zum Aufkommen von Angst.
Bei den ersten vier Aufgaben stimme ich mit Foulke überein. Doch gehört Anmut notwendig zur räumlichen Mobilität? Alte Menschen, die wegen motorischer Einschränkungen den Stock nicht elegant führen können, würden dann nie mobil. Sie müssten sich überlegen, ob sie besser zu Hause blieben. Foulke meint nämlich: Wirkt der Gehstil plump und hilflos, verstärken Blinde die unerwünschten Eindrücke, die über sie im Umlauf sind (S. 129).
Wer gut navigiert, aber sich schlecht orientiert, verläuft sich oft und bekommt selten blaue Flecke. Wer sich gut orientiert, aber schlecht navigiert, kommt mit blauen Flecken an, wo er hin will.
Das Landmarkenpotential hängt von der Methode der Wegbewältigung ab. Fährt man einen Weg im Auto, hört man kaum die dort präsenten Geräusche. Diese kommen also für einen Autofahrer kaum als Landmarken in Frage. Für den blinden Menschen zu Fuß bilden sie dagegen eine der besten Landmarkenquellen.
Bei der Voraussicht unterscheiden Barth und Foulke zwei Arten: Voraussicht aufgrund von Wahrnehmungen und Voraussicht aufgrund von Vorerfahrungen. Beides geht Hand in Hand.
Wie blinde Menschen zu räumlichen Vorstellungen kommen können, demonstriere ich am Beispiel des Hörnetzes. Das Hörnetz ist die Geräuschkulisse eines Raumes oder Geländes. Es besteht aus den typischen Geräuschen und den Orten ihres typischen Auftretens. [10]
Wenn ich einen unbekannten Raum betrete und dort einen Overheadprojektor summen höre, erkenne ich zunächst die Richtung, aus der er summt. Ich höre ebenso den Hall von den Wänden und kann abschätzen, wie groß der Raum sein könnte. Die Schätzung mag falsch sein, weil andere Hindernisse den Schall brechen könnten. Ich muss also den Raum begehen und bekomme dabei mehr und mehr Geräusche sowie Echos von Wänden und anderen Hindernissen mit.
Je öfter ich den Raum begehe und dabei genau zuhöre, desto dichter "knüpfe" ich das Hörnetz und desto besser weiß ich, welche Geräusche ich wo zu erwarten habe, und welche Begrenzungen der Raum hat. So entsteht eine Raumvorstellung aus Wahrnehmungen und Gedächtnisinhalten früherer Erfahrungen, die mich immer besser mein Landmarkenpotential einschätzen lässt. Dieses Raumschema hilft mir auch, Tasteindrücke oder Gerüche darin unterzubringen.
Langsam entsteht aus dem Hörnetz und anderen Wahrnehmungen bzw. Erfahrungen eine Raumvorstellung, mit der ich eine Karte des Raumes aus dem Gedächtnis zeichnen kann. Das Ergebnis ist meine kognitive Karte. [11] Nicht anders gehe ich vor, wenn ich mir draußen im Straßenverkehr ein Gelände vorstellen möchte. Es wird dann schnell schwierig, mir eine kognitive Karte zu bilden. Bis ich z.B. weiß, worin auch nur die typische Geräuschkulisse eines längeren Weges besteht, können sehr viele Begehungen nötig sein. Also muss eine andere Art der Wegvorstellung her, die schneller zu bekommen ist und ähnliches leistet. Meiner Ansicht nach ist das der kognitive Laufzettel. [12] Diesen stelle ich mir wie eine Liste von Anweisungen vor, die ich abarbeite, um vom Ausgangs- zum Zielpunkt zu gelangen. Neben den sprachlich formulierten Anweisungen enthält der kognitive Laufzettel ergänzend auch räumliche Informationen. Was wo und wie im Raum los ist, wird für entscheidende Orte besonders intensiv untersucht und im Gedächtnis gespeichert. [13]
Mehr geographische als räumliche Orientierung: Sehende können oft größere Wegabschnitte als Ganzes überblicken und sich anhand ihrer Wahrnehmungen räumlich orientieren. Sehgeschädigten fehlt meist diese "Übersicht". Sie müssen selbst kurze Wegabschnitte planen und sich stückweise eine Vorstellung von ihnen zusammensetzen (geografische Orientierung). Sie brauchen also mehr Vorinformationen über einen unbekannten Weg als Sehende. Gerade diese Informationen stehen ihnen häufig jedoch nicht zur Verfügung.
