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Louis Brailles Erfindung ist logisch und systematisch erklärbar. Die Bedeutung, die Punktschrift für den einzelnen Nutzer haben kann, lässt sich dagegen kaum in ein Regelwerk packen. Für den einen ist sie das normalste der Welt, für den anderen eine sinnliche Erfahrung. Der eine tut sich mit ihr schwer, der andere kann kaum genug von ihr bekommen. Mit der Punktschrift ist es wie in vielen Dingen des Lebens. Fünf DVBS-Mitglieder gewähren einen privaten Einblick und berichten darüber, wie sie die Systematik der sechs Punkte nutzen.
Die Serie, die anlässlich des horus-Schwerpunkts "Beruf" in Ausgabe 2/2008 erstmals in dieser Form erschien, wird in loser Folge zu verschiedenen Schwerpunkt-Themen fortgesetzt.
Motiv: Portraitfoto von Oliver Nadig. Er trägt einen dunklen Pullover. Foto: Susanne Schmidt
"Für mich ist die Punktschrift kein Luxusartikel, sondern eine Kulturtechnik", sagt Oliver Nadig. Der 35-Jährige kam mit der Einschulung zur Brailleschrift. Geboren wurde der Saarbrücker mit einer Makuladegeneration und einer Sehschärfe von zwei Prozent. "Ich bin meinen Eltern dankbar, dass sie mir den Rat gaben, auf eine Blindenschule zu gehen." Nadig lernte die Vollschrift, ab der dritten Klasse die Kurzschrift. "Die Hoffnung, mit der Punktschrift schneller Arbeiten zu können, bewahrheitete sich." Als Kind las er auch Texte in Großbuchstaben, aber seine Augen ermüdeten schnell. "Bei maximal vier Seiten, für die ich eine halbe Stunde brauchte, war Schluss."
Mitte der 80er Jahre wechselte Nadig die Schule und kam an die blista nach Marburg. Dort entdeckte der Computer-Freak die Acht-Punkt-Punktschrift für sich. Wann immer es möglich war, arbeitete er an der Computer-Braillezeile im EDV-Raum. "Das Arbeiten am Computer war fakultativ."
Heute ist die Braillezeile tägliches Arbeitsinstrument für den EDV-Lehrer und Hilfsmittel-Berater, der seinen Sehrest als junger Erwachsener verlor. Der 35-Jährige zieht Punktschrift-Bücher Alternativen in Audio-Form vor, nutzt Podcasts hauptsächlich während Bus-Fahrten. Für Texte und E-Mails, die er schnell erfassen muss, macht sich Nadig Sprachausgabe und Querlesefunktion zu Nutze. "Bei Eigennamen oder Fremdwörtern lese ich instinktiv auf der Braillezeile nach." Auch bei Kurzmitteilungen bevorzugt Nadig die Braillezeile: "Damit bin ich tausendmal schneller, als mit der Handy-Tastatur." Auch seine Steno-Maschine nutzt er regelmäßig, zum Beispiel, um seinen Einkaufszettel zu schreiben oder sich Notizen zu machen. CDs, Ordnerrücken und Gewürzdosen beklebt der 35-Jährige mit Punktschrift-Labels.
"Die Diskussion über Sinn und Unsinn der Blindenschrift wird von Sehenden fossiert. Die Punktschrift ist nach wie vor nötig, ihre Verwendung zeitgemäß", sagt Nadig.
Motiv: Dr. Otto Hauck am Tisch sitzend, Punktschrift-Unterlagen lesend. Foto: Susanne Schmidt
Die ersten beiden Schuljahre von Dr. Otto Hauck waren geprägt von den Wirren des Zweiten Weltkrieges. Kaum drei Monate, nachdem er in Rohrbach bei Coburg 1944 in die Blindenschule Nürnberg eingeschult worden war, fiel das Gebäude Bomben zum Opfer. Die nächsten beiden Jahre verbrachte der fast vollständig blinde Hauck in der Dorfschule. "Wurde verbalisiert, konnte ich gut folgen, vor allem beim Rechnen. Schreiben und lesen lernen ging aber nicht", erinnert sich der 70-Jährige.
Mit einer Punktschrift-Fibel brachte er sich Grundkenntnisse der Blindenschrift bei. Dadurch konnte er sich als Siebenjähriger im Unterricht erste Notizen in Punktschrift machen. Diese Angewohnheit entwickelte Hauck im Laufe seines Lebens zur Perfektion.
