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Die Geschichte der Blindenschrift umfasst einen Zeitraum von mehr als drei Jahrhunderten. Die ältesten Nachrichten hierüber reichen jedoch bis in die Zeit der Eroberung Perus durch die Spanier zurück. Diese fanden in großen rohen Kästen wollene Schnüre, verschieden in Farbe, Breite und Länge. An die langen Schnüre waren kurze geknüpft und an allen waren verschieden große Knoten geschürzt. Die Farbe der Schnur, ihre Größe, die Zahl und die Entfernung der Knoten voneinander hatten besondere Bedeutung; sie waren für die, die fähig waren, sie zu deuten, klare, konkrete historische Aufzeichnungen. Das System wurde "Quipu" genannt. Blinde Personen, die diese Schnüre handhabten, waren imstande, sie ebenso zu lesen wie Sehende, nur der Farbenunterschied war ein Hindernis, aber die verschiedenartige Wirkung, welche die Farben auf die Struktur der Stoffe hatten, war meist ein sicherer Hinweis.
Dem Zweck des Lesens dienten auch die Holzschnitte Rampazzettos in Rom (1575), und Franciscus Lukas' in Madrid (1580), die in Europa als die ersten Versuche, den Blinden die Schrift tastbar darzustellen, bekannt geworden sind. Die älteste Notiz über das Schreiben Blinder findet sich in Georg Philipp Harsdörffers "Deliciae Mathematicae et Physicae", Nürnberg 1651. Harsdörffer beschreibt eine Methode, wonach der Blinde auf einer mit Wachs überzogenen Tafel seine mittels Griffel gegrabenen Buchstaben erkennen, nennen und nachmachen wird; ja mit der Zeit auch solche in Wachs gezogene Schrift lesen lernen mag.
Vor kurzer Zeit hat man in Deutschland den Beginn des systematischen Bildungswesens für blinde Kinder und Jugendliche gefeiert. Der Grund hierfür war die Gründung der ersten Blindenschule in Berlin 1806 durch den preußischen König Friedrich Wilhelm III., der, eine Anregung des französischen Philantropen Valentin Haüy folgend, Johann-August Zeune damit beauftragte. Dieses Ereingnis wurde vor zwei Jahren durch viele Feiern und eine umfangreiche Festschrift gewüdigt.[2]
Eine geeignete Schrift für blinde Menschen war 1806 aber noch nicht geschaffen. Ihr Entdecker, oder besser gesagt Erfinder, Louis Braille, war noch nicht geboren. Er kam am 4. Januar 1809 in Coupvray, Departement Seine-et-Marne, einem kleinen Städtchen rund acht Meilen westlich von Paris, auf die Welt. Sein Vater, Simon-René Braille, übte dort das Sattlerhandwerk aus. 1792 hatte er Monique Baron geheiratet. Aus der Ehe gingen vier Kinder hervor, deren jüngstes Louis war.
Im Alter von drei Jahren spielte Louis in der Werkstatt seines Vaters mit einem kleinen Winzermesser, dessen sich der Sattler zum Schneiden des Leders bediente. Louis verletzte sich mit dem Werkzeug an einem Auge so schwer, dass trotz aller Bemühungen des Arztes und des Apothekers zuerst das eine Auge, bald darauf das andere - vermutlich durch eine Infektion in Mitleidenschaft gezogen - entfernt werden musste, so dass Louis das Sehvermögen verlor.
Motiv: Innenansicht der Sattler-Werkstatt Simon-René Brailles im Geburtshaus und heutigen Museum Louis Brailles in Coupvray. Im niedrigen Raum mit Steinboden stehen Werkbank, Zaumzeug und ein Stuhl. Foto: Musée Louis Braille
Die Eltern ließen sich trotz aller anfänglichen Verzweiflung über das Unglück ihres Jüngsten nicht entmutigen. Sie verstanden es ganz intuitiv, im Gegensatz zu so vielen anderen Eltern blinder Kinder, die frühe Erziehung ihres Kindes mit vorbildlichem Verständnis zu leiten. Sie förderten besonders seine manuelle Geschicklichkeit. Er wurde geradezu zum Spezialisten in der Herstellung von Fransen für das Zaumzeug von Pferden. Weder seine Eltern noch seine beiden älteren Schwestern kamen auf die Idee, das kleine Kind mit zu viel Liebe und Fürsorge zu umgeben. Das häusliche Leben und die Ereignisse in der Familie liefen in ungestörtem Rhythmus weiter.
Brailles Eltern schickten ihr blindes Kind in die Dorfschule - eine für die Entwicklung des Kindes sehr glückliche Entscheidung. Obwohl der kleine Louis nur einige geringe mündliche und praktische Kenntnisse in dieser, nach den pädagogischen Erkenntnissen der damaligen Zeit geleiteten Dorfschule erwerben konnte, war der lebendige Kontakt mit gleichaltrigen sehenden Kindern ein ganz wesentlicher Vorteil für ihn als blindes Kind.
