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"Barrierefreiheit und PDF? Zwei Welten prallen aufeinander!" - so mögen alle blinden und sehbehinderten Menschen denken, die sich tagtäglich mit schwer bis gar nicht lesbaren elektronischen Texten im so genannten Portable Document Format (PDF) herumschlagen müssen.
Fast alle PDF-Dokumente werden von sehenden Autoren unter Zeitdruck und ohne das Wissen darum verfasst, wie man derlei Dateien gestalten muss, damit sie problemlos auch unter Einsatz eines Screenreaders (ein Bildschirmausleseprogramm wie JAWS, Virgo, Blindows, HAL usw.) gelesen werden können. Negative Erfahrungen prägen - und so hat sich bei vielen blinden Computeranwendern die Meinung festgesetzt, dass PDF grundsätzlich ein unzugängliches und für nicht sehende EDV-Benutzer von vorn herein ungeeignetes Dokumentenformat sei.
Mit diesem Artikel möchte ich versuchen, durch Demonstrieren eines Positivbeispiels beide Aussagen zu relativieren. Zu "relativieren" - das sei betont - nicht zu widerlegen, denn PDF ist von seinem Ursprung her wirklich nicht barrierefrei konzipiert. Alle Mechanismen zum zugänglich Machen von in PDF gespeicherten Inhalten, sind im Laufe der Zeit "nachgerüstet" worden. Auf diese Mechanismen muss ich kurz zu sprechen kommen, bevor wir uns anhand eines Praxisbeispiels ins PDF-Lesevergnügen stürzen.
Stellen wir uns eine sehende Computeranwenderin bei der Arbeit vor: Nachdem Sie bereits einige Zeilen in Ihrem Textverarbeitungsprogramm getippt hat, möchte sie nun in ihr Dokument eine Überschrift einfügen. Erst erzeugt sie hierzu einen Seitenwechsel, dann tippt sie den Überschriftentext und markiert ihn, um die Schrift zu vergrößern, die Buchstaben fett zu machen und auf eine auffällige Schriftart zu schalten. Nach dem Absatz lässt sie einen großzügigen senkrechten Abstand zum Folgetext.
Jeder sehende Leser wird diesen Absatz aufgrund der gewählten Formatierungsmerkmale sofort als Überschrift erkennen. Gleichwohl: Die Information "dies ist eine Überschrift" steckt nicht im Dokument selbst, sondern wird vom Leser quasi in den Text hineininterpretiert. Das Textverarbeitungsprogramm "weiß" nichts davon, dass sich an dieser Stelle im Dokument eine Überschrift befindet, denn unser Autor hat es ihm nicht mitgeteilt. Er hat den Text zwar optisch, aber nicht logisch als Überschrift gekennzeichnet. Das stellt so lange kein Problem dar, bis der erste blinde Screenreadernutzer das Dokument in die Finger bekommt. Der Screenreader (und damit die angesteuerten Ausgabegeräte wie Sprachausgabe und Braillezeile) können zwar den reinen Inhalt sowie die Formatierung des Absatzes auslesen und wiedergeben; ihnen fehlt aber die menschliche Interpretationsgabe, aus dem Vorhandensein gewisser Gestaltungsmerkmale auf die Existenz einer Überschrift zu schließen. Was passiert? Die Sprachausgabe wird den optisch aufwendig formatierten Absatz wie ganz gewöhnlichen Fließtext vorlesen. Auch Aufzählungslisten, Nummerierungen und Tabellen, die - statt mit den dafür vorgesehenen Funktionen des Textverarbeitungsprogramms - mit Hilfe von Tabulatorsprüngen und Leerzeichen gestaltet wurden, wird der Screenreader nicht erkennen und wie unstrukturierten Fließtext behandeln.
