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Dr. Matthias Weström: Blindenschule "Nr. 202" in Georgien

blista übergibt Geld- und Sachspenden

Vor einigen Wochen war Georgien erneut Gegenstand ausführlicher Berichterstattung. In großen Demonstrationen artikulierten zahlreiche Menschen ihren Protest gegen die Liberalisierungspolitik der Regierung, die mit rasantem Tempo vorangetrieben wird. Als unbefangener Tourist in Tbilisi ("Tiflis" ist der ungeliebte russische Name dieser Stadt) ahnt man etwas von diesem ungeheuren Tempo. Die Stadt ist voller Lärm und Staub, dichter Straßenverkehr bewegt sich laut hupend durch die Straßen, überall wird gebaut. Und noch ein Eindruck drängt sich auf: offensichtlich ist viel Geld im Spiel, doch die breite Masse der Bevölkerung hat kaum das Nötigste, um zu überleben.

In ersten Gesprächen vermittelten mir meine blinden Gesprächspartner eher ein Gefühl der Resignation: man käme sich nutzlos, perspektivlos, ja überflüssig vor. Nun mag dies eine unzulässige Verallgemeinerung sein. Dennoch habe ich den Eindruck gewonnen, als könnte dieses rasche Tempo gesellschaftlichen und sozialen Wandels nicht von allen Teilen der Bevölkerung mitgegangen werden. Oder, andersherum, nur eine kleine Schicht dürfte von den angestrebten Änderungen unmittelbar profitieren - behinderte Menschen nun gerade nicht.

Jugendliche freuen sich über mitgebrachte Schreibtafeln

Es gibt in diesem Land mit zirka fünf Millionen Einwohnern, das etwa die Fläche Bayerns umfasst, nur eine einzige Blindenschule und das ist die Schule "Nr. 202" in Tbilisi. Eine Schule für Sehbehinderte sucht man vergebens. "Nr. 202" hat zurzeit 48 Schülerinnen und Schüler in den Jahrgangsstufen 1 bis 12. Sie stammen überwiegend aus der Hauptstadt. Einige Schüler leben im Internat, das sich im Schulgebäude befindet. Diese Zahlen erstaunen. Legt man zum Vergleich die für Deutschland gültigen Zahlen zugrunde, müsste es in Georgien 300 bis 400 Blinde und etwa 1.000 Sehbehinderte (Visus < 0,1) in der Altersgruppe von 6 bis 18 Jahren geben. Ob diese Kinder überhaupt zur Schule gehen, konnte ich bisher nicht herausfinden.

Im Beisein von Vertretern des Ministeriums und der Blindenunion übergab ich der Schule die Grußbotschaften des Direktors der blista, Claus Duncker und der Schülervertretung (SV), sowie die mitgebrachten Spenden. Die Schülerinnen und Schüler der Carl-Strehl-Schule hatten im Herbst 2005 in einem Spendenlauf immerhin knapp 1.200 Euro erlaufen und die blista hatte Sachspenden, wie zum Beispiel Schreibtafeln, eine Eurotype, Zeichentafeln, Zeichenfolien, Papier etc. beigesteuert. Die Freude und der Dank waren groß und anhaltend. Insbesondere die Schreibtafeln lösten Entzücken aus, weil doch nun die bisher eingesetzten metallenen Schreibtafeln, an denen die Finger in den ungeheizten Räumen im Winter hängen blieben, ersetzt werden können. Nach langen und vermutlich heftigen internen Diskussionen wurde im Kollegium beschlossen, vom Spendengeld der Schüler ein CD-Abspielgerät, eine Digitalkamera und ein Keyboard anzuschaffen.

Bei einem Gang durch die Schule wurde deutlich, dass sich seit meinem letzten Besuch einiges verändert hatte: voller Stolz wurde mir die neu eingerichtete Toilettenanlage, der renovierte Speisesaal und der EDV-Raum gezeigt. Der EDV-Lehrer, Vater eines blinden Kindes in der 3. Klasse, teilt das Los vieler Akademiker in Georgien. Hauptamtlich arbeitet er an der Universität, benötigt aber wegen der mäßigen Löhne zusätzliche Jobs. Die Schüler arbeiten an den fünf Plätzen mit Jaws, der Anschluss ans Internet wird vorbereitet, eine Braille-Zeile ist noch verpackt. Möglich wurde dieser gewaltige Fortschritt durch eine georgische Variante von dem was hier "Schulen ans Netz" heißt.