In der Blindenschriftschule Nürnberg, in die er 1947 wieder zurückkehrte, lernte Hauck Voll- und Kurzschrift, "schnell und gut". In der Ausbildung zum Stenotypisten und Telefonisten erweiterte er seine Kenntnisse um Schreibmaschine schreiben und Stenographie-Punktschrift. Als 15-Jähriger brach er die Ausbildung ab, um nach Marburg auf das Gymnasium zu wechseln. Hier kamen Spezial-Punktschriften für Fächer wie Mathematik und Chemie dazu. "Obwohl ich viel Stoff nachholen musste, fiel mir das Lernen verhältnismäßig leicht." Hauck begeisterte sich für Literatur, vor allem für historische Themen und bedauerte, "dass es damals so wenig interessanten Stoff in Punktschrift gab."
Obwohl er lieber Geschichte studiert hätte, entschied sich Hauck für ein Jura-Studium. "Anfangs war es für mich ein reines Brot-Studium, denn es hieß, Blinde hätten nur als Juristen oder evangelische Pfarrer Chancen im Berufsleben." Mit der Rechtsphilosophie, die Hauck im Laufe seines Studiums kennen lernte, änderte sich seine Einstellung zum Fach: "Es begann, mir wirklich zu gefallen."
Während seines Studiums machte sich Hauck seine Kenntnisse der Acht-Punkt-Steno-Punktschrift zu Nutze. Die Notizen übertrug er mit seiner Punktschrift-Maschine auf Papierbögen. Für seine Lehrer tippte er seine Texte auf Schreibmaschine. "All das trug zum Verständnis bei und ich lernte den Stoff."
1969 wurde Hauck Richter am Marburger Landgericht, Schwerpunkt Zivilkammer. Später folgte das Amt des Vorsitzenden der Kammer für Handelssachen. Parallel war Hauck in der Zivilbeschwerdekammer tätig. "Ein breites Feld, das mir entgegen kam, weil der Schwerpunkt auf der Literatur-Arbeit und den eigenen Gedanken und weniger auf der Aktenlage lag."
Hauck eröffnete keine Sitzung, ohne sich nicht "minutiös vorbereitet" und Notizen aus den Akten oder Gesetzestexten gemacht zu haben. "Ich notierte mir beispielsweise die Namen von Beteiligten, Aufschlüsselungen von Streitwerten und Maß-Angaben, etwa bei Bauprozessen. "Ohne die Stichworte hätte ich mich gefühlt, als hätte ich die Hose vergessen", sagt er. Alles andere rief Hauck aus seinem Gedächnis ab. "Das ging 30 Jahre lang gut." Für Wörter wie "Prozess", "Rechtsstreit" oder "Selbsthilfe", die ihm häufig bei seiner Arbeit begegneten und für die es keine speziellen Abkürzungen gab, entwickelte er kurzerhand eigene.
Bis heute steht bei Hauck das Lesen von mit Punktschrift bedrucktem Papier an erster Stelle, nicht nur, weil er großen Wert auf korrekte Grammatik legt. "Es ist ein ästhetischer Genuss, Gedichte in Blindenschrift zu lesen." Eine Braille-Zeile am Computer sucht man in Haucks Haushalt vergebens. Bei Texten, die er schnell erfassen muss, greift er auf die Hilfe seiner Frau Elisabeth oder auf seinen DAISY-Player zurück.
"Ich empfinde es als Verpflichtung, Braille in seinem 200. Todesjahr einen Besuch abzustatten", sagt Hauck.
Motiv: Portraitfoto von Magdalene Ehrismann. Sie lächelt. Sie trägt einen roten Pullover mit V-Ausschnitt. Foto: Susanne Schmidt
Im Alter von 14 Monaten wurde bei Magdalene "Magda" Ehrismann ein Netzhaut-Tumor (Retinoplastom) festgestellt, der das Entfernen des rechten Auges zur Folge hatte. Da der Tumor auch das linke Auge befiel, folgte eine weitere Operation und die Vollblindheit. "Ich ging in den Regelkindergarten meines Heimatortes", sagt die 39-Jährige. Zum Schulanfang zog die Sechsjährige aus der Pfalz ins 120 Kilometer entfernte Internat der Blindenschule in Lebach (Saarland). "In der ersten Klasse hatte ich erstmals Kontakt mit Punktschrift." Das Lernen sei ihr nicht schwer gefallen. Während sie Schreib-Übungen mochte, fand die Grundschülerin am Punktschrift-Lesen wenig Gefallen. "Vielleicht hing es damit zusammen, dass bei uns zuhause wenig Kinderliteratur gelesen wurde." In den Ferien schrieb Ehrismann zwar Briefe in Punktschrift an ihre Schulfreunde, "lieber tobte ich aber draußen herum und kletterte auf Bäume".
