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Karsten Warnke: Vorangestellt

Liebe Leserinnen und Leser, liebe Mitglieder,

dass Mobilität eine gesellschaftliche Dimension hat, zeigt der vielfach beklagte Zwang zur selben, der manche absurden Blüten treibt. Ein Beispiel: Auf dem Hamburger Hauptbahnhof leeren sich allmorgendlich im Minutentakt Züge mit Pendlern aus Städten wie Bremen, Lübeck und Kiel. Gleichfalls treten Hamburger Pendler ihren Arbeitsweg in eben jene Städte an. Die Folge: ein Großteil der Stadtbevölkerung "tauscht" sich untereinander aus.

Obwohl moderne Medien ortsunabhängiges Arbeiten vielfach ermöglichen, fordern Arbeitgeber und Bundesarbeitsagentur von Arbeitnehmern ein Höchstmaß an Flexibilität und Mobilität. Großunternehmen sind stolz auf ihre "Nomaden"-Organisation, die das Arbeiten weitab von Familie und Wohnort fordert.

Schon konstatiert die Wissenschaft einen Zusammenhang vom Zwang zur Mobilität, zerrütteten Familien und sinkender Geburtenrate. Da stellt sich die Frage, ob Mobilität in dieser Totalität so erstrebenswert ist. Eine weitere Frage schließt sich an: Verträgt sich die Forderung nach Barrierefreiheit mit dem gesellschaftlich bestimmten Zwang zur Mobilität überhaupt? Meine These ist, dass das Überwinden von Barrieren zu den kleinen Nadelstichen gehört, die uns helfen können, einige Zwangsläufigkeiten in unserer Gesellschaft zu überwinden. Hinweise hierzu finden sich in den Beiträgen dieser Ausgabe.

Die Forderung "Mobilität für alle!" sollte uns Blinde und Sehbehinderte nicht nur mit anderen behinderten Menschen verbinden, sondern auch mit denen, die mit Gepäck, Kinderwagen oder Rollator unterwegs sind. Gute Instrumente, um Barrierefreiheit und Mobilität für alle Schritt für Schritt vorantreiben zu können, gibt uns das Behindertengleichstellungsgesetz mit seinem umfassenden Begriff der Barrierefreiheit in die Hand. Barrieren können gemeinsam mit Dienstleistern und Kommunen abgebaut werden. Hier ist noch viel zu tun. So ist es für Bahnreisende unabdingbar, dass das Reisen von der Fahrplanauskunft über den Fahrkartenerwerb, dem Zugang zum reservierten Platz im Zug und dem mühelosen Umstieg ohne fremde Hilfe erfolgt.

Eine wichtige Voraussetzung, um als blinder oder sehbehinderter Mensch mobil zu werden, ist die Orientierung. Das Internet bietet sehbehinderten Reisenden zoomfähige Routenplaner und Satellitenkarten. Unterwegs lenken mobile Navigationssysteme den Ortsunkundigen zum gewünschten Reiseziel. Aber wie ist"s mit der Orientierung vor Ort? Werden Verkehrsräume durch Modelle wie "Shared Space", das im niedersächsischen Bohmte vor einigen Monaten fertig gestellt wurde, für blinde und sehbehinderte Menschen besser? Ich denke nicht.

Der Gemeinsame Fachausschuss für Umwelt und Verkehr (GFUV) der Blinden- und Sehbehindertenverbände stellen berechtigte Forderungen für eine zusätzliche Gestaltung auf, damit blinde und sehbehinderte Verkehrsteilnehmer nicht unter die Räder kommen. Folgen die Planer diesen Forderungen, wird aus dem "Shared Space" ein "Separated Space". Damit trägt der GFUV der Erkenntnis Rechnung, dass ein Autofahrer im Verkehrsraum immer der Stärkere sein wird und der Fußgänger sich vor ihm in Acht nehmen muss. Es stellt sich die Frage nach Alternativen, die alle glücklich machen.

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