Ideen und Gespräche für neue Projekte

In der Vorbereitung meiner Reise hatte ich viel Mühe darauf verwandt, der georgischen Seite zu verdeutlichen, dass ich behilflich sein wollte, zur Verbesserung des Bildungswesens beizutragen, sofern mein Rat erwünscht sei. Vorschläge dazu hatte ich verschiedenen Stellen, darunter auch den Botschaften und den Hilfsorganisationen in Deutschland, wie z. B. der Christoffel-Blindenmission (CBM) und der Gesellschaft für Technische Zusammenarbeit (GTZ) unterbreitet. Ich erhielt von der CBM abwinkende und von der GTZ überhaupt keine, aber aus dem Bildungsministerium in Tbilisi fast überschwänglich positive Antworten. Letzteres war aber, wie sich herausstellen sollte, auf ein Missverständnis zurückzuführen: man glaubte dort wohl zunächst, dass ich auch gleich das nötige "Kleingeld" mitbringen würde.

Es wurden viele Gespräche geführt, die das Ziel hatten, Projekte zu definieren, die gemeinsam von Schule und Blindenunion (das ist der georgische Blindenverband) vorangetrieben werden und geeignet sein könnten, einen Einstieg in eine Art beruflicher Bildung für Blinde darzustellen. Unabhängig von den Ergebnissen, die letztlich herauskommen, ist meine Einschätzung, dass allein schon das Zustandekommen dieser Gespräche zwischen Ministerium, der Schule und der Blindenunion einen Fortschritt darstellt.

Als Projekte einigte man sich auf den Aufbau einer Lehrküche in den Räumen der Schule, die Aufnahme des Faches "Hauswirtschaft" und geeignete "Praktika" in den Lehrplan der 8. und 9. Klassen. Außerdem soll die Förderung der musikalischen Bildung durch Einzelförderung besonders Begabter, Verstärkung der Chorarbeit, Organisation öffentlicher Auftritte usw. ausgebaut werden.

Auf der Suche nach Sponsoren gelang es, die Deutsche Botschaft in Tbilisi für die Förderung des Projektes "Lehrküche" zu interessieren und gleichzeitig das Ministerium zur Sicherstellung der Strom- und Gasversorgung zu bewegen, während die Botschaft der Niederlande die Förderung der "musikalischen Bildung" für möglich einschätzte. Antragsteller sollten jeweils die Schule für Blinde gemeinsam mit der Blindenunion sein. Beide Vorhaben haben den Vorteil, bei relativ geringem Mitteleinsatz zu zeitnahen Fortschritten in der Sache zu kommen und gleichzeitig sowohl der Reputation der beteiligten Botschaften als auch derjenigen der Schule für Blinde förderlich sein zu können.

Von der Blindenunion erfuhr ich, dass dringend die Anschaffung eines Blindenschriftdruckers notwendig ist, um Texte und Bücher für die Schule herzustellen. Zurzeit gibt es praktisch keine Bücher in der Schule. Darüber hinaus leistet die Blindenunion in Georgien auch Öffentlichkeitsarbeit, eine Aufgabe, die z. B. angesichts des geringen Erfassungsgrades der blinden Schüler im Lande nachhaltige Unterstützung verdient.

Am Vortag meiner Abreise aus Georgien veranstaltete die Schule eine kleine Feier: der Chor und einzelne Schüler trugen traditionelle Lieder vor, mit beeindruckend polyphoner Klangfarbe und klarer und sicherer Stimmführung. Die neu eingekauften Geräte wurden dabei eingesetzt, und mit der neuen Kamera wurden die diesem Beitrag beigefügten Bilder aufgenommen.

Es heißt in Georgien, dass der Gast ein Geschenk Gottes sei - und das konnten wir wieder intensiv erleben. Aber wenn er, der Gast, der nuancenreichen Sprache und der eigenartig-schönen Schrift unkundig, aus gesicherten westeuropäischen (auch: Denk-) Verhältnissen herkommend dort jetzt helfend tätig sein möchte, könnte sein Rat in einer derart angespannten Lage wie zurzeit ungehört bleiben. Ich meine aber, mich weiter um die Belange Blinder in Georgien bemühen zu sollen.

Kontakt

Für Hinweise, Angebote und Ratschläge interessierter Leser dieses Beitrages bin ich dankbar (westroem@blista.de oder E-Mail: matthias@westroem.eu).

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