Motiv: Innenansicht des Gemeinschaftsraums im Braille-Geburtshaus. Dunkle Balkendecke, Steinfußboden, schwere Holzmöbel, Kamin. In der Mitte des Raums steht ein einfacher Holztisch mit zwei Bänken, im Hintergrund ist eine Bettnische.
Foto: Musée Louis Braille
Woher die Eltern ihre Kenntnis von der Existenz der "Institution Royale des Jeunes Aveugles" in Paris hatten, ist nicht bekannt. Fest steht nur, dass Brailles Vater mehrmals an den Direktor der Anstalt geschrieben hatte und sich nach langem Zögern entschloss, sein Kind am 16. Januar 1819 dorthin zu bringen, nachdem er eingesehen hatte, dass diese Maßnahme zu Louis' Bestem sei. Das Institut wurde 1784 als Privatschule von Valentin Haüy gegründet.[3]
Für die weitere Entwicklung des jungen Louis war die "Institution Royale des Jeunes Aveugles"und waren die Gedanken seines Gründers Valentin Haüy von so großer Bedeutung, dass hier dessen Persönlichkeit nicht nur kurz gestreift werden darf.
1784 begann Haüy, Blinde zu unterrichten. Im selben Jahr feierte die blinde Wienerin Maria Theresia von Paradies in musikalischen Kreisen Triumphe und bildete das Gespräch der vornehmen Welt.
Haüy ist es zu verdanken, dass die Idee der Bildungsfähigkeit blinder Menschen nicht nur vereinzelt akzeptiert wurde, sondern von der Gesellschaft als neue pädagogische Einsicht aufgenommen und in die Schaffung von Blindenschulen umgesetzt wurde. In Frankreich war der Boden für die Förderung der Blinden ganz gut vorbereitet durch die Aufsehen erregende Schrift Denis Diderots, "Lettre sur les aveugles". Sie war 1749 erschienen und konnte Haüy als gebildetem Franzosen nicht unbekannt sein. In hohem Maß wurde jedoch Haüy auf das Unglück der Blinden nicht nur durch die sehr zahlreich auftretenden blinden Bettler in Paris aufmerksam gemacht. Er wurde auch Zeuge von Szenen, bei denen Blinde in roher Weise zur Belustigung des Publikums missbraucht wurden.
Haüy erfuhr von den Bemühungen des Italieners Rampazzetto und von dem Unterricht eines Erblindeten namens Weißenburg und unterrichtete danach den blinden François de Lesueur. Bald änderte Haüy, seinen eigenen Eingebungen folgend, die Methode und gestaltete sowohl die Schreibapparatur Rampazzettos als auch die Landkarten Weißenburgs um. Bereits nach wenigen Monaten ließ er seinen Schüler vor einem geladenen Publikum prüfen. Der Erfolg war so groß, dass er in die Lage versetzt wurde, zwölf Schüler aufzunehmen, für deren Unterhalt zum Teil die "Societé Philantropique" sorgte; bald stieg die Zahl der blinden Schüler auf das Doppelte und Vierfache, so dass eine ansehnliche Menge von Schülern sich zum Unterricht in der Tagesschule zusammenfand. Nun konnte Haüy ein Internat in der Rue Coquiller eröffnen. Zu Weihnachten 1786 stellte Haüy 24 seiner besten Schüler dem König in Versailles vor und der ganze Hof war von der Tatsache überrascht, Blinde lesen, schreiben, rechnen, arbeiten und musizieren zu sehen. Seit dieser Zeit trat Haüy wiederholt vor die Öffentlichkeit, um das Interesse für seine Arbeit zu wecken und finanzielle Mittel zu erhalten.[4]
1789 glaubte Haüy, seine Schüler so weit vorgebildet zu haben, dass er sie als Lehrer von Sehenden, doch mit geringerem Erfolg, zu verwenden trachtete. Diese Versuche, wie auch die Erweiterung der Anstalt auf einhundert Schüler, wurden durch den Beginn der Revolution unterbrochen.
Für die Entwicklung des Systems war es von Bedeutung, dass der Anstoß von der sehenden Außenwelt kam. Die Verwirklichung zu einem praktikablen System erfolgte schließlich durch den als Kind erblindeten Louis Braille.
Bei dem Eintritt Louis Brailles in die "Institution des Jeunes Aveugles" konnte man an ihm bereits eine gewisse kindliche Noblesse bemerken, die gut zu seinen feinen Zügen und dem geistvollen Ausdruck seines Gesichts passte. Bis an sein Ende bewahrte er denselben Ausdruck von Sensibilität, Ernst und Wohlwollen.
