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seit mehr als 50 Jahren gleiten nun meine beiden Zeigefinger fast täglich über dickes Papier, in das von Hand oder von Maschine verschiedene Kombinationen aus sechs Punkten gestanzt sind. Viele von Ihnen, liebe Leser, machen diese Fingerübungen noch viel länger als ich, andere sind erst später dazu gekommen. Aber wem es gelungen ist, diese Schrift zu erlernen und halbwegs flüssig zu lesen, den lässt sie nicht mehr los. Anschauliche Beispiele bieten die Interviews zum Thema "Die Punktschrift und ich" im Schwerpunkt des Heftes.
Auch wenn unser Tastsinn nicht so ausgeprägt und schnell in der Lage ist, Strukturen zu erkennen und zu erfassen, wie es die Augenmenschen können, bringt er uns doch die Außenwelt näher, sozusagen "unter die Finger". Unser Tastsinn macht sie zwar nicht sicht-, aber fühlbar und gibt uns ein Medium in die Hand, auf das zu verzichten leichtfertig wäre. Adäquate Informationsaufnahme und damit Bildung ist ohne die Möglichkeit, sie zu verschriftlichen oder sich schriftlich mit ihr auseinanderzusetzen, kaum denkbar. Wie sollen wir gemeinsam mit unserem Gegenüber an Texten arbeiten, wenn wir sie nicht selbst lesen können, sondern uns darauf konzentrieren müssen, sie mit einem Knopf im Ohr zu erlauschen? Wie sollen wir klare Gedanken fassen, wenn wir sie nicht "unter die Finger" nehmen können, sondern sie nur in blecherner, relativ unbetonter Sprache präsentiert bekommen?
Ich bin der festen Überzeugung: Das alles geht nur mit einer für uns lesbaren Schrift! Diese Schrift ist und bleibt das geniale Sechs-Punkte-System von Louis Braille mit seinen noch von ihm und von seinen Nachfolgern entwickelten Zusatzinstrumenten wie Noten-, Kurz- oder Mathematikschrift und den vielen weiteren Ausprägungen.
All diese Vorzüge spiegeln sich auch in den Beiträgen dieses Heftes wider. Hoffen wir, dass die Beschwörungsformel nicht ungehört verhallt, sondern sorgen wir gemeinsam dafür, dass dieses Medium trotz aller technischen Veränderungen seine Bedeutung behält und wir auch in den nächsten Jahrzehnten Gedenktage für die Blindenschrift nicht nur als "Vergangenheitsklimbim" betrachten müssen. Das wünscht sich und uns
Ihr und Euer
Uwe Boysen
Motiv: Frontales Brustbild von Uwe Boysen, Vorsitzender des DVBS, während der Mitgliederversammlung im Mai. Er sitzt lachend in hellem Hemd an einem Tisch und liest Punktschrift-Unterlagen. Foto: Susanne Schmidt
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