Wir lernen daraus: Textbestandteile wie Überschriften, Listen und Tabellen sind für Screenreader anhand ihres optischen Erscheinungsbildes (den so genannten physischen Eigenschaften) nicht zu erkennen. Damit sie von Bildschirmausleseprogrammen wahrgenommen werden, müssen Informationen wie "dieser Text ist eine Überschrift" oder "Dies ist eine Tabelle mit so und so vielen Zeilen und Spalten" ausdrücklich im Dokument vorhanden sein. Im Gegensatz zu den physischen Eigenschaften sind dies die logischen Eigenschaften. Ein einfaches Beispiel für logische Eigenschaften sind Zitate: Der Inhalt ist der zitierte Text. Die Anführungszeichen, in die der Text eingekleidet ist, weisen ihn als Zitat aus. Das öffnende Gänsefüßchen hat die Funktion eines Etiketts oder Hinweisschildchens, das sagt: "Achtung, hier beginnt ein Zitat". Die gegenteilige Aufgabe erfüllt das schließende Gänsefüßchen.
Zeichen wie Anführungszeichen oder ganze Zeichenfolgen, die keinen Inhalt, sondern logische Informationen über den von ihnen eingeschlossenen Text enthalten, werden als so genannte Tags (sprich: Täcks) bezeichnet. Dokumente, deren logische Struktur mit Hilfe von Tags festgelegt wurde, heißen "getaggt". Um einem "getaggten" Dokument zu begegnen, müssen Sie nur Ihren Internet Browser aufrufen: Jede Webseite basiert auf HTML (der Hypertext Markup Language), und die arbeitet mit Tags.
Liebe Leser, Sie vermuten richtig: Auch PDF-Dokumente können nur dann wirklich zugänglich sein, wenn sie "getaggt" sind. In "ungetaggten" PDF haben Sie im günstigsten Falle Zugriff auf den reinen Dokumentinhalt, aber Gliederungsmerkmale wie Überschriften, Listen und Tabellen entgehen ihnen - das ganze Dokument wird wie ein durchgehender Fließtext behandelt. Dadurch sind nicht nur wichtige Strukturinformationen unzugänglich, sondern es fehlen auch elementare Navigationsmöglichkeiten. Diese sind insbesondere in längeren Texten unverzichtbar. Nicht umsonst fordern wir zu Recht, auf komplexeren Webseiten von Überschrift zu Überschrift und in unseren DAISY-Büchern von Kapitel zu Kapitel springen zu können.
Insgesamt erfüllen Tags in PDF-Dokumenten drei wichtige Funktionen:
Wer PDF mit JAWS und Window Eyes liest, weiß, dass der Adobe Reader dem Screenreader längere Dokumente immer nur Seite für Seite übermittelt. Obwohl ein überschriften-, listen- oder tabellenweises Springen theoretisch möglich ist, schränkt diese Tatsache die Navigationsmöglichkeiten natürlich ein. Umso wichtiger ist in längeren Dokumenten ein dauerhaft verfügbares verlinktes Inhaltsverzeichnis, das die Kapitelgliederung des Textes widerspiegelt.
Dies kann in PDF von sogenannten Lesezeichen geleistet werden. Zu jeder Überschrift muss der Autor ein Lesezeichen definieren. Alle definierten Lesezeichen werden im Adobe Reader dann in einer baumartigen Auflistung präsentiert. Baumartig ist sie, weil ein Text natürlich hierarchisch in Ober- und Unterüberschriften gegliedert sein kann - ganz ähnlich wie ein DAISY-Buch, in dem mehr als eine Navigationsebene zur Verfügung steht.
Markieren wir also auf unserer Festplatte eine mit Tags und Lesezeichen barrierefrei gestaltete PDF-Datei. Mein Vorführ-Dokument beinhaltet den Band zu Hessen/Thüringen aus der Buchreihe "Entdeckungsreise Autobahn - Das Handbuch zu touristischen Hinweisschildern". Die PDF-Fassung wurde mit viel Mühe und Sorgfalt in der Druckerei der Marburger Blindenstudienanstalt erstellt.
