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Isabella Brawata: Schule beendet! Und was nun?

Dass man ja nicht nur für die Schule, sondern eigentlich für"s Leben lernt, haben wir unzählige Male gehört, aber meistens nicht wirklich glauben können. Doch wenn das Ende der Schullaufbahn naht, fragen sich viele Schülerinnen und Schüler, ob sie auf die nun anstehenden neuen Herausforderungen richtig vorbereitet sind. Der Beginn eines Studiums oder einer Ausbildung verlangt von vielen einen Wohnortwechsel und zukünftig die selbstständige Haushaltsführung. Es gilt, sich in einer fremden Umgebung zurechtzufinden, einen neuen Bekannten- und Freundeskreis aufzubauen oder die eigenständige Freizeitgestaltung zu organisieren. Viele Aufgaben, die den jungen Menschen während ihrer Schulzeit abgenommen wurden, müssen sie nun eigenständig regeln. Darin unterscheiden sich blinde und sehbehinderte Schüler nicht von ihren sehenden Altersgenossen, die nach der Schule "Hotel Mama" verlassen und auf eigenen Füßen stehen müssen. Aber blinde und sehbehinderte Schulabsolventen sind vor zusätzliche Herausforderungen gestellt. Wie zum Beispiel die blista als spezielle Fördereinrichtung für blinde und sehbehinderte Menschen ihre Schulabgänger auf diese neuen Herausforderungen vorbereitet, ist Gegenstand dieses Berichtes.


Motiv in der Schwarzschrift-Ausgabe: David Knors, der während seiner Schulzeit in der blista im Fünf-Sterne-Hotel Villa Vita Rosenpark Marburg ein Betriebspraktikum absolvierte, steht in Dienstkleidung im prunkvollen Treppenhauses des Hotels. Archivfoto


"BOSS" soll fit machen

An der blista wird schon seit vielen Jahren das so genannte BOSS-Projekt durchgeführt. "BOSS" steht dabei für "Berufs- und Studienorientierung für sehbehinderte Schülerinnen und Schüler. Koordiniert wird "BOSS" von Christian Hinrichs, der an der blista als Lehrer unterrichtet.


Aufbau und Inhalte von "BOSS"

Wie an allen anderen hessischen Schulen, müssen die blista-Schüler ein mehrwöchiges Praktikum absolvieren. Beim Praktikum in der zehnten Klasse geht es nach Aussage von Hinrichs vor allem darum, zum ersten Mal in die Berufswelt hinein zu schnuppern. Fragen, welche Chancen ein blinder oder sehbehinderter Mensch in einem bestimmten Berufsfeld hat, stehen dabei laut Hinrichs noch nicht im Vordergrund. So machen die Jugendlichen Praktika beim Tierarzt, bei der Polizei oder im Schuhgeschäft.


Doch in der Jahrgangsstufe 12 wird es mit der Vorbereitung auf den späteren Werdegang ernst. Die jungen Leute sollen dazu angehalten werden, sich konkrete Gedanken über ihre berufliche Zukunft zu machen.


"Als das Projekt ins Leben gerufen wurde, setzte man auf die freiwillige Initiative der Schüler, die während einer zweiwöchigen Erkundungsphase die Gelegenheit hatten, universitäre Veranstaltungen zu besuchen oder ein Praktikum zu absolvieren", erläutert Hinrichs. Doch schon bald habe man feststellen müssen, dass viele Jugendliche aus verschiedensten Gründen mit der eigenständigen Gestaltung ihrer Zukunft überfordert waren. Daher wurde das Programm zur Berufs- und Hochschulerkundung stärker strukturiert und Pflichtveranstaltungen eingeführt.