Volle Aufmerksamkeit: Sehgeschädigte müssen mit voller Aufmerksamkeit einen Weg begehen. Dabei lassen sich vier Aspekte der Aufmerksamkeit unterscheiden: [14]
Natürlich erfordert das Begehen eines Weges auch von voll Sehenden alle Aspekte der Aufmerksamkeit. Derselbe Weg verlangt aber von Sehgeschädigten weit mehr Konzentration, weil diese die Gesamtvorstellung des Weges aus kleineren Einzelteilen zusammensetzen müssen als Sehende.
All das lässt sich nicht durchführen, wenn man in Gedanken woanders ist, oder es einem sehr schlecht geht. Bis über beide Ohren verliebte oder schwerkranke blinde Menschen sollten schwierige unbekannte Wege nicht selbständig begehen und die Freiheit der Unselbständigkeit aus Verantwortung im Verkehr zeitweilig nutzen.
Der Deutsche Blinden- und Sehbehindertenverband (DBSV) geht von 155.000 Blinden und 600.000 Sehbehinderten in der Bundesrepublik Deutschland aus. [15] Er rechnet die Zahlen der Blindengeldempfänger, die in einigen Bundesländern 1995 bekannt waren, auf die Gesamtrepublik hoch. Das Bundesamt für Statistik kommt für das Jahr 2003 auf rund 81.000 Personen mit dem Merkzeichen "bl" für "blind" im Schwerbehindertenausweis. [16]
Unbestritten ist die Altersverteilung blinder Menschen: Mehr als zwei Drittel von ihnen sind älter als 65 Jahre, gut ein Drittel ist über 80. Daher dürften Altersbeschwerden wie Altershörigkeit, Einschränkungen der Beweglichkeit, Folgen von Schlaganfällen oder Demenz bei Blinden häufig vorkommen. Wie stark und wie schwer sich diese und andere Einschränkungen auswirken, darüber habe ich keine Zahlen gefunden.
Noch schwieriger ist es, wenn man wissen will, welchen Grad an räumlicher Mobilität blinde Menschen haben oder gar mit entsprechender Förderung wahrscheinlich bekommen könnten. Brambring und Schneider stellten 1986 lediglich fest, dass Sehgeschädigte weit weniger häufig als Sehende Wege selbständig im Raum bewältigen. Der Lohn des Verzichts auf Selbständigkeit: sie verunfallen weit seltener als Sehende im Straßenverkehr. [17]
Wenn man feststellen will, wie mobil ein blinder Mensch wahrscheinlich werden kann, braucht man zunächst Informationen über dessen Aufmerksamkeit, Gedächtnis (vor allem das Arbeitsgedächtnis) und natürlich seine räumliche Vorstellungsfähigkeit. Und hier gibt es so gut wie keine Tests, die man - vor allem mit älteren blinden Menschen - anwenden könnte. [18]
Mobilitätsunterricht: Wer als sehgeschädigter Mensch in eine neue Umgebung kommt, sollte Mobilitätsunterricht bei fachkundigen Mobilitätslehrerinnen und -lehrern beantragen. Der Antrag ist meist bei der Krankenkasse zu stellen. Dient er dem Einüben des Weges zu einer neuen Arbeitsstelle und deren Umgebung, kommen das Integrationsamt oder der Rentenversicherungsträger in Frage. Ist die medizinisch notwendige Grundversorgung durch die Krankenkasse ausgeschöpft, und dient der Unterricht der Beteiligung am gesellschaftlichen Leben, kann der Träger der Grundversorgung zuständig sein. [19]
Besonders wichtig ist Mobilitätsunterricht für Menschen, die vor kurzem blind geworden sind oder einen großen Teil ihrer Sehkraft eingebüßt haben. Sie lernen dort, sich blind oder mit Ihrem Sehrest so sicher wie möglich im Raum allein zurechtzufinden. Sie erlernen dabei den richtigen Umgang mit dem weißen Langstock und den Gebrauch anderer Hilfsmittel.
