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Kurt Klee: "Shared Space" - dem Mutigen gehört die Welt

Das Projekt

"Shared Space" ist ein EU-finanziertes Verkehrsprojekt, das Methoden entwickeln soll, durch die der öffentliche Straßenraum besser gemeinsam von allen Verkehrsteilnehmern genutzt werden kann. "Shared Space" lässt sich als Raum für alle oder als gemeinsam genutzter Raum übersetzen und stellt eine Mischverkehrsfläche dar. "Shared Space" geht von der Erkenntnis aus, dass besonders in Städten öffentlicher Raum nur begrenzt zur Verfügung steht. Das Ziel von "Shared Space" ist u. a. die Schaffung von attraktiven "sozialen" Räumen, um die Dominanz des Kfz-Verkehrs zu verringern und Straßen mehr "menschen-freundlich" zu gestalten.

In der Vergangenheit hat die Verkehrsplanung dem motorisierten Verkehr möglichst viel Raum zugestanden und die verschiedenen Verkehrsteilnehmer entsprechend ihrer Nutzung auf getrennte Verkehrsräume verwiesen. So nutzte der motorisierte Verkehr die Fahrbahn, Radfahrer Fahrradwege oder Radfahrstreifen und Fußgänger Bürgersteige. Dies führte zu einer weiteren Zunahme der Gesamtverkehrsfläche auf Kosten der nicht motorisierten Verkehrsteilnehmer wie Radfahrer und Fußgänger sowie der Anwohner.

Die Philosophie hinter "Shared Space" trägt der Erkenntnis Rechnung, dass der öffentliche Raum nicht nur der motorisierten Fortbewegung dient, sondern auch ein Ort ist, an dem Menschen sich mit Muskelkraft fortbewegen, aufhalten und verweilen wollen, der öffentliche Raum also verschiedenen Funktionen dienen soll. Dies soll erreicht werden, indem Verkehrsregeln beseitigt und durch soziale Regeln ersetzt werden. Dazu werden sämtliche Verkehrsschilder, Ampeln, Fußgängerinseln und Straßenmarkierungen abgebaut. Der Straßenraum wirkt insgesamt aufgeräumt. Die Wege werden nicht mehr nach verschiedenen Nutzungsarten unterschieden. Der ruhende Verkehr wird aus diesen Bereichen verbannt.

Werden erhöhte Fußwege und gesonderte Radwege entfernt, so dass es nur noch eine Verkehrsebene gibt, wird von "Shared Surfaces", also gemeinsam genutzten Flächen gesprochen. Die gemeinsame und gemeinschaftliche Nutzung des zur Verfügung stehenden Raumes ist das Ziel, eine Trennung wird höchstens optisch markiert.

Dem motorisierten Fahrer soll bewusst werden, dass er Teil eines sozialen und kulturellen Gefüges ist und er sich rücksichtsvoll ins menschliche Miteinander von Fußgängern, Radfahrern und spielenden Kindern einfügen und sein Fahrverhalten anpassen muss. Die Qualität des Lebensraums soll dadurch verbessert werden, ohne jedoch den motorisierten Verkehr daraus zu verbannen. Erwartet wird weiterhin, dass die durch die gestalterischen Veränderungen erzeugte Unsicherheit bei den Verkehrsteilnehmern für ein vorsichtigeres und rücksichtsvolleres Verhalten sorgt und dass der Verkehr sich quasi selbst regelt.

Der Kommunikation zwischen den Verkehrsteilnehmern kommt dabei entscheidende Bedeutung zu. Der Blickkontakt, freundliche Handzeichen und Kopfnicken spielen eine wichtige Rolle in der Kommunikation zwischen den beteiligten Personen.

Für "Shared Space" gibt es keinen speziellen Rechtsrahmen. "Shared Space" findet sich nicht in der Straßenverkehrsordnung (StVO). Trotzdem bleiben die Regelungen der StVO erhalten. Die Vorfahrtsregel lautet rechts vor links.

Bei "Shared Space" sollen lokal angepasste, kreative Lösungen entwickelt werden. Die positiven und negativen Effekte sind damit stark abhängig von der lokalen Umsetzung.