Gleich beim Öffnen fällt auf: Das Dokument wird unverzüglich angezeigt. Dies ist nicht selbstverständlich, denn wer "ungetaggte" PDF-Dateien mit einem Screenreader liest, den konfrontiert der Adobe Reader zunächst mit einem Dialogfenster mit dem Titel "Lesen eines Dokuments ohne Tags". Darin steht zu lesen: "Dieses Dokument mit so und so vielen Seiten verfügt nicht über Tags und muss zum Lesen vorbereitet werden". Bei unserem "getaggten" Dokument wird der Dialog nicht angezeigt, der Programmfokus befindet sich direkt im Dokumentfenster, das Lesen kann beginnen: Die Titelseite des Buches wird angezeigt und vorgelesen. Mit den Pfeiltasten, POS1, ENDE, BILD-AUF und BILD-AB kann ich durch den Text spazieren, als wäre es ein simples Dokument in einer Textverarbeitung. Da ich als Screenreader JAWS in der Version 8 verwende, könnte ich jetzt beispielsweise durch Drücken der Taste "h" zur nächsten Überschrift, mit "t" zur nächsten Tabelle oder mit "l" zur nächsten Liste springen. Alle drei Tasten informieren mich aber darüber, dass auf der gerade angezeigten Seite keines dieser Elemente verfügbar ist.
Nachdem ich das Titelblatt vollständig gelesen habe, schalte ich mit STRG+BILD-AB auf die nächste Seite um, die mir wiederum automatisch von oben bis unten vorgelesen wird. Nach einem weiteren Umblättern mit STRG+BILD-AB finde ich auf Seite drei mit den rechtsverbindlichen Hinweisen den Ersten Link, den ich gezielt auch mittels Tabulatortaste ansteuern kann. Schon beim Aufschlagen der Seite bin ich über das Vorhandensein des Links informiert worden. Auf der Textzeile mit dem Linktext könnte ich die Eingabetaste drücken. Nach Bestätigung einer Sicherheitsabfrage würde sich mein Internet-Browser öffnen und mich direkt auf das Verweisziel, die Seite der Deutschen Blindenstudienanstalt, bringen. Das will ich aber momentan nicht. Auf Buchseite vier ist dann die Rede vom Inhaltsverzeichnis, aber nach einigen weiteren Textpassagen auf Seite fünf geht es auf Seite sechs gleich mit dem Vorwort los.
Wo ist denn nun bitteschön das Inhaltsverzeichnis mit den Überschriften? Da fällt mir ein, dass die blista-Druckerei das Buch mit Hilfe von Lesezeichen gegliedert und navigierbar gemacht hat, also nichts wie hin zu der Strukturansicht mit den Lesezeichen. Die befindet sich außerhalb des Dokumentanzeigebereichs in der linken Bildschirmhälfte im so genannten Navigationsbereich auf einer Registerkarte namens "Lesezeichen". Im Navigationsbereich des Adobe Readers kann eine ganze Reihe von Registerkarten angezeigt werden, momentan interessiert uns jedoch nur das Lesezeichen-Register.
