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Wenigen Architekten und Stadtplanern ist bekannt, wie sich sehbehinderte Menschen auf öffentlichen Plätzen, im Nahverkehr und in Gebäuden ohne fremde Hilfe zurechtfinden können. In der Regel fallen Menschen mit einer Sehbehinderung auf den ersten Blick nicht als behindert auf. Kaum jemand käme auf die Idee, dass sehbehinderte Menschen eine besonders gestaltete Umwelt benötigen. Erschwerend für das Verständnis möglicher Orientierungsschwierigkeiten sehbehinderter Menschen ist, dass die Sehbeeinträchtigung des Einzelnen nicht mit einer anderen vergleichbar ist.
Wie ein Mensch sich orientiert, hängt im Wesentlichen davon ab, welche optischen Erfahrungen er im Kindesalter erlangen konnte und wie er auf diese im späteren Leben zurückgreifen kann. Dabei spielt eine entscheidende Rolle, ob die frühen optischen Erfahrungen bereits unter den Bedingungen einer angeborenen Sehbehinderung gesammelt wurden. Zum Verständnis zwei Beispiele: Ich bin von Geburt an sehbehindert und habe mich seit meiner Einschulung mit optischen Hilfsmitteln anfreunden müssen. Dass mein Sehvermögen begrenzt ist, damit musste ich mich frühzeitig auseinandersetzen. Anders verhält es sich bei einem älteren Menschen, der z. B. erst im hohen Alter an einer Makuladegeneration erkrankt ist. Er muss sein Leben umstellen und sich auf immer neue, bisher unbekannte Unwegsamkeiten einstellen. Er muss lernen, Hilfen anzunehmen und mit ungewohnten Hilfsmitteln umzugehen.
Für die Orientierung in unbekannter Umgebung bringen sehbehinderte Menschen je nach Art und Ausprägung ihrer Sehbeeinträchtigung unterschiedliche Voraussetzungen mit. Es muss z. T. erheblich mehr Zeit für die Orientierung und für das Suchen nach Straßenschildern, Bushaltestellen oder Hauseingängen einkalkuliert werden.
Für die Orientierung und zum Lesen von Informationen können sehbehinderte Menschen verschiedene optische Hilfsmittel nutzen, wie zum Beispiel Fernrohrbrillen, Monokulare und (elektronische) Lupen. Der Nachteil dieser Hilfsmittel ist jedoch, dass sie unterwegs im Straßenverkehr nur bedingt nutzbar sind. Eine Voraussetzung ist, dass der Nutzer weiß, wo es Informationen gibt. Diese Informationen müssen gefunden werden und mit dem kleinen Ausschnitt eines Fernrohres "einfangbar" sein.
Es ist kaum möglich, ein noch so teures Monokular auf die Liniennummer eines Busses zu richten, wenn dieser gerade abfährt. Ein Fahrplan ist mit einer Lupe nicht lesbar, wenn er sich mehrere Zentimeter hinter einer Glasscheibe befindet.
Für viele sehbehinderte Menschen ist der Gebrauch von kleinen Lupen und Monokularen mit großen Anstrengungen verbunden, weil ein starkes Augenzittern das Fixieren eines klaren Bildes erheblich erschweren kann. Für ältere Menschen bedeutet der ungewohnte Umgang mit kleinen, verstellbaren optischen Hilfen auch eine feinmotorische, oftmals unüberwindbare Herausforderung.
Wichtig für sehbehinderte Menschen ist, dass sie bei der Orientierung auf ihre optischen Erfahrungen zurückgreifen können. Weil ihr räumliches Sehen beeinträchtigt ist, sie Farben und Konturen nur verschwommen wahrnehmen können oder sie durch Blendwirkungen irritiert werden, sind starke Kontraste, klare Formen und Linien, große Schrift und allgemein verständliche und deutliche Symbole sehr wichtig.