In der EU beteiligen sich sieben Projekte an "Shared Space". Aus Deutschland ist die Gemeinde Bohmte in Niedersachsen beteiligt. Darüber hinaus hat das Konzept so viel Interesse geweckt, dass mittlerweile eine Vielzahl von Gemeinden im europäischen Ausland und auch vermehrt in Deutschland Interesse an "Shared Space" bekundet haben oder sogar konkrete Projekte als Pilotprojekte ausgeschrieben worden sind. [1]

Erste Ergebnisse zeigen, dass in den Gemeinden, die "Shared Space" umgesetzt haben, die Unfallzahlen zum Teil drastisch zurückgegangen und der Verkehr insgesamt flüssiger läuft. [2] Jedoch gilt zu beachten, dass diese Untersuchungen aufgrund der sowieso niedrigen Unfallzahlen als nicht repräsentativ angesehen werden können.

Nach dem bisher Gesagten, wird sich mancher fragen, was denn das Neue an "Shared Space" ist. Auch bisher gab es Mischverkehrsflächen, etwa gekennzeichnet durch die Zeichen "325" und "326". Die Zahlenschlüssel stehen für "Beginn eines verkehrsberuhigten Bereichs" bzw. "Ende eines verkehrsberuhigten Bereichs", auch "Spielstraßen" genannt. Jeder wird Beispiele aus seiner Gemeinde kennen.

Das Neue an "Shared Space" ist, dass das Konzept auch in Situationen mit erhöhtem Verkehrsaufkommen angewendet wird. So fahren durch den "Shared Space" in Bohmte an Wochentagen bis zu 12.600 Fahrzeuge. Darunter sind viele Lastwagen und Busse.

Neu ist weiterhin, dass sich die Kraftfahrzeuge mit einer Geschwindigkeit von 20 bis 50 km/h und nicht mit Schrittgeschwindigkeit wie in der Spielstraße fortbewegen dürfen.

Die Fortbewegung blinder Verkehrsteilnehmer

Nach der Darstellung der wesentlichen Konzepte von "Shared Space", möchte ich nun die spezifischen Aspekte blinder Fußgänger darstellen und ihre Probleme bei der selbständigen Fortbewegung analysieren.

Die Beeinträchtigung der Mobilität, also der Fähigkeit sich selbständig, sicher und zielgerichtet fortbewegen zu können, ist eine offensichtliche und gravierende Auswirkung von Blindheit. Damit auch eine blinde Person sich in ihrer Umwelt fortbewegen kann und am gewünschten Ziel ankommt, muss sie zwei eng zusammenhängende und integrierte Tätigkeiten ausführen: Mobilität und Orientierung.

Unter Mobilität wird die eigentliche Fortbewegung von einem Ort zum anderen verstanden. Für Blinde bedeutet dies die Fähigkeit

Mobilität beschreibt die sichere Fortbewegung zwischen zwei Punkten.

Orientierung ist die Kenntnis der eigenen Position im Raum, das Wissen, wo das Ziel liegt, und die Fähigkeit, diese beiden Punkte in Verbindung zu setzen und zu wissen, wie ich von meinem jetzigen Standpunkt zu meinem Ziel komme.

Unter Orientierung verstehen wir also die Fähigkeit, die Objekte der Umwelt zu erkennen und sie zeitlich und räumlich zur eigenen Person und untereinander in Beziehung setzen zu können.

Berthold Lowenfeld hat die Leistungen blinder Verkehrsteilnehmer sehr anschaulich zusammengefasst: "Damit eine blinde Person sich sicher und zielgerichtet fortbewegen kann, muss sie in der Lage sein, einem sicheren Weg zu folgen und verletzungsträchtige Hindernisse zu vermeiden. Dazu benutzt sie alle ihre Sinne. Der Hörsinn ist dauernd aktiv, um alle mögliche Geräusche aufzunehmen, Echos eingeschlossen. Sie interpretiert Gerüche in Beziehung zu den unterschiedlichen Geruchsquellen. Sie registriert Veränderungen der Temperatur und der Luftströme und was diese bedeuten. Ihre Füße folgen der Oberflächenstruktur des Bodens und registrieren deren Veränderungen. Sie registriert Entfernungen, nicht indem sie Schritte zählt, sondern mit Hilfe der Veränderungen der Zeit, der Bewegung und der Geräusche. Daher werden jede Beobachtung, jeder Hinweis, die sie sammeln kann, interpretiert für das Ziel der sicheren und zielgerichteten Fortbewegung. Die Wahrnehmung stiller Hindernisse spielt dabei eine wichtige Rolle". [3]

Bei der Fortbewegung blinder Verkehrsteilnehmer ergeben sich u. a. folgende Kernprobleme: Blinde Verkehrsteilnehmer

Daraus resultiert, dass blinde Verkehrsteilnehmer

Die Kritik

Das Konzept von "Shared Space" greift eine Reihe von Defiziten der heutigen Verkehrsplanung auf und hat somit auch positive Aspekte für viele Verkehrsteilnehmer und die Gesellschaft.