Ein weiterer Wesenszug Brailles war es von frühester Jugendzeit an, sich exakt und kurz auszudrücken. Er erfasste das Wesentliche eines Gegenstandes schnell und scharf und umriss es für seine Zuhörer oder Schüler klar. Hierzu bemerkte André Pignier: "Ausgestattet mit einer großen Leichtigkeit, mit einer lebhaften Intelligenz und vor allem mit einer bemerkenswerten Lauterkeit des Geistes, wurde man bald durch seine Fortschritte und Erfolge in seinen Studien auf ihn aufmerksam. Seine literarischen und wissenschaftlichen Arbeiten enthielten nur exakte Gedanken; man konnte darin Phantasie erkennen, aber diese war immer vom Verstand gezügelt." Louis Braille selbst führte diese Charaktereigenschaft später auf die Notwendigkeit einer knappen und präzisen Ausdrucksweise für Blinde zurück, die wegen des großen Raumbedarfs der Blindenschrift sich in besonderer Weise der Knappheit, Kürze und Präzision befleißigen müßten. Braille selbst sagte hierzu: "Unsere Schrift- und Druckverfahren benötigen sehr viel Platz auf dem Papier; man muß daher den Gedanken auf die geringstmögliche Menge an Worten zusammenfassen" (wie Pierre Henri mitteilte). Hier liegt ein deutlicher Beweis für die Verbindung von Charakteranlage und schöpferischer Begabung vor.
Von seinem Eintritt in das Institut an beschäftigte sich Braille sowohl mit Studien als auch mit Arbeiten in den kleinen Werkstätten. Er verriet Anlagen zu allem, besonders aber zu den Wissenschaften und verfügte über eine leichte Auffassungsgabe und einen lebhaften Geist von französischer "clarté" (dt.: Klarheit, Deutlichkeit, Verständlichkeit). Auch seine literarischen Aufsätze waren von großer Genauigkeit und zeichneten sich durch Gewandtheit in Stil und Ausdruck aus. Er erhielt vielfach Preise für seine Leistungen. Zur Vertiefung seines Wissens besuchte Braille später Vorlesungen in öffentlichen Schulen.
Motiv: Ein Portrait Louis Brailles. Lucienne Filippi fertigte das Gemälde auf Elfenbein 1966 nach einem inzwischen verschollenen Porträt von Louis Brailles Totenbett an. Foto: Musée Louis Braille
Braille erhielt Klavierunterricht sowie Unterricht im Generalbass und Orgelspiel; damals schon waren berühmte Musiker und Professoren bereit, blinde Schüler unentgeltlich zu unterrichten. Insbesondere zeichnete er sich im Orgelspiel aus, so dass er später den Orgeldienst an verschiedenen Kirchen von Paris übernehmen konnte. Seine Fortschritte veranlassten die Institutsleitung, ihn als Repetitor der jüngeren Schüler zu verwenden. Bald darauf, 1828, übernahm er mit Erfolg eine eigene Klasse. Brailles Unterricht war genau und treffend, doch äußerst konzentriert. Die Disziplin in seiner Klasse war außergewöhnlich, denn er behandelte seine Schüler wohlwollend, aber mit fester Hand.
Den Unterricht suchte er durch verschiedene Hilfsmittel leicht fasslich zu gestalten, er schrieb Auszüge aus einer Geschichtsdarstellung und aus anderen Werken, die sich als sehr genaue, knappe Arbeiten erwiesen. Braille verfasste auch Grundrisse der Mathematik für seine blinden Schüler. Über diese Zeit des Schülers und Lehrers Louis Braille urteilt ein Zeitgenosse und Kollege, Hippolyte Coltat: "Er erfüllte seine Pflichten mit so viel Charme, dass sich für seine Schüler die Aufgabe, am Unterricht teilzunehmen, in ein wirkliches Vergnügen verwandelte. Der Wetteifer unter ihnen hatte nicht so sehr zum Ziel, sich einander anzugleichen oder sich zu übertrumpfen als vielmehr, sich einem Lehrer angenehm zu machen, dem sie zugeneigt waren als einem geschätzten Vorgesetzten, einem weisen und erleuchteten Freund, der ihnen mit Rat und Tat zur Seite stand."[5]
Haüy hatte den Grundgedanken verfolgt, dass die Gleichstellung der Blinden möglichst vollständig erfolgen müsste. Deshalb wurden Latein, Griechisch, Algebra und Rhetorik, Gegenstände der klassischen Bildung, zu den selbstverständlichen Fächern des Curriculums der "Institution des Jeunes Aveugles". Der notwendige Unterrichtsstoff wurde in Reliefschrift den Blinden zugänglich gemacht, die nun die Schriftzeichen der Sehenden durch Abtasten lesen lernten. Während Haüy der Vorstellung verhaftet blieb, das Buch im Relief für Blinde lesbar zu machen, geschah durch Nicolas Marie-Charles Barbier eine Abkehr von diesem Prinzip, das sich zu sehr an die Begriffs- und Vorstellungswelt Sehender anlehnte.