Zu Beginn der Klasse 12 gibt es jetzt für alle eine verbindliche Auftaktveranstaltung, in der ganz unterschiedliche Themen angerissen werden: Bewerbungsmappe, Suche von Studien- und Praktikumsplätzen im Internet, Vorstellung der Arbeitsagentur samt der für die Angelegenheiten behinderter Menschen zuständigen Sachbearbeiter, bei denen auch Termine für Einzelgespräche vereinbart werden können, Erfahrungsberichte ehemaliger Schüler sowie Auswahltests zur Berufsfindung und Auswahlverfahren, wie zum Beispiel Assessment-Center. In einer weiteren Veranstaltung zum Thema Studium geht es u. a. um das "Einschreiben" und die Frage, was "Bachelor- und Masterstudiengänge" sind. Während des "BOSS"-Tages erhalten Universitäten, Fachhochschulen, Berufsbildungs- und Berufsförderungswerke sowie Ausbildungsbetriebe die Gelegenheit, sich den Schülern vorzustellen, blinde und sehbehinderte Menschen berichten aus ihrem Berufsalltag. Ein zentraler Bestandteil des Projektes ist ein zweiwöchiger Praxisteil, der sowohl die Tätigkeit in einem Betrieb, einer Behörde oder einer sozialen Einrichtung als auch den Besuch einer Hochschule bzw. Fachhochschule beinhalten kann. Im Anschluss an diesen Praxisteil werden die Erfahrungen ausgewertet und über besonders interessanter Studiengänge und Praktika berichtet. Bei dieser Gelegenheit werden auch die besten Praktikumsberichte prämiert.


"Da es jedoch immer Schüler gibt, die selbst verschuldet oder aufgrund unglücklicher Umstände keine geeignete Universität oder Fachhochschule bzw. keine passende Praktikumsstelle finden, stellt die blista für diese Schüler ein alternatives Programm zusammen, damit sie diese Zeit sinnvoll nutzen und nicht untätig herumsitzen", sagt Hinrichs.


So gibt es zum Beispiel ein dreitägiges professionelles Bewerbungstraining, das die Erstellung einer Bewerbungsmappe, das Auftreten beim Vorstellungsgespräch sowie behindertenspezifische Fragen einschließt. Der Besuch der FH Gießen sowie der Unis in Marburg und Karlsruhe gehören ebenso dazu. "Und einen Vormittag lang beschimpfe ich die Schüler einfach nur, weil sie den Praxisteil nicht selber organisiert bekommen haben", fügt Hinrichs schmunzelnd hinzu. Er ist sich auch bewusst, dass dieses "Alternativprogramm" nicht zu attraktiv werden darf, da sonst vielleicht für viele der Anreiz verloren geht, sich eigenständig auf Erkundungstour zu machen.


Für die Zukunft wünscht sich Hinrichs ein "Mentoring-Projekt", bei dem ältere Kommilitonen die Studienanfänger unterstützen, begleiten und ihnen praktische Tipps geben. Recht viel versprechende Gespräche in diese Richtung würden zwischen blista und DVBS bereits geführt.


Vorbereitung auf den Alltag

Neben der Ausbildung gilt es aber natürlich auch, den Alltag selbständig zu organisieren. Zwar erhalten alle blista-Schüler während ihrer gesamten Schulzeit Unterricht in "Orientierung & Mobilität" sowie in "Lebenspraktischen Fähigkeiten" (LPF), aber gerade Jugendliche, die erst spät als so genannte Quereinsteiger an die Carl-Strehl-Schule kommen, hätten oft noch erheblichen Förderbedarf, stellt Jürgen Nagel, Leiter der Rehabilitationseinrichtung für Blinde und Sehbehinderte (RES) der blista fest. Um ihnen, aber auch allen anderen Schülerinnen und Schülern den Übergang zu erleichtern, gibt es durch die RES eine spezielle "Abgängerbetreuung".


