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Jochen Schäfer: Der Blick zurück ins horus-Archiv

Seit rund 90 Jahren erscheinen die "Marburger Beiträge". Im Laufe der Zeit gab es im "horus" eine Reihe von Artikel, die den Punktschrift-Erfinder Louis Braille bzw. dessen Sechs-Punkt-Schrift zum Inhalt hatten. Im Folgenden wird eine Auswahl aus dem "horus"-Archiv vorgestellt.


1925 feierte man das 100-jährige Brailleschrift-Jubiläum. Den damit verbundenen Feierlichkeiten in Paris widmete Dr. Carl Strehl einen dreiteiligen Beitrag mit dem Titel "Zum Gedächtnisse Louis Brailles".[1] Zwölf Jahre später schrieb Strehl zum 100. Jahrestag der Übertragung des ersten größeren Werkes in Brailleschrift "Zum Gedächtnis Louis Brailles 1837-1937".[2]


In der Zeit zwischen den beiden Beiträgen findet sich einiges über die Blindenschrift, u. a. von Eduard Güterbock aus Berlin, der den dreiteiligen Aufsatz "Zur altgriechischen Brailleschrift" verfasste. In Güterbocks Bericht steht der Aufbau verschiedener Brailleschriftsysteme zur Darstellung des Altgriechischen, verbunden mit dem Entwurf zu einem Marburger System, im Mittelpunkt.[3]


Dass die Blindenschrift bisweilen zu kontroversen Debatten anregte, belegt ein Leserbrief aus dem Jahr 1930 mit dem Titel "Eine Kritik der Brailleschen Blindenpunktschrift".[4] Nach Ansicht des Leserbrief-Schreibers sei das auf das Französische gründende Brailleschrift-Alphabet "unlogisch" und daher "schwer erlernbar", ja "eine Gedächtnistortur für blinde Schüler". Strehl erwiderte darauf, die Vorwürfe "entbehren jeder Grundlage und Erfahrung".[5]


Im Laufe der Zeit erfuhren Blindenschrift-Systeme weltweit viele Erweiterungen und Veränderungen. Zu Beginn des 20. Jahrhunderts gab es in Deutschland die ersten Versuche zur Entwicklung der Kurzschrift. In den "Beiträgen" wurde erstmals 1924 über das Thema berichtet. In der Zeit zwischen 1938 und 1940, Anfang der 50er und im Laufe der 60er Jahre folgten mehrere Besprechungen zu verschiedenen Reformbestrebungen der Kurzschrift. Auch 1981 widmete sich der "horus" der Kurzschrift. Als ein Beispiel für die lange Diskussion zum Thema wurde ein Aufsatz von Johannes Mohr abgedruckt, der 1900 in Alexander Mells "Enzyklopädischem Handbuch des Blindenwesens" erschienen war.[6] 2005 blickten Renate und Ernst-Dietrich Lorenz in ihrem Beitrag "Heiß geliebt und stets umstritten - Hundert Jahre deutsche Blindenkurzschrift 1904-2004" auf diese Entwicklung zurück.[7]


1952 wurde in den "Beiträgen" zum 100. Todestag Louis Brailles ein Aufsatzwettbewerb ausgeschrieben, der das Leben des Blindenschrift-Erfinders zum Thema hatte.[8] Preisgekrönt wurden die Braille-Biographien von Strehl, Karl Otto (DDR) und Wenzel Hacker.[9] Darüber hinaus erschienen im selben Jahr unter dem Titel "Louis Braille 1852-1952" die Rezensionen dreier Bücher über Braille[10], Beiträge über die Louis-Braille-Jahrhundertfeier in Paris[11] und eine Meldung über eine Louis-Braille-Gedenkplakette[12]. Ein Jahr später erschien "Blindenschrift, Punktschrift und Brailleschrift - Louis Braille zum Gedächtnis" von Max Frank.[13] In der Zeit von 1956 bis 1958 war der Aufbau des "Louis-Braille-Museums", dessen Einrichtung der "Weltrat für die Blindenwohlfahrt" in Brailles Geburtshaus in Coupvray bei Paris beschlossen hatte, wiederholt ein Thema. Es wurde zu Spenden aufgerufen, die Fertigstellung des Museums erfolgte 1958. Im selben Jahr war auch die Gründung einer "Louis-Braille-Gedächtnis-Stiftung" in Deutschland anlässlich Brailles 150. Geburtstages im Gespräch. Im Jubiläumsjahr 1959 folgte ein kurzer Beitrag von Strehl zum Punktschrift-Erfinder.[14]