1982 kam Ehrismann in die siebte Klasse. Damit verbunden war ein Schulwechsel nach Marburg. "Ich entdeckte die Hörbücherei der blista für mich." Zwar habe sie als Jugendliche auch das ein oder andere Buch nebenbei in Punktschrift gelesen, die Vorliebe für Audio aber blieb. Heute nutzt die gelernte Datenverarbeitungskauffrau Hörbücher zum abendlichen Abzuschalten oder während der Hausarbeit.
1994, zwei Jahre nach Abschluss ihrer Ausbildung, erhielt Ehrismann eine Arbeitsstelle in der Telefonzentrale einer Marburger Wohnungsbaugesellschaft. Zu ihren Aufgaben gehört es, Mängel in Mietwohnungen aufzunehmen und den Kontakt zu den Handwerkern herzustellen. Auch Service-Anfragen landen bei der 39-Jährigen. Die Braillezeile ihres Computers gehört ebenso zu ihrem täglichen Handwerkszeug wie dessen Sprachausgabe. Mit den Hilfsmitteln findet sich Ehrismann schnell auf einer Bildschirmseite zurecht. "Ich würde verzweifeln, wenn ich die Braillezeile nicht hätte."
Ein Leben ohne Computer kann sich Ehrismann nicht mehr vorstellen. Privat greift die leidenschaftliche Köchin gerne auf Internet, Mailing-Listen und ihre Rezept-Datenbank zurück. "Ich gebe eine Zutat ein und erhalte einen Menü-Vorschlag." Kochbücher gehören neben Sachbüchern zu den wenigen Punktschrift-Exemplaren, die sie in ihren Regalen stehen hat. Romane in Braille leiht sich die 39-Jährige aus. "Punktschrift-Bücher brauchen so viel Platz."
Arzt-Termine, Einkaufsliste oder eine Telefonnummer - der Streifenschreiber ist bei Ehrismann fast täglich in Gebrauch. Um auch Postkarten aus dem Urlaub schreiben zu können, brachte sie sich Punktschrift-Schreiben mittels Tafel bei. "Ich hätte es gerne in der Schule gelernt, so altmodisch wie es ist."
Sie schätze es sehr, dass es die Punktschrift gebe, sagt Ehrismann. "Braille ist der Zugang zur Bildung und damit die Teilhabe am gesellschaftlichen Leben."
Motiv: Portraitfoto von Thorsten Büchner. Der Brillenträger lächelt. Foto: Susanne Schmidt
"Freunde werden wir wohl nicht mehr, die Brailleschrift und ich - dafür war der Beginn unserer Bekanntschaft mit zuviel Angst, Ärger und Kampf verbunden", sagt Thorsten Büchner. Als stark sehbehinderter Schüler habe er nicht realisieren wollen, dass sich seine Sehkraft "allmählich in Richtung Blindheit verabschiedet" und er "langsam aber sicher mit den sechs Punkten zurechtkommen musste". Aus diesem Grund habe er "krampfhaft" an seinem winzigen Sehrest festgehalten. "Ich lehnte die Punktschrift entschieden ab, weil sie für mich ein Symbol dafür war das mein bisheriges, sehbehindertes Leben unwideruflich vorbei und ich fortan als "Blinder" durch die Welt zu gehen hatte", sagt der 29-Jährige. Zwar lernte der gebürtige Saarländer mit 13 Jahren Vollschrift, "aber eben nur so, wie man etwas lernt von dem man überzeugt ist es nie im Leben gebrauchen zu müssen".
Gegen Ende seiner Schulzeit in Marburg mußte Büchner akzeptieren, dass er dem Unterricht ohne Punktschrift nur noch schlecht folgen konnte. Seine Einstellung zur Erfindung von Louis Braille änderte sich. Nach dem Abitur an der blista im Jahr 2000 folgte für Büchner der entscheidende Schritt: "Ich beerdigte meine Sehhilfen symbolisch. Seitdem arbeitete ich mit Sprachausgabe am Computer."
Die Punktschrift hat Büchner mittlerweile auch als Hilfsmittel für sich akzeptiert. Heute studiert er Politikwissenschaft, Neuere und Neueste Geschichte sowie Neuere deutsche Literatur an der Philipps-Universität Marburg. "Ich kann Braille lesen, langsam zwar, aber doch recht gut." Seine bevorzugten Medien konsumiert der End-Zwanziger ausschließlich im Audio-Format, etwa als DAISY-CD. Um sich "auf dem Laufenden zu halten" surft Büchner mit Hilfe der Sprachausgabe durchs Internet. Er ist sich sicher, dass er nie ein Buch in Punktschrift lesen wird. "Trotzdem bin ich froh, dass ich in der Schule Punktschrift lernen musste." Für schnelle, kleine Notizen, die er beispielsweise für Referate verwendet, findet er den Nutzen der Brailleschrift "unschlagbar".