Hier können bestimmte Wege gelernt oder die Kochkenntnisse vertieft werden. Daneben besteht die Chance, Computerkenntnisse zu erweitern oder spezielle Anwendungen kennen zu lernen. "Das Ganze ist kein vorgefertigtes Programm, sondern ein Angebot, aus dem sich jeder das für ihn wichtige Modul aussucht", so Nagel. Wer in Marburg etwa den Weg zur Uni oder zu seiner neuen Wohnung lernen möchte, erhält Stunden in "Orientierung & Mobilität". Wer in Frankfurt, Gießen oder Kassel wohnen und studieren möchte, bekommt diesen Unterricht durch die RES-Mitarbeiter vor Ort angeboten. "Es entstehen ihm dabei keinerlei Kosten", betont Nagel. Auch wer künftig in Hamburg, München oder Berlin leben möchte, wird nicht allein gelassen. In diesen Fällen vermittelt die RES die Abgänger an Kolleginnen und Kollegen vor Ort. Allerdings ist die Finanzierung dieser Stunden durch die Krankenkassen nicht immer ganz einfach. Meist benötigen die Schüler allerdings nicht sonderlich viele Unterrichtsstunden, da, und darauf ist Nagel stolz, alle Schüler ihrem Alter und ihren Bedürfnissen entsprechend, bereits während ihrer Schulzeit ausreichend Stunden in "Orientierung & Mobilität" erhalten haben und somit die Langstocktechnik perfekt beherrschen.


Auch Unterricht in LPF haben die meisten Schüler im Laufe ihrer Schulzeit bereits erhalten und auch im Wohngruppenalltag wurde gemeinsam gekocht, eingekauft, oder die Wohngruppe auf Vordermann gebracht. Doch jetzt haben alle noch einmal die Chance, ihr Können aufzufrischen oder noch etwas Neues zu lernen. Wer also feststellt, dass er sich in Zukunft nicht nur von Fertigpizza ernähren möchte, kann noch schnell lernen, sich etwas Gesünderes zuzubereiten, oder sich zeigen lassen, wie man einen Knopf annäht.


Ein besonderes Angebot der RES ist die unabhängige und neutrale Hilfsmittelberatung. Die unterschiedlichsten Arbeitsplatzausstattungen und Hilfsmittel mit ihren spezifischen Vor- und Nachteilen werden vorgestellt und können ausprobiert werden. Danach werden die Schüler, wenn sie es wünschen, bei der Beantragung der Hilfsmittel unterstützt.


Sinnvoll ist auf jeden Fall, so Nagel, auch noch einmal ein Besuch bei der Low-Vision-Beratung und Sehhilfenanpassung der RES. Zwar werden alle blista-Schüler von dieser Abteilung permanent betreut, aber die neue Lernsituation erfordert vielleicht auch andere Sehhilfen.


Praktische Hilfe und seelischer Beistand

Die Betreuerinnen und Betreuer, die in den Wohngruppen der blista arbeiten, haben für die Sorgen und Nöte der Jugendlichen immer ein offenes Ohr, betont Willi Rommelspacher, Leiter des Internats. Wenn ein junger Mensch kurz davor steht, die Schule zu beenden, beginnt für ihn und seine Eltern eine schwierige Zeit, weiß der Vater von sechs Söhnen. Fragen wie "Studium oder Ausbildung?", "Studentenwohnheim, WG-Zimmer oder eigene Bude?", "Marburg, fremde Stadt oder wieder zurück zu den Eltern?", rücken in den Vordergrund. Die Betreuerinnen und Betreuer sind Vertrauenspersonen. Sie haben die jungen Leute viele Jahre durch den Alltag begleitet, kennen ihre Stärken oder auch manche kleine Schwäche und sind in Krisenzeiten für die Schüler da. Daher leisten sie bei der Beantwortung dieser zukunftsweisenden Fragen seelischen Beistand und stehen mit Rat und Tat zur Seite: schauen sich mit dem Schüler Wohnungen an, diskutieren Berufswünsche, unterstützen bei der Informationsbeschaffung zu Ausbildungs- und Studiengängen, helfen bei der Beantragung von Bafög oder dem Ausfüllen der Studienanmeldung und üben noch einmal putzen, kochen oder Wäschewaschen.

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