Barbier, 1767 in Valenciennes geboren, war Offizier und Landvermesser, emigrierte nach Amerika, kehrte nach Frankreich zurück und lebte zurückgezogen teils in Paris teils in Versailles. Selbst starken Gemütsbewegungen unterworfen, wandte er sich armen und behinderten Menschen zu, um ihr Schicksal zu verbessern. Zuerst beschäftigte sich Barbier mit der Telegraphie und ersann ein Alphabet, das zunächst für die Verständigung im Krieg bei Nacht ("Écriture nocturne") gedacht - später zum Gebrauch der Blinden eingerichtet wurde. Dann fasste er den Entschluss, Blinde mit dem Schreiben vertraut zu machen. Dabei hatte er den glücklichen Einfall, dass für den tastenden Finger der erhabene Punkt viel deutlicher fühlbar sei als die Linie. Zudem ging Barbier von der Ansicht aus, dass für Blinde die Orthographie der Sehenden nicht nötig und es ein Vorteil sei, wenn sie sich eine einfache phonetische Schreibweise aneigneten.
Er entwarf ein "sonographisches Alphabet", das mit sechs Punkten in der Höhe und zwei Punkten in der Breite die 36 Grundlaute der französischen Sprache durch verschiedene Gruppierungen dieser Punkte wiedergab. Die Schrift konnte sich jedoch nicht durchsetzen, da sie schwer zu lesen und langwierig zu schreiben war. Aber Barbier hatte damit doch etwas geschaffen, was für Blinde von ungewöhnlichem Nutzen werden sollte. Ein anderer, der 16-jährige Braille, schöpfte daraus im Jahr 1825 die Idee zu seinem so einfachen und praktischen Punktschriftsystem. Doch ging die Umwandlung nur langsam vor sich, noch 1882 wandte man das "sonographische System" mit den Braillezeichen als Vereinfachungssystem an.
Eine Kommission der Institution Royale unter der Leitung der berühmten Wissenschaftler Bernard Germain Etienne Lacépède und André Marie Ampère hatte am 1. Dezember 1823 in einem genauen Test die Schrift Barbiers geprüft und ihre große Überlegenheit gegenüber der herkömmlichen Reliefschrift bestätigt. Dennoch war diese Schrift nur phonetisch, ohne Zeichensetzung und nicht den Bedürfnissen des Tastsinns angepasst. Es war noch keine "art de parler au toucher", wie die Kommission schon gemeint hatte.
Die Grundnorm Brailles dagegen, die nur über sechs Punkte verfügte, bot 64 Varianten und genügte nicht nur für die Vollschrift und die Hilfszeichen, sondern in Verbindung mit einer zweiten Grundnorm auch für Kurzschrift und Stenographie. Aus der "Schrift der Armen" Barbiers hatte Braille ein vollständiges Instrumentarium der Korrespondenz und Übertragung gemacht. 1827 und 1829 wurden zwei Grammatiken in die Braille-Schrift übertragen und im gleichen Jahr fasste der Schöpfer der Schrift seine Erfindung in einer Veröffentlichung zusammen.[6]
Braille ging mit seinem System theoretisch von einer exakten Kombinatorik aus, aber er blieb dabei nicht stehen. Er schied alle Zeichen aus dem Alphabet aus, die zwar kombinatorisch richtig, dem tastenden Finger aber problematisch waren, weil sie zu Verwechslungen führen konnten. Er lebte zu sehr in der Welt des Tastsinns, er verband daneben meisterhaft Abstraktionsfähigkeit mit dem Sinn für das Realisierbare, so dass sein Entwurf eben eine Verbindung von Einfachheit und Genialität aufwies, die allen Meisterwerken eigen ist. Bereits 1830 wurde Brailles Schrift an der "Institution des Jeunes Aveugles" für den Schulunterricht eingeführt.[7] Vor der zweiten Auflage seines "Procédé" im Jahr 1837 hatte der Erfinder unermüdlich weitergearbeitet, die Schrift getestet und Variationen ausprobiert.