"Ich habe meinen Frieden mit der Punktschrift geschlossen", sagt Büchner.
Motiv: Dr. Hans-Eugen Schulze sitzt im Anzug an einem Schreibtisch und bedient eine Punktschrift-Maschine. Privatfoto
Im April 1928 saß Dr. Hans-Eugen Schulze in der ersten Klasse der Blindenschule Soest (Westfalen). Vor dem Sechsjährigen lag eine Zinkblechplatte mit kleinen Wörtern in Blindenschrift. Als Neugeborener war er infolge einer Krankheit erblindet. "Ich lernte, die Punktschrift zu lesen und zu schreiben." 1932 kamen die so genannte deutsche Blindenkurzschrift, 1936 Stenographie und Notenschrift, später auch Mathematik- und Chemieschrift sowie französische und englische Kurzschrift zu seinem Lernstoff hinzu.
Nach achtjähriger Schulzeit begann Schulze 1936 in Soest eine dreijährige Ausbildung zum Stenotypisten, Telefonisten, Stuhl- und Mattenflechter. "Letzteres hat mir geholfen, ab 1961 die Christoffel-Blindenmission in Fragen der Berufsbildung in Entwicklungsländern zu beraten", blickt der 86-Jährige zurück. "Alles im Leben hat seinen Sinn, auch meine Erblindung."
1939 folgte eine Anstellung beim Landgericht Dortmund als Stenotypist. Strafurteile, die ihm diktiert wurden, nahm er mit einer Stenomaschine auf und übertrug sie später mit der Schreibmaschine. "Da die Strafurteile hauptsächlich Tatsachenfeststellungen enthielten, die sich aufgrund der jeweiligen Hauptverhandlung ergeben hatten, traute ich mir zu, sie auch selbst entwerfen zu können, hätte ich Jura studiert." Davon angespornt begann Schulze, sich mit Blindenschriftbüchern auf den Eintritt in die Carl-Strehl-Schule in Marburg vorzubereiten. "Unbegreiflich ist mir noch heute, wie es mir bei dem großen Arbeitskräftemangel am Ende des Krieges möglich war, Ende Januar 1944 vom Landgericht entlassen zu werden." Ein Vierteljahr später wechselte Schulze nach Marburg, wo er im Frühjar 1945 das Abitur ablegte.
Nach Kriegsende betreute Schulze Kriegsblinde, die die Punktschrift lernten. 1946 nahm die Universität ihren Betrieb wieder auf und Schulze schrieb sich für Jura und Volkswirtschaft ein. Die Vorlesungen verfolgte er mit seiner Stenomaschine und übertrug die Notizen auf Blätter. "Diese kleine Maschine begleitete mich auch durch alle Klausuren hindurch."
So selbstverständlich Schulze während seines Studiums Hausarbeiten und seine beiden Staatsprüfungen in Punktschrift verfasst hatte, textete er auch seine Dissertation in Braille. Später nutzte er Louis Brailles Erfindung, um seine richterlichen Entscheidungen beim Bundesgerichtshof und das Material zur Vorbereitung dessen niederzuschreiben. Die Stenomaschine verwendete Schulze auch beim Oberlandesgericht, um die Aussagen von Parteien und Zeugen festzuhalten. Seit seiner Pensionierung Ende 1985 dient ihm das Gerät für Protokolle in Vorstandssitzungen des Evangelischen Blinden- und Sehbehindertendienstes Baden und gelegentlich im Ältestenkreis seiner Kichengemeinde.
Heute hört Schulze Bücher und Zeitschriften in deutscher Sprache lieber, als das er sie liest. "Um geistig fit zu bleiben, lese ich aber Zeitschriften in englischer Blindenkurzschrift aus Indien und Südafrika und täglich einige Übungen aus einer englischen Grammatik für Fortgeschrittene." Sein nächstes Ziel sei, auf diese Weise seine Lateinkenntnisse aufzufrischen. Fit hält sich der 86-Jährige auch mit seiner Website (www.ma-ha-schulze.de), für die er Artikel zu unterschiedlichen Themen verfasst.
Zu seinen ständigen Begleitern zählt er eine Blindenschrifttafel in Postkartenformat samt Griffel. In Windeseile stenografiert Schulze, "was mir im Bett, bei der Gymnastik, im Gottesdienst und unterwegs einfällt und ich erledigen möchte."
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