Ich drücke F6, um vom Buchtext zum Anzeigebereich für die Registerkarten zu wechseln. JAWS sagt: "Strukturansicht, Vorwort". Neugierig erkunde ich mit den Pfeiltasten AUF und AB die Lesezeichen. Dabei lerne ich: Meine Strukturansicht enthält 116 Einträge. Das Buch ist in zwei Ebenen gegliedert. Auf der obersten Hierarchiestufe, die von JAWS als "Ebene 0" bezeichnet wird, finde ich am Buchanfang das Vorwort, am Buchende eine Danksagung und dazwischen zwölf Namen von Autobahnen, von denen das Buch handelt. Zu jeder Autobahn finde ich auf einer untergeordneten Hierarchieebene mehrere Orte, die an der jeweiligen Autobahn liegen. Insgesamt sind es 102 "touristische Sehenswürdigkeiten". In einem Buch aus Papier müsste ich jetzt akzeptieren, das ein langes, komplexes Inhaltsverzeichnis vor mir liegt. Auf dem Lesezeichen-Register im Adobe Reader habe ich es besser: Möchte ich die zu einer Autobahn gehörenden Orte nicht angezeigt bekommen, drücke ich auf dem Eintrag für diese Autobahn die Taste PFEIL-LINKS. Dadurch klappt die untergeordnete Hierarchieebene für diese Autobahn zu. Mit PFEIL-RECHTS kann ich sie bei Bedarf wieder ausklappen. Möchte ich überhaupt nur noch Inhaltsverzeichniseinträge der übergeordneten Autobahn-Ebene haben, kann ich auf einen Schlag alle untergeordneten Sehenswürdigkeiten ausblenden. Dazu schalte ich vorübergehend den Nummernblock meiner Tastatur ein und drücke die UMSCHALT-Taste zusammen mit dem NUMMERNBLOCK-SCHRÄGSTRICH. Mit UMSCHALT+NUMMERNBLOCK-STERNCHEN könnte ich auf einen Schlag auch wieder alle Sehenswürdigkeiten einblenden.
Warum als gebürtiger Saarbrücker nicht mal was über Frankfurt am Main lesen? Also: Zum Eintrag für die A5 navigiert und dann mit PFEIL-AB bis zum Eintrag "62: Europastadt Frankfurt am Main" auf Ebene 1. Nun nur noch das Lesezeichen mit der EINGABETASTE (Return) aktiviert und durch zweimaliges Drücken von F6 wieder zurück in den Dokumentanzeigebereich gesprungen. Der Adobe Reader hat für mich automatisch die richtige Seite aufgeschlagen, aber welche Seite ist das denn? Oben im Text finde ich die Angabe "#O:67". Das ist die originale Schwarzschriftseite, die die blista-Druckerei stets mit angibt. Aber bin ich denn auch im Adobe Reader auf Seite 67? Das lässt sich mit Hilfe eines Screenreaders im Adobe Reader 8 leider nicht mehr ganz einfach feststellen. Am Einfachsten ist es, wenn man den Befehl "Gehe zu Seite" aufruft. Das macht man mit dem Tastenbefehl STRG+UMSCHALT+N. Im Eingabefeld, in dem der Cursor steht, findet man die aktuelle Adobe Reader-Seitenzahl. In diesem Fall die 130. Nebenbei lese ich rechts davon noch die Gesamtzahl an Seiten, die das Buch im Adobe Reader umfasst: Es sind 212. Ohne eine Aktion durchzuführen, breche ich das mit STRG+UMSCHALT+N aufgerufene Dialogfenster ab und befinde mich wieder im Text. JAWS kündigt mir eine Überschrift der Ebene zwei an, die ich mit "h" auch direkt ansteuern kann. Es ist "Europastadt Frankfurt am Main".
Noch ein Tipp: Wenn Sie wissen, dass in einem PDF-Text Lesezeichen vorhanden sind, diese sich mit F6 aber partout nicht zeigen wollen, ist vermutlich das Lesezeichen-Register im Navigationsbereich des Adobe Readers ausgeblendet. Rufen Sie dann den Menüpunkt "Ansicht/Navigationsfenster/Lesezeichen" auf, was Sie per Tastatur mit ALT+A, dann N, dann L bewerkstelligen können.
Am besten, Sie probieren das Besprochene gleich selbst aus, zum Beispiel mit einem barrierefreien PDF-Buch aus der Braille-Druckerei der blista. Weitere Informationen erhalten Sie per Telefon (06421 6060) oder im Internet (http://www.blista.de/bd/).
Oliver Nadig ist EDV-Lehrer und Hilfsmittelberater in der Rehabilitationseinrichtung für Blinde und Sehbehinderte der blista. Für den DVBS ist er Mitglied im gemeinsamen Fachausschuss für Informations- und Telekommunikationssysteme (FIT) und befasst sich im Rahmen dieser Tätigkeit insbesondere mit der Zugänglichkeit verschiedenster Dokumentenformate.
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