1837 war die Schrift zur Perfektion gediehen: neben allen orthographischen Zeichen waren die Zahlenschrift und eine Grundschrift für Algebra und Arithmetik entworfen. Darüber hinaus hatte er bereits den Grundstein für die Blindennotenschrift gelegt. Bemühungen in dieser Richtung lagen ihm, dem großen Meister der Orgel, sicher sehr am Herzen. Der Beruf des Musikers war damals einer der wichtigsten Berufe für Blinde. In seiner Schrift aus dem Jahr 1831 hatte er schon die ersten Schritte in diese Richtung getan.[8] Auf die großen technischen Probleme, die erst mehr als hundert Jahre später mit der Schaffung eines internationalen Blindennotenschriftsystems gelöst werden konnten, kann hier nicht näher eingegangen werden. Aber auch für den Lösungsweg des 20. Jahrhunderts war das Werk Brailles auf dem Gebiet der Notenschrift bahnbrechend.
War man lange Zeit geneigt, die Bedeutung der Braille"schen Erfindung nicht anzuerkennen, so hatte man nach dem Sieg der Punktschrift dem Erfinder, der den Erfolg nicht mehr in vollem Umfang erleben konnte, die Originalität streitig machen wollen. Man hatte geglaubt, dass Barbier der originäre Denker und schöpferische Charakter gewesen sei und dass Louis Braille sich nur mit geringen Abänderungen die "Écriture nocturne" Barbiers zunutze gemacht habe. Die Nachwelt, insbesondere die Blinden, die sich seiner Schrift so erfolgreich bedienen konnten, hätten dazu beigetragen, gewollt oder ungewollt, Barbier, den Sehenden, in den Schatten zu stellen, um Louis Braille, ihren blinden Schicksalsgefährten, zur kreativen Persönlichkeit, zum Prometheus der Blinden zu machen.
Zunächst muss man immer davon ausgehen, dass Erfindungen Leistungen sind, die auf einer bestimmten gesellschaftlichen Entwicklungsstufe kommunikativ entstehen, selbst wenn die einzelnen Träger des erfinderischen Gedankens nicht unmittelbar und bewusst miteinander im geistigen Gedankenaustausch stehen. Die Abhängigkeit von früheren Entwicklungen und gleichzeitigen Vorstellungen kann nicht unterschätzt werden. So ist es auch mit der Braille-Schrift, die eine lange Entwicklungszeit brauchte, bis plötzlich ein ganz neuer Weg der Blindenbildung mittels einer neuen Idee sichtbar wurde.
Fragen wir die Zeitgenossen, fragen wir Barbier selbst, wie er das Verhältnis seiner Nachtschrift zu der Braille-Schrift gesehen hat.
In einem Brief an die Institution Royale schreibt Barbier am 15. Mai 1833 als Vorwort einer neuen Auflage seiner Écriture nocturne:[9] "Es ist Herr Louis Braille, ein junger Schüler, jetzt répétiteur an der Institution Royale in Paris, der als Erster die glückliche Idee gehabt hat, die Punktschrift auf den Gebrauch einer dreizeiligen Grundnorm zu vermindern. Die Buchstaben nahmen weniger Platz ein und sind leichter zu lesen; unter diesen beiden Gesichtspunkten ist es ein wesentlicher Verdienst, für den man ihm dankbar sein muss."
Danach stellt sich die zeitliche Reihenfolge der beiden Erfindungen wie folgt dar: Barbier 1821-1823 und Braille 1823-1825.
Barbier neigte eher dazu, die Bedeutung seiner Erfindung zu übertreiben, wenn wir Pignier glauben dürfen. In seinem Essay historique hat Pignier den Charakter Barbiers wie folgt beschrieben: "Die Dinge so abzuändern, ist nicht nur eine Verbesserung, sondern eine Erfindung."
Die wenigen überlieferten Charakteristika von Brailles Persönlichkeit - sie stammen zumeist von dem Direktor der Institution Royale, dem Arzt Pignier und seinem Schüler und späteren Freund und Kollegen Coltat - gestalten es sehr schwierig, sich ein Bild von seinem Charakter zu machen. Auch die sonst wichtigste Quelle, die eine Vorstellung vom Wesen eines Menschen ermöglicht, die Erforschung von Briefen, fließt hier nur sehr spärlich. Braille verbrachte fast sein ganzes Leben im Institut, umgeben von allen seinen Freunden und Schülern, an die er nur ganz selten bei seinen Besuchen im Elternhaus geschrieben hat, aber auch von diesen Briefen sind nur sehr wenige in schlechtem Zustand erhalten.
Coltat erzählt von ihm, dass er im Gespräch oft rasch von Fröhlichkeit zum Ernst wechselte und manchmal mit kleinen charmanten Pointen brillierte. Gelegentlich kursierten seine Bonmots von Mund zu Mund und wurden im Institut geradezu sprichwörtlich, dann aber ließ er wieder mit großem Ernst seine Gedanken und Eindrücke im Gespräch laut werden.