1961 wurden die Strehl-Artikel "Vom einseitigen Antiqua-Reliefhanddruck zum doppelseitigen Rotationsspritzdruck für Blindenschrift (1786-1960)" und "Modernisierung der Blinden-(Braille-)drucktechnik" veröffentlicht.[15] 1969 schrieb der neu ernannte Vorsitzende des Vereins der blinden Geistesarbeiter Deutschlands (VbGD), Privatdozent Dr. Heinrich Scholler, "Louis Braille - seine Zeit und die Entwicklung der Blindenschrift".[16] Fünf Jahre später erschien von Arne Husveg (Oslo) der Artikel "Die Brailleschrift - ein unentbehrliches Hilfsmittel für Blinde".[17]


1975, im Jahr des 150-jährigen Brailleschrift-Jubiläums, widmete sich der "horus" ausführlich diesem Thema. Den Anfang machte Dr. Friedrich Mittelsten Scheid mit seinem Artikel "Der Aufbau der Brailleschrift".[18] Anlässlich der Pariser Jubiläumsfeierlichkeiten referierten die Franzosen André Nicolle über das "Leben und Werk von Louis Braille"[19] und Pierre Henri über "Das Braille-System - seine Entstehung, seine Originalität, seine Verbreitung"[20] sowie Scholler über "Die Brailleschrift und die juristischen Berufe"[21]. Zudem berichtete Scholler unter dem Titel "150 Jahre Brailleschrift" über den Jubiläumskongress.[22]


1975 vergab der Deutsche Blindenverband (DBV) erstmals den "Louis-Braille-Preis". Die Auszeichnung wurde auch in den Folgejahren an Persönlichkeiten für die Entwicklung besonderer Blindenhilfsmittel verliehen. Im "horus" wurde 1975, 1979 und 1984 darüber berichtet.[23]


In den 70er Jahren wurden erste Versuche mit elektronischen Blindenhilfsmitteln in Verbindung mit dem Computer unternommen. Im Abstand von einem Jahr berichteten Ernst-Dietrich Lorenz und Dr. Eberhard Hahn über neu entwickelte Computerterminals mit Blindenschriftausgabe.[24] Auch Kombinationen aus Schreibgerät und Tonspeichermedium waren damals im Gespräch. Sie trugen Namen wie "Braillex", "Braillocord" oder "Versabraille". Die Entwicklung ging weiter. 1986 veröffentlichte Karl Britz einen Bericht über einen Kongress in Winterthur (Schweiz), in dem die großen Fortschritte in der EDV-Technik, vor allem im Braille-Druck, im Mittelpunkt standen.[25] 1991 folgte ein Artikel von Keyvan Dahesch mit dem Titel "Mit Louis Braille fing alles an - Elektronik im Dienste der Blinden".[26]


1990 gab es erneut eine Braille-Biographie, verfasst von Dr. Martin Jaedicke (DDR).[27] Vier Jahre später beklagte Günther Schmohl in einem Leserbrief eine Art geistigen Notstand an "vernünftigen" Braille-Biographien.[28] Im Folgeheft führte Rainer Witte, Ressortchef "Medienversorgung" der blista, ein Literaturverzeichnis als Gegenbeweis an. Karl Britz hatte eine Gegendarstellung mit dem Titel "Eine lächerliche Orientierungshilfe? Antwort auf einen Leserbrief" erstellt.[29]


In den 90er Jahren entwickelte sich die EDV-Technik rasant. Es folgten Versuche, auch Blinden und Sehbehinderten grafische Benutzeroberflächen zugänglich zu machen. Heiß diskutiert wurde das Thema auch in den "horus"-Beiträgen "Fortschritt und Hinschritt", dem Festvortrag von Prof. Dr. Werner Boldt anlässlich der 75-Jahr-Feier von DVBS und blista 1991,[30] und der Anmerkung von Dr. Rüdiger Leidner und Richard Heuer gen. Hallmann.[31] Mitte der 90er Jahre wurden Experimente mit dem neu aufkommenden Medium Internet und Braillezeile gemacht. Ein Beispiel dafür gab Dr. Thomas Kahlisch (Leipzig) mit seinem Beitrag "Verbesserte Informationsangebote für blinde Menschen unter besonderer Berücksichtigung moderner Konzepte des elektronischen Publizierens".[32] In den 90er Jahren kam auch DAISY auf, jenes digitale Medium zur Herstellung und Wiedergabe von Hörbüchern. Im Beitrag "Ein neuer Weg der Braille-Produktion mit DAISY" von George Kersher (USA) stand die Produktion von Brailleschrift durch DAISY im Mittelpunkt.[33]