Psychotherapie: Manchen macht die Angst unmöglich, die Vorstellung zu ertragen, sich selbständig dem Straßenverkehr auszusetzen. Andere begehen bereits einige Wege selbständig, bemerken aber, dass die Angst sie oft viel stärker daran hindert, als es die Furcht in der Situation rechtfertigt.
Sich ständig angstschlotternd dem Verkehr auszusetzen, das muss nicht einmal ein sehgeschädigter Mensch erleiden! Hier verschafft eine fachgerechte Psychotherapie bei vertrauenswürdigen Psychotherapeuten meist Besserung.
Natürlich kennen sich Psychotherapeuten selten mit Mobilitätsunterricht für Sehgeschädigte aus. Die Betroffenen müssen deshalb selbst zu erreichen suchen, dass Psychotherapeut und Mobilitätslehrer zusammenarbeiten, wenn es notwendig ist.
Selbst ausüben: Nur wenn die neu erworbenen Kräfte und Fähigkeiten häufig angewandt werden, wird sich die Mobilität deutlich verbessern und die Angst stark reduzieren. Man sollte daher so oft wie möglich Wege auch in unbekannter Umgebung selbständig begehen.
Dies empfehle ich auch sehgeschädigten Personen, denen kein Mobilitätsunterricht finanziert wird. Sie können sich einen weißen Langstock besorgen und zunächst im eigenen Haus ausprobieren, wie sie ihn einsetzen müssen, damit erst der Stock an die Hindernisse stößt. Ist hier Sicherheit erlangt, empfehle ich, mit einem sehenden Menschen zusammen die ersten selbständigen Versuche auf der Straße zu unternehmen. Während der sehgeschädigte Mensch den Weg begeht, kommt der Sehende hinterher und greift ein, falls Leben und Gesundheit des Sehgeschädigten gefährdet sind.
Man sollte alles daran setzen, Mobilitätsunterricht zu bekommen. Notfalls sind eigenes Vermögen und das Blindengeld zu nutzen, um wenigstens die Grundlagen zu erlernen. Der Mobilitätsunterricht ist für Blinde und Sehbehinderte mindestens so wichtig wie der Führerschein für Sehende.
Im Prinzip stehen wir in der Bundesrepublik nicht schlecht da. Jüngeren blinden Menschen wird Mobilitätsunterricht meist finanziert. Dasselbe gilt für Hilfsmittel wie den weißen Langstock und den Blindenführhund.
Aber wie lang und teuer darf ein Mobilitätsunterricht sein? Auf der Site des Berufsverbandes der Rehabilitationslehrer -/innen für Orientierung und Mobilität für Blinde und Sehbehinderte (BOMBS) e.V. [20] habe ich dazu ein durch Professor Michael Brambring erstelltes und vom DBSV in Auftrag gegebenes Gutachten aus dem Jahr 2002 gefunden. Hier einige Schlaglichter: [21] Nachdem Brambring erläutert, weshalb sehgeschädigte Personen Mobilitätsunterricht benötigen (S. 2-12) stellt er dar, wie viele Unterrichtsstunden verschiedene Personengruppen benötigen (S. 15-22). Er unterscheidet zwischen Grundschulung, Förderschulung für Menschen mit Lern- und Gedächtnisschwierigkeiten und Schulung bei Änderung des Lebensumfeldes (z.B. nach Umzug).