Sein Biograph Henri zitiert hier Freunde und Weggenossen Brailles wie folgt: "Eine so große Begabung von geistiger und intellektueller Spannkraft und Lebendigkeit und vor allem von so bemerkenswerter Feinheit des Gedankens lenkte sehr bald das Interesse auf den jungen Louis. Seine Aufgabe als Repetitor und Lehrer der blinden Internatsschüler erfüllte er mit größtem Verantwortungsbewusstsein. Seine Unterrichtsmethode, seine Verbindung von Reflexion und Erfahrung, zeugte von seinen pädagogischen Fähigkeiten und seinem Sinn für Gerechtigkeit. So bestrafte er seine Schüler nur in den seltensten Fällen; für damalige Erziehungsprinzipien war dies sehr bemerkenswert. Er verstand es, seine Schüler zu fesseln und sich in ihre Situation einzufühlen, so dass sie mit großer Zuneigung an ihm hingen."
Von Coltat wissen wir auch, dass Freundschaft für Braille alles bedeutete: für seine Pflicht, für eine tiefe Empfindung hätte er alles geopfert, seine Zeit, seine Gesundheit, sein Vermögen. Es gibt dafür mehrere Beispiele, wie etwa, dass er seine Stelle als Organist einer Pariser Pfarrei einem seiner Schüler überließ, damit dieser sich einen geringen Lebensunterhalt verdienen konnte. Einem anderen Schüler schenkte er seine Orgel, ein schönes altes Instrument, auf dem er selbst noch gerne spielte; er wusste aber auch, dass es nicht allein genügte, zu geben, sondern dass das Geben mit Liebe geschehen müsse, damit die Würde des Menschen im Beschenkten geachtet würde. In seinem Testament bestimmte er denn auch, dass "alle Summen, die von mir vor dem 1. Dezember dieses Jahres verliehen worden sind, nicht mehr zurückzufordern sein sollen".
Die Braille-Schrift hatte das Problem der Kommunikation unter Blinden und der Aneignung von Wissensstoff, der in Braille übertragen worden war, gelöst. Ungelöst war die Frage der Kommunikation zwischen Blinden und Sehenden, denn die Brailleschrift stellte an einen ungeübten sehenden Leser erhebliche Anforderungen. Dass sich Braille als nächstes dem Problem zuwandte, eine Kommunikationsmöglichkeit zwischen Blinden und Sehenden zu schaffen, eine Schrift, die beide in die Lage versetzte, miteinander in Kontakt zu treten, zeigt, wie sehr ihm an der Integration des Blinden in die Gesellschaft der Sehenden gelegen war.[10]
1839 veröffentlichte Braille eine kleine 16-seitige Schrift.[11] Der Titel sagt sehr detailliert, um was es sich handelt: "Neues Verfahren zur Darstellung von Buchstaben, geographischen Karten und geometrischen Figuren sowie von Musiknoten durch Punkte zur Benützung von Blinden." Der Titel besagt bereits, dass sein Anliegen ein viel weiterreichendes war, wenn auch die Kommunikation mit der sehenden Umwelt im Vordergrund stand. Er wollte dem Blinden auch Kartenmaterial, Notenschrift und geometrisch-mathematische Zeichnungen zugänglich machen. Für viele Blinde war im 19. Jahrhundert diese Methode Brailles die einzige, welche ihnen erlaubte, mit der sehenden Umwelt zu korrespondieren, bevor die Entwicklung der Schreibmaschine diese Ansätze überholte. Das Problem der Musikschrift wurde erst 1929, also fast 100 Jahre später, gelöst, während die Frage der Darstellung von graphischen Zeichnungen und von Karten bis heute noch nicht in vollem Umfang beantwortet werden konnte.
Dies zeigt, wie sehr Braille mit seinen Gedanken und technischen Ausführungen seiner Zeit voraus war. Die Entwicklung eines Apparats, welcher dem Blinden wie dem Sehenden erlaubte, schnell die neue Schrift zu schreiben, gelang ihm zusammen mit seinem blinden Freund François Pierre Foucault, so dass man nach beiden dieses Gerät den Braille-Foucaultschen Raphigraphen nannte.
Der Apparat war 1841 fertig gestellt. Einer seiner Schüler, Victor Ballu, hat im Jahr 1865 den Raphigraphen weiter verbessert und andere, wie etwa Cantonnet et Nouët, haben ebenfalls Verbesserungen versucht.
