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Motiv: Modell der Punktschrift-Systematik. Foto Peter Jülich
Viele sehende Menschen blicken fasziniert, wenn blinde Menschen die Brailleschrift mit ihren Fingern ertasten, und manches Blindenschriftdokument, das ich während einer Zugfahrt zur Kenntnis nehme, führt zu einem Gespräch mit Reisenden. Äußerungen wie: "Können sie das wirklich lesen?" oder "Lässt sich in dieser Schrift wirklich jeder Buchstabe und jedes Zeichen darstellen?" tauchen immer wieder auf. Dabei mag sich so mancher Beobachter fragen, wie diese für ihn doch so fremde Schrift eigentlich aufgebaut ist. Im Zug stehe ich dann persönlich Rede und Antwort.
Die nun folgenden Ausführungen richten sich an all diejenigen, die Blindenschrift einmal irgendwo gesehen haben, jedoch keine Gelegenheit hatten, nachzufragen.
Blindenschrift, auch Punktschrift oder Brailleschrift genannt, setzt sich aus sechs Punkten zusammen, vergleichbar mit der Sechs auf einem Würfel. Jetzt stelle man sich den Würfel (oder auch ein Sechserpack Eier) so gedreht vor, dass sich zwei Punkte oben, zwei in der Mitte und zwei unten befinden.
Motiv: Ein Turm aus mehreren Spielwürfeln, jeweils die Augenzahl sechs zeigend. Im Hintergrund liegt ein lederner Würfelbecher. Foto: Susanne Schmidt
Für die Buchstaben von "A" bis "J" benötigt man lediglich die oberen vier Punkte. Das "A" ist ein Punkt links oben. Das "B" besteht aus dem Punkt links oben und demjenigen darunter. Ein "C" erhält man durch die beiden oberen Punkte nebeneinander. Keine Sorge! ich werde nun nicht weiter fortfahren, das Blindenschriftalphabet detailliert darzustellen. Es geht vielmehr um die Logik, die sich der in diesem Heft vielfach thematisierte Erfinder der Blindenschrift, Louis Braille, geschickt erdacht hat.
Ab dem Buchstaben "K" benötigt man den bisher nicht verwendeten Punkt links unten auf dem Würfel oder das linke untere Ei in einem Eierkarton. Das "K" wird also gebildet aus dem Punkt links oben und dem Punkt links unten. Das "L" wird gebildet wie das "B", nur das eben der Punkt links unten zu dem links oben und links in der Mitte hinzukommt. Bei dem "M" wird - logischerweise - zu dem oben beschriebenen "C" eben auch der Punkt unten links hinzugefügt.
Motiv: Das "l" nach Braille-Systematik: In einem geöffneten Sechser-Eier-Karton liegt jeweils ein braunes Ei auf "Punkt" eins, zwei und drei. Foto: Susanne Schmidt
Ab dem "U" wird, um das Alphabet beenden zu können, noch der Punkt rechts unten benötigt. Wenn man zu den Punktkombinationen von den Buchstaben "K" und "L" also noch den rechten unteren hinzufügt, erhält man die Buchstaben "U" und "V". Das "W" fällt aus der Systematik heraus, da es Louis Braille im Französischen nicht benötigte.
Motiv: Das "u" nach Braille-Systematik: In einem geöffneten Sechser-Eier-Karton liegt jeweils ein braunes Ei auf "Punkt" eins, drei und sechs. Foto: Susanne Schmidt
Rein rechnerisch stehen einem mit sechs Punkten 64 Kombinationsmöglichkeiten zur Bildung von Buchstaben und Zeichen zur Verfügung. Aus diesen Kombinationsmöglichkeiten wurden jedoch nicht nur Buchstaben und Zahlen sondern auch eine eigene Blindennotenschrift entwickelt.
Blindenschrift ist sehr platzaufwendig. Das in der normalen Schrift (von blinden Menschen häufig als "Schwarzschrift" bezeichnet) etwa 900 Seiten umfassende Werk "Der Zauberberg" von Thomas Mann hat in Blindenschrift acht Bände. Daher hat sich in sämtlichen Sprachen eine so genannte Blindenkurzschrift herausgebildet. In dieser Kurzschrift bedeutet jeder Buchstabe des Alphabets ein Wort. Das "A", der eine Punkt links oben auf dem Würfel, steht beispielsweise für "aber" und das "B" für "bei". Zwei "B" nebeneinander stehen für "bleib". Neben den Kürzungen für Worte gibt es auch solche für Silben wie zum Beispiel für "ver", "ent" oder "aus". Auch Buchstabengruppen wie "ge", "en" oder "al" lassen sich kürzen.
So einfach sich die Logik der Blindenschrift auch darstellen lässt, so ist es unter Umständen gar nicht so leicht, sie zu lernen. Unter fachkundiger Anleitung muss eine Sensibilität in den Fingern trainiert werden, damit die unterschiedlichen Buchstabenkombinationen erfasst werden können. Doch für Punktschriftleser ist ein Leben ohne Schrift genauso wenig vorstellbar wie für die meisten sehenden Menschen. Ein genauer und fachgerechter Umgang mit Sprache, bzw. mathematischen oder naturwissenschaftlichen Sachverhalten lässt sich eben nur mit Hilfe von Schrift realisieren.
Welche Bedeutung Schrift für blinde Menschen nach wie vor hat, wird in diesem Jahr, anlässlich des Geburtstages von Louis Braille noch ausführlich zu erörtern sein. Fest steht, dass Brailles Erfindung der Blindenschrift blinden Menschen überhaupt erst einen Zugang zu Bildung und Information ermöglicht hat. Schulbücher konnten vor der Existenz der Punktschrift kaum angefertigt werden.
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