2001 erfuhren die horus-Leser von der Entscheidung der 5. Generalversammlung der Weltblindenunion für den "Welt-Braille-Tag".[34] Seither wird der Tag jährlich an Brailles Geburtstag, dem 4. Januar, begangen. 2002 wurde die Braille-Biographie von Petra Klingbeil mit dem Titel "Er ruht heute im Heldentempel der Republik - Der Erfinder der Blindenschrift starb vor 150 Jahren" vorgestellt.[35]


2001 wurde auch zum Thema "6 Richtige oder 8-Punkt-Brailleschrift?" diskutiert. Vor diesem Hintergrund wurde in Ausgabe 5/2001 die Rubrik "Unsere Blindenschrift" eingeführt. Die Selbsthilfe, namentlich DVBS und DBSV, stellte sich gegen den Vorschlag des Verbandes der Blinden- und Sehbehindertenpädagogen (VBS), den Schülern der Eingangsklassen statt der Sechs-, die Acht-Punkt-Brailleschrift beizubringen. Seitens der Pädagogen hielt man diese Methode aufgrund der Computerentwicklung für zeitgemäßer. Die Selbsthilfe hat sich aber letzten Endes durchgesetzt und die Sechs-Punkt-Brailleschrift für den Anfangsunterricht erhalten.


Auch im vergangenen Jahr war die Punktschrift Thema im horus. Unter dem Titel "Zwischenruf zur Blindenbildung in Deutschland", meldete sich Aleksander Pavkovic kurz vor Louis Brailles 200. Geburtstag zu Wort.[36] Eine Ausgabe später folgte der Leserbrief von Günther Schmohl "Für Brailles geniale Erfindung wird das Totenglöcklein läuten".[37]


Fußnoten:


[1]: Marburger Beiträge (MB), Heft 9, 10 und 11 (Punktschrift, abgekürzt "PS"), 1925.


[2]: MB, Heft 12 (PS), 1937, sowie Heft 1 (Schwarzschrift, abgekürzt "SS"), 1938.


[3]: MB, Heft 3, 4 und 5 (PS), 1929.


[4]: MB, Heft 7 (PS), 1930.


[5]: MB, Heft 10 (PS),1930.


[6]: MB, Heft 4, 1981, sowie "horus" Heft 3, 1981.


[7]: "horus", Heft 1, 2005. Hinweis: Im Oktober 1971 erfolgte die erste Reform. Diese wurde 1998 überarbeitet.


[8]: MB, Heft 11 (PS), 1951. Bekanntgabe des Ergebnisses in MB, Heft 1/2 (PS), 1952.


[9]: MB, Heft 1/2, 3/4 und 5/6 (PS), 1952.


[10]: MB, Heft 3/4 (PS), 1952.


[11]: MB, Heft 5/6 und 7/8 (PS), 1952.


[12]: MB, Heft 5/6 (PS), 1952.


[13]: MB, Heft 11/12 (PS), 1953.


[14]: MB, Heft 1/2 (PS und SS), 1959.


[15]: MB, Heft 1 und 6 (PS), 1961.


[16]: MB, Heft 2 und "horus", Heft 1, 1969.


[17]: MB, Heft 4 und "horus", Heft 2, 1974.


[18]: MB, Heft 3 und "horus", Heft 1, 1975.


[19]: MB, Heft 4 und "horus", Heft 2, 1975.


[20]: MB, Heft 5 und "horus", Heft 2, 1975.


[21]: Ebd.


[22]: MB, Heft 4 und "horus", Heft 2, 1975.


[23]: MB, Heft 6 und "horus", Heft 1, 1975.


[24]: MB, Heft 4 und "horus", Heft 2, 1976 (Lorenz), MB, Heft 3 und "horus", Heft 2 1977 (Hahn).


[25]: MB/"horus", Heft 2, 1986.


[26]: MB, Heft 5 und "horus", Heft 4, 1991. Hinweis: Der Artikel von Keyvan Dahesch war zuvor in der Frankfurter Rundschau abgedruckt worden.


[27]: MB, Heft 4 und "horus", Heft 2, 1990.


[28]: MB, Heft 4 und "horus", Heft 3, 1994.


[29]: MB, Heft 5 und "horus", Heft 4, 1994.


[30]: MB, Heft 6 und "horus", Heft 4, 1991.


[31]: MB/"horus", Heft 1, 1992.


[32]: MB/"horus", Heft 3, 1995.


[33]: "horus", Heft 1, 2000.


[34]: "horus", Heft 3, 2001.


[35]: "horus", Heft 2, 2002.


[36]: "horus", Heft 2, 2008.


[37]: "horus", Heft 3, 2008.

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