Louis Braille entstammte einer gesunden und langlebigen Familie, seine Eltern und Geschwister erreichten ein hohes Alter, und kein Familienmitglied litt an Tuberkulose. Pigniers Beschreibung von Brailles Gesundheitszustand und körperlicher Verfassung als Schüler lässt in keiner Weise darauf schließen, dass er von schwächlicher Konstitution oder besonderer Anfälligkeit war. Vielmehr scheinen die äußerst ungesunde und unhygienische Umgebung, in die das Landkind schon mit zehn Jahren versetzt wurde, die Dunkelheit, Kälte und Feuchtigkeit des alten Gebäudes und der Umgang mit anderen Kindern von schwacher Gesundheit, die sich untereinander mit Lungenkrankheiten ansteckten, die Gründe gewesen zu sein, dass Louis schon mit 26 Jahren die ersten Anzeichen dieser Krankheit zeigte.
Der "Moniteur" schrieb 1832, dass unter den Schülern der Institution eine große Sterblichkeit herrsche, und der Abgeordnete Meilheurat intervenierte deshalb in einer Parlamentssitzung im Mai 1838. Alphonse de Lamartine veranlasste die Versammlung, vom Innenministerium Geld für ein neues Grundstück und den Bau einer neuen Schule zu fordern, indem er mit bewegten Worten schilderte, wie eng und düster, wie feucht und ungesund die Räume seien, in denen diese unglücklichen Kinder sich bewegen mussten. Dazu kamen tägliche harte Arbeit und vielerlei Anstrengungen für die Zöglinge.
Im Alter von 26 Jahren spürte Louis die ersten Anzeichen der tödlichen Krankheit und seine Korrespondenz drückt schon seine Ahnungen aus. Im Jahr 1840 muss er das Orgelspiel in Saint Nicolas des Champs aufgeben, er, der nach dem Zeugnis seiner Freunde ausgezeichnet, präzise und gelöst auf der Orgel spielen konnte, er, der von hervorragenden Lehrern wie Mariques Unterricht im Orgelspiel, von van der Burch auf dem Piano und von Bénazet im Violinspiel erhalten hatte. Im gleichen Jahr wird er von allen Unterrichtsaufgaben entbunden, kann aber noch im Institut bleiben, um dort behandelt und gepflegt zu werden. Vom 4. zum 5. Dezember 1851 erlitt er einen furchtbaren Blutsturz. Am 6. Januar 1852 starb Braille, umgeben von seinen Freunden. Am 10. Januar 1852 wurden seine sterblichen Überreste im kleinen Friedhof von Coupvray neben dem Vater und der Schwester beigesetzt.
Motiv: Außenansicht des Geburtshauses Louis Brailles, einem typisch französischen sandsteinfarbenem Steinhaus. Das zweigeschossige Gebäude östlich von Paris ist heute "Musée Louis Braille". Foto: Musée Louis Braille
1854, zwei Jahre nach Brailles Tod, wurde der erste Schritt zur Anwendung der Braille-Schrift außerhalb Frankreichs getan und ein Sprachführer für Portugiesisch erstellt. Vor allem bemühte sich der Freund Brailles, Joseph Guadet, zwischen 1855 und 1863 durch die Veröffentlichung einer Zeitschrift das Braille-System dem Ausland bekanntzumachen. In der französischen Schweiz wurde die Braille-Schrift schon 1852 eingeführt und 1860 eine Druckerei gegründet, die 1866 sechs Werke in Französisch und fünf in deutscher Sprache, darunter eine protestantische Bibelübersetzung in 32 Bänden mit 4.600 Seiten, gedruckt hatte. Blindenpädagogen, wie Johann Wilhelm Klein in Wien und Johann Knie in Breslau lehnten die Braille-Schrift jedoch ab, weil die Schrift den Blinden vom Sehenden zu sehr trennen würde. Erst die Blindenlehrer-Kongresse in Dresden (1876) und Berlin (1879) brachten eine Wende und eine Abkehr von einer zwischenzeitlich modifizierten deutschen Braille-Schrift.
In England, wo vier verschiedene Reliefschriften in Gebrauch waren, gab es weniger Schwierigkeiten. Erst der allgemeine Kongress zur Verbesserung des Loses der Blinden in Paris (1878) brachte für Europa die Festlegung auf das nicht modifizierte Braille-System, während Amerika sich erst zwischen 1910 und 1917 anschloss. Im Jahr 1929 wurde schließlich auf einer weiteren Pariser Tagung die Notenschrift vereinheitlicht und 1949 nahm sich die UNESCO auf Antrag Indiens der Vereinheitlichung und der Übertragung des Braille-Systems an und beauftragte eine spezielle Kommission. Bereits Ende des 19. Jahrhunderts wurden Schreibmaschinen in Deutschland und den USA entwickelt, die Braille schreiben konnten, die aber erst nach dem Zweiten Weltkrieg elektrifiziert werden konnten. In den 60er Jahren hat man damit begonnen, den Druck von Braille-Büchern durch computergesteuerte Punziermaschinen durchführen zu lassen, auch hierfür erwies sich das etwas angepasste Braille-System als hervorragend geeignet.