Auf die Grundschulung gehe ich nun näher ein: Sie besteht aus fünf Bausteinen ("Modulen", siehe S. 19-20). Bei blinden Erwachsenen ohne zusätzliche Einschränkungen setzt Brambring pro Baustein eine bestimmte Zahl von Unterrichtsstunden ein. Die Gesamtsumme dieser Stunden bildet den Basiswert (S. 18). Verschiedene Personengruppen bekommen Einen prozentualen Ab- bzw. Zuschlag (S. 23).
Die Bausteine der Grundschulung und Stundenbedarf nach Brambring (2002):
In der Summe ergibt sich daraus ein Stundenbedarf für die Grundschulung:
Personen, die älter als 65 Jahre sind, oder Menschen mit Lern- und Gedächtnisstörungen werden im Rahmen der Grundschulung in der Regel nur bis zum dritten Modul ("Geregelte Straßenüberquerungen") geschult (S. 24).
Daraus ergibt sich:
Natürlich dürfen die Kosten für Mobilitätsunterricht nicht beliebig steigen. Der BOMBS setzt pro Unterrichtsstunde 56,43 Euro an. Dazu kommen bis zu 400 Euro für zwei Langstöcke, 44,87 Euro pro Arbeitsstunde für An- und Abfahrten sowie 0,30 Euro Kilometerpauschale. [22] Die Gesamtkosten eines Unterrichts in Orientierung und Mobilität mit 100 Stunden betragen daher leicht 7.000 Euro.
Das Gutachten von Brambring erkennt der BOMBS an. Trotz aller Anfragen erlaubt es geschickten Mobilitätslehrerinnen und -lehrern, für ihre Schülerinnen und Schüler eine nicht geringe Stundenzahl zu begründen. Bei einer 85-jährigen blinden Frau mit eingeschränkter Beweglichkeit und altersgemäß reduzierter Wahrnehmungs- und Gedächtnisfähigkeit lassen sich ohne weiteres 100 Stunden begründen. Damit sollte die Dame merkbare Erfolge ihrer räumlichen Mobilität erreichen können.
Doch wie sieht es in der Praxis aus? Wird die (gesetzliche) Krankenkasse für die 85-jährige blinde Frau schnell und unbürokratisch 7.000 Euro für 100 Stunden Mobilitätsunterricht finanzieren? Der telefonische Bericht der ersten Vorsitzenden des BOMBS, Ulrike Schade, weist in eine andere Richtung: Frau Schade hatte für die genannte Dame den Antrag ausgefüllt. Diese hatte ihn unterzeichnet und abgeschickt. Zwei Wochen später habe die Frau völlig aufgelöst bei ihr angerufen. "Die von der Krankenkasse meinte, dass sich ein Mobilitätsunterricht für mich doch nicht mehr lohnt. Es sähe doch hässlich aus, wenn ich allein im Straßenverkehr herumgehen würde." Die 85-Jährige habe daraufhin den Antrag nicht mehr weiter verfolgt.
Der Kampf um räumliche Mobilität ist hart. Kaum ein sehgeschädigter Mensch wird hier vollständige Selbständigkeit erreichen und sich mit einer gewissen Unselbständigkeit arrangieren müssen. Doch dieser Kampf wird sich meistens lohnen. Räumliche Mobilität ist ein Menschenrecht. Sie verschafft uns in augenfälliger Weise das Erlebnis von Freiheit.
Jeder Mensch steht daher in der Verantwortung, das Maximum an räumlicher Mobilität zu erkämpfen, das seine persönlichen Voraussetzungen gestatten. Die Gesellschaft ist darauf zu verpflichten, entsprechende Mittel vorzuhalten und jedem Mitglied deren Einsatz zu ermöglichen, beispielsweise voraussetzungsgemäßen Mobilitätsunterricht.
[1] Der Aufsatz entstand aus einem Vortrag, der am 6.10.2007 in der Johanneskirche zu Düsseldorf im Rahmen der achten "Düsseldorfer Tage" gehalten wurde, einer Informationsveranstaltung der Blinden- und Sehbehindertenseelsorge der evangelischen Kirche im Rheinland. Den Vortragstext, einschließlich Video zur Demonstration der Atmosphäre am Hauptbahnhof Köln, ist im Internet verfügbar unter: http://www.med.uni-magdeburg.de/~harder/angst/mobangst.html
[2] Freud, S. (1999): Hemmung, Symptom und Angst. In: Anna Freud (Hg.): Sigmund Freud, gesammelte Werke chronologisch geordnet, Bd. 14, Werke aus den Jahren 1925-1931 (113-205). Frankfurt a. M., Fischer.