Ein Rundgang durch Hamburg zeigt, dass Straßen und Fußwege, Plätze, Treppen, Fassaden und Informationsangebote nur wenig die Bedürfnisse von sehbehinderten Menschen berücksichtigen.
Viele Treppenstufen sind nicht farblich abgesetzt. Unterschiedliche Pflasterungen auf Plätzen erwecken den Eindruck, es handele sich um Stufen. Gefährlich wird es, wenn Fußwege und Treppen optisch als Einheit wahrgenommen werden. Ein Beispiel hierfür ist das Umfeld des Altonaer Bahnhofs.
Poller sollen Fußwege von wild parkenden Fahrzeugen frei halten. Sie bedeuten aber auch eine große Verletzungsgefahr, wenn sie im Grau in Grau eines Regentages und in der Dunkelheit nicht erkannt werden. Mehr Mut zur Farbe erhöht auch hier die Sicherheit für alle!
Oft haben bei der Gestaltung des öffentlichen Raumes Design-Aspekte den Vorrang. Ein Beispiel hierfür sind Glasfassaden. In ihnen spiegeln sich andere Fassaden, Sonnenstrahlen werden reflektiert und ein sehbehinderter Mensch sucht eventuell vergebens den Eingang, weil die Türen ebenfalls aus Glas sind.
Für mich als sehbehinderter Mensch sind Informationen wie Fahrpläne und Ziel-Anzeigen an Bussen und Bahnen das A und O. Während das U- und S-Bahn fahren in Hamburg vorbildlich durch eine gute Ausschilderung der Zu- und Übergänge zu den Linien weitgehend ohne fremde Hilfe möglich ist, stellt die uneingeschränkte Nutzung von Bussen sehbehinderte Fahrgäste vor große Probleme: Neben gut lesbarer Eigenwerbung sind die Fahrpläne an Bushaltestellen zu klein gedruckt. Sitze ich in meinem Bus, sorgt die automatische Stationsansage bis zum Erreichen der Ziel-Haltestelle allerdings erst mal für etwas Entspannung.
Für mich zum Entziffern zu klein ist leider auch die Schrift der Informationstafeln auf den größeren Busbahnhöfen wie "Altona", oder "Barmbek" oder die der neuen elektronischen leuchtenden Ziel-Anzeigen. Die Info-Tafeln sind zudem in der Regel zu hoch, also nicht in Augenhöhe aufgehängt. Ich kann sie - auch wenn ich unmittelbar vor ihnen stehe - nicht entziffern. Reflektiert das Licht auf der Oberfläche der Ziel-Anzeigen, wird eine klare Draufsicht unmöglich. Sehr bedenklich finde ich, dass mir viele Sehbehinderte bestätigen, dass sie - wie ich - das Fahren mit dem Bus möglichst vermeiden und auf U- und S-Bahnen ausweichen.
Die Welt der Deutschen Bahn ist wenig für sehbehinderte Menschen geeignet. Mit kleinsten Informationstafeln und neu kreierten Piktogrammen wird dem sehbehinderten Reisenden die Orientierung und damit das Leben besonders schwer gemacht. Hier scheint das Motto vorzuherrschen: Informationen gehören in den Hintergrund, sie könnten stören.
Auf dem Hamburger Hauptbahnhof gibt es glücklicherweise auch positive Beispiele: Hier informieren Monitore in Augenhöhe über Abfahrtszeiten und Gleisangaben. Gut lesbar sind auch die Informationen zu den Ausgängen auf den Dammtor-Bahnsteigen und die Hinweistafeln an der Mönckebergstraße.
Ein sehbehindertenfreundliches Hamburg, das zeigen einige Beispiele, ist möglich. Allerdings ist noch viel zu tun, damit sich Menschen mit Sehbehinderungen gefahrlos und ohne fremde Hilfen in der wachsenden Hansestadt Hamburg zurechtfinden können.
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