Die Ehrungen für Louis Braille häuften sich. Zeitschriften trugen seinen Namen, Briefmarken sein Porträt. Im Jahr 1952 wurden seine sterblichen Überreste in das Panthéon in Paris überführt. Er war von einem Außenseiter zu einem Symbol geworden. Die Worte, die hundert Jahre zuvor sein bester Freund bei der Enthüllung seiner Büste gefunden hatte, sollen zum Abschluss in Erinnerung gerufen werden: "Sein Schicksal hatte sich wahrlich gewandelt! Er war gewissermaßen wiedergeboren. Er war hindurch geschritten durch Dunkelheit und Unwissen zu intellektueller Aktivität [...] Oh, Blindheit! Bist Du noch so ein großes Unglück, wenn Du solche Erfolge hervorbringst?"
Die Braille-Schrift ist in den letzten Jahrzehnten erneut Gegenstand einer intensiven Diskussion geworden, weil die elektronischen Mittel des Computers offenbar es manchen Pädagogen für möglich erscheinen ließen, durch die moderne Technik und die akustische Wiedergabemöglickeit den tastenden Finger auf der, wie auch immer gekürzten und verbesserten Braille-Schrift, zu ersetzen. Obschon sich andererseits aus der alten Sechs-Punkte-Schrift nicht nur in allen Sprachen eine Kurz- und Stenografieschrift, sondern vereinzelt auch eine Acht-Punkte-Schrift entwickelt hat, glaubt man, dass die Frage der Nützlichkeit oder Notwendigkeit dieser Schrift immer noch offen ist. Aus Anlass der 200-Jahrfeier der Geburt von Louis Braille wird man sich intensiv in vielen Beiträgen diesen Problemen widmen, doch wird man heute schon sagen können, dass im persönlichen Anwendungsbereich die von Braille entwickelte Punktschrift unentbehrlich ist. Meinen Ausführungen lag vor allem der Wunsch zugrunde, Werk und Persönlichkeit des Erfinders der Punktschrift erneut in das Bewusstsein der Gegenwart zu rufen.
[1] Der Artikel beruht vor allem auf der Biografie von Pierre Henri, La vie et l´oeuvre de Louis Braille, Inventeur de l´alphabet des aveugles (1809-1859), Paris 1952. Verwiesen wird auch auf die Ausführungen des Autors, Louis Braille, seine Zeit und die Entwicklung der Blindenschrift, in: "horus" 1969, S. 7, sowie Louis Braille, in: Die Großen der Weltgeschichte, Zürich 1976. Dort finden sich auch die näheren Angaben über die Zitate aus der Biografie von Pierre Henri.
[2] 200 Jahre Blindenbildung in Deutschland (1806-2006), Drave/Mehls (Hg.), Würzburg 2006, hier insbesondere Benke, Die Schrift der Blinden, S. 51ff.
[3] Die beiden Werke, die darüber berichten, lauten "Essais sur l'éducation des aveugles", 1786, und "Notice historique sur l'Institution des enfants aveugles", 1781. Valentin Haüy (geb. 13.11.1745 in Saint-Just-en-Chaussée, gest. 18.03.1822 in Paris) gründete 1784 in Paris die erste Blindenschule der Welt.
[4] Haüys Hauptwerk über die Blinden ist "Essais sur l'éducation des aveugles".
[5] Zitiert nach Ηenri.
[6] Louis Braille: Procédé pour écrire les paroles, la musique et le plein-chant au moyen des points, à l'usage des aveugles et disposé pour eux, Paris 1829.
[7] Aus dem Jahr 1832 sind zwei Landkarten - eine Darstellung Frankreichs und eine Asiens - bekannt, die eine größere Type der Braille-Schrift aufweisen.
[8] Nouvelle méthode à l'usage des aveugles, pour representer la musique au moyen de lettres, de chiffres, etc., par les élèves de l'Institution Royale des Jeunes Aveugles, Paris, imprimé par les Jeunes aveugles.
[9] Henri meint, dass Barbier als guter "Mitspieler" nach dieser Erklärung in seinem Brief an Braille das "Spiel" hätte aufgeben müssen.
[10] Erst in den 60er Jahren gelang es, Schreibmaschinen zu bauen, die gleichzeitig eine Kontrollausgabe in Blindenschrift lieferten. Vorausgegangen war 1922 die Idee des blinden Franzosen Boquet, eine Schreibmaschine für Sehende mit einer Blindenschriftmaschine zu kombinieren.
[11] Der französische Titel lautet: "Nouveau procédé pour representer-par des points la forme même des lettres, les cartes de géographie, les figures de géométrie, les caractères de musique, etc. à l'usage des aveugles".
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