[3] Burlingham, D. (1981): Blind in einer Welt für Sehende. Zeitschrift für klinische Psychologie und Psychotherapie, 29, 315-329.
[4] Butollo, W. (1993): Die Angst ist eine Kraft. 5. Auflage, München, Pieper.
[5] Drolshagen, B. (2007): Und ich mache es doch - Selbstbestimmung trotz Hilfebedarfs im Alter. horus, 69 (3), 110-113.
[6] Foulke, E. (1983): Spatial ability and the limits of sensory systems. In: H. L. Pick & L. Acredolo (Eds.). Spatial Orientation: Theory, Research, and Application (125-141). New York: Accademic Press.
[7] Petrie, H., Johnson, V. V., Strothotte, Th., Fritz, S., Michel, R. & Raab, A. (1996). MOBIC: Designing a travel aid for blind and elderly people. Journal of Navigation, 49, 45-52.
[8] Brabyn, J. A. (1982): New developments in mobility and orientation aids for the blind. IEEE Transactions of Biomedical Engineering, BME-29, 285-289.
[9] Barth, J. L. & Foulke, E. (1979): Preview: a neglected variable in orientation and mobility. Journal of Visual Impairment and Blindness, 73, 41-48.
[10] Mansfeld, F. (1940): Die Verdunklung und die Blinden. Arch. f. ges. Psychologie, 107, 411-436.
[11] Downs, R. M. & Stea, W. (1982): Kognitive Karten - die Welt in unseren Köpfen. New York: Springer.
[12] Harder, A. (1993): Zur Aneignung von Wegen: ein Feldversuch mit geburtsblinden Menschen. Unveröffentlichte Dissertation, Universität Gießen.
[13] Brambring, M. (1982): Language and geographic orientation for the blind. In: R. J. Jarvella (Ed.). Speech, Place, and Action (203-216). Chichester: Wiley.
[14] Plohmann, A. M., Kappos, L., Ammann, W., Thordai, A., Wittwer, A., Huber, S., Bellaiche, Y. & Lechner-Scott, J. (1998): Computer-assisted re-training of attentional impairments in patients with multiple sclerosis. Journal of Neurology, Neurosurgery, and Psychiatry, 64, 455-462.
[15] http://www.dbsv.org/infothek/statistik.html (Abfrage: Mai 2006).
[16] Telefonische Anfrage beim Bundesamt für Statistik: Mai 2006.
[17] Brambring, M. & Schneider, W. (1986): Lokomotion und Verkehrsverhalten sehgeschädigter Personen. Rehabilitation, 25, 74-79.
[18] Harder, A. (2007): Blindengerechte Tests: Problemstellung und Perspektiven. http://www.med.uni-magdeburg.de/~harder/bltests/bltests.html
[19] Telefonische Auskunft von Dr. Richter, Rechtsanwalt des DVBS, Oktober 2007.
[20] http://www.bombs-online.de (Abfrage: August 2007).
[21] Brambring, M. (2002): Fachgutachten zum Unterrichtsbedarf für eine Schulung in Orientierung und Mobilität mit dem Langstock für sehgeschädigte Personen.
http://www.bombs-online.de/13gut.html (Abfrage: September 2007). Das Gutachten liegt als pdf-Dokument vor. Alle Seitenangaben im folgenden Text beziehen sich auf diese Quelle.
[22] http://www.bombs-online.de/6kost.html (Abfrage: September 2007).
[23] Dr. Arne Harder, Luxemburger Straße 124 - 136 Wohnung 2208, 50939 Köln. Tel. 0221 4925431. E-Mail: nc-harderar@netcologne.de
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