Trotzdem hat es gleich zu Beginn seiner Bekanntmachung zu Diskussionen auf Seiten von und Widersprüchen der Rehabilitationslehrer für "Orientierung & Mobilität", dem gemeinsamen Fachausschuss Umwelt und Verkehr, der Blinden- und Sehbehindertenselbsthilfe, aber auch des Gesamtverband der deutschen Versicherungswirtschaft e. V. geführt. [4] [5]

Die Argumente gegen das Konzept lassen sich folgendermaßen zusammenfassen:

Aufgrund der Kritik von Seiten der Fachleute aus dem Blinden- und Sehbehindertenbereich hat man versucht, die potentiellen Orientierungsprobleme blinder Verkehrsteilnehmer durch die Integration von taktilen und optischen Leitsystemen etwa durch Bodenindikatoren zu lösen.

Dies birgt jedoch weitere Probleme. Während sich blinde Fußgänger auf einem herkömmlichen Gehweg zwischen der äußeren Leitlinie, der Bordsteinkante, die den Gehweg von der Fahrbahn abgrenzt und der inneren Leitlinie, etwa Gartenzäunen, Hausmauern oder Rasenkanten, die den Gehweg zum Häuserblock abgrenzen, in einem begrenzten Raum zwischen diesen Leitlinien frei bewegen können und nur gelegentlich Richtungskorrekturen durchführen müssen, werden sie beim Verfolgen von taktilen Leitlinien dazu gezwungen, hoch konzentriert dieser Leitstruktur zu folgen. Häufig müssen sie noch die Stocktechnik an die Leitstruktur anpassen und laufen Gefahr diese zu verlieren, wenn sie durch Auslagen von Geschäften, abgestellte Fahrzeuge, Tische und Stühle von Straßencafés von ihrem Weg abgebracht werden und die Orientierung zu verlieren.

Zusammenfassung

Werden blinden Verkehrsteilnehmern die Strukturen genommen, die sie für ihre sichere und zielgerichtete Fortbewegung benötigen, wie dies im "Shared Space" der Fall ist, werden Gehwege beseitigt, die gesicherte Schonräume darstellen, werden ihnen die Möglichkeiten einer sicheren und zielgerichteten Fortbewegung, unabhängig von der Hilfe anderer, genommen.

Dies kann dazu führen, dass sich viele blinde insbesondere ältere blinde Verkehrsteilnehmer und blinde Verkehrsteilnehmer mit weiteren Beeinträchtigungen sensorischer, motorischer oder kognitiver Art nicht mehr dem Verkehr aussetzen und lieber zuhause bleiben.

Blinde Verkehrsteilnehmer werden im "Shared Space" in ihrer Fähigkeit sich sicher, selbständig und zielgerichtet in ihrer Umwelt fortzubewegen diskriminiert.

Das Konzept von "Shared Space" ist unter den Gesichtspunkten der sicheren, zielgerichteten und selbständigen Fortbewegung blinder Verkehrsteilnehmer kritisch zu bewerten und abzulehnen.

Literatur

[1] http://de.wikipedia.org/wiki/Shared_Space

[2] Provincie Fryslân (Hrsg.) (2005): Shared Space. Raum für alle. Neue Perspektiven für die Raumentwicklung.

[3] Lowenfeld, B. (1971): Psychological problems of children with impaired vision. In U.M. Cruickshank (Ed.), Psychology of exceptional children and youth. Englewood Cliffs: PrenticeHall, S. 248.

[4] www.dbsv.org/fileadmin/dbsvupload/pdf/Shared-Space_in_Bohmte-07-10-02_bebildert.pdf

[5] www.gdv.de/Publikationen/Periodika/Zeitschrift_Positionen/uebersicht22562/inhaltsseite22571.html

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