Christian Seuß: Erziehung in den Blinden- und Sehbehindertenschulen - Haben Blinde ein "Recht auf Blindismen"

Unter "Blindismen" versteht man gemeinhin blindentypische Verhaltensweisen, wie etwa permanentes Hin- und Herwippen mit dem Oberkörper, Augenbohren mit ein oder zwei Händen, rhythmisches Kopfwackeln und ähnliche Bewegungsauffälligkeiten. Derartige "Blindismen" findet man nicht selten bei Menschen vor, die seit frühester Kindheit blind sind oder schon blind auf die Welt kamen. Ursachen sind in aller Regel Bewegungsdefizite und fehlende motorische Anregungen. Blinde, die häufig Sport treiben und viel Bewegung haben, leben ihren Bewegungsdrang aus. Sie sind wesentlich weniger in Gefahr, ihr persönliches Bewegungsbedürfnis in Form von "Blindismen" auszuleben.


Ganzheitliche Bildung als Grundsatz


In den Blindenanstalten früherer Zeiten konnte man bei vielen blinden Schülern die beschriebenen Anomalien feststellen, wobei es durchaus regionale Unterschiede gab. Sehende mit einem "Kennerblick" konnten an der Verhaltensweise von erwachsen gewordenen Blinden erkennen, welche Einrichtung sie durchlaufen hatten. Die Bildungseinrichtungen für Blinde der 90er Jahre unterscheiden sich durchweg grundlegend von denjenigen früherer Zeiten. Die Betreuung der Schüler ist intensiver und individueller geworden. Das gilt für den Schul- und Internatsbereich. Die Erziehung zur Selbständigkeit und Eigenverantwortlichkeit genießt überall einen hohen Stellenwert. Neben einer möglichst guten schulischen Ausbildung sollen die blinden Schülerinnen und Schüler auch in Orientierung und Mobilität und in lebenspraktischen Fertigkeiten "fit gemacht" werden. Aktive Freizeitgestaltung, wie Sporttreiben, Theaterspielen oder Musizieren wird - mit individuellen Schwerpunkten - an den Bildungseinrichtungen praktiziert. Der Grundsatz einer "ganzheitlichen Bildung" ist heutzutage in der Blindenbildung allgemein anerkannt. Folgerichtig lautete bereits 1993 das Motto des Blindenlehrerkongresses in Marburg "Ganzheitlich bilden - Zukunft gestalten".


Anomalien doch zugestehen?


Gleichwohl muss festgestellt werden, dass es nach wie vor eine nicht geringe Anzahl blinder Schüler gibt, die wackeln, wippen oder in den Augen bohren. Sie tun das, obwohl sich Pädagogen und Therapeuten um die Entwicklung der Kinder und Jugendlichen bemühen. Vor kurzem wurde in einer Diskussionsrunde geäußert, es werde im Pädagogenkreis durchaus die Ansicht vertreten, blinde Kinder und Jugendliche hätten ein "Recht auf Blindismen". Wenn es ihrem Bewegungsdrang entspreche, müsse man diese Anomalien den blinden Menschen doch zugestehen. Sehende hätten schließlich auch Verhaltensweisen, die nicht allseits akzeptiert werden. Mich hat diese Auffassung sehr betroffen gemacht. Ich bin zwar kein Pädagoge, sondern allenfalls kompetent aufgrund eigener Betroffenheit, dennoch kann ich eine derartige "Akzeptanz" auf Pädagogenseite nicht gut heißen.


Blindismen verbauen Chancen!


Man stelle sich doch nur die Situation in einem Vorstellungsgespräch vor, bei dem ein blinder Bewerber - gesteigert durch die in dieser Situation natürlicherweise auftretende Nervosität - permanent mit dem Oberkörper hin- und herwippt oder gar in den Augen bohrt. Personalchefs, die durch einen derartigen abstoßenden Anblick sicherlich geschockt sind, werden wohl kaum bereit sein, dem blinden Menschen eine Chance zu geben. Auch bei der sozialen Eingliederung stehen "Blindismen" im Wege. Das sollten sich alle, die mit der Erziehung von blinden Kindern befasst sind - Pädagogen und Therapeuten genauso wie Eltern - vor Augen halten. Sie tun blinden Kindern und Jugendlichen keinen Gefallen, wenn Sie aus "falscher Rücksichtnahme" "Blindismen" akzeptieren und nichts unternehmen, diese abzubauen.


Vielfältige Möglichkeiten zu Vorsorge und Intervention


Ich halte es weder für richtig noch für aussichtsreich, bei der Erziehung mit der "Brechstange" vorzugehen und Wackeln, Wippen oder Augenbohren mit mehr oder weniger massiven Mitteln zu unterbinden.


Auch wenn der Abbau von "Blindismen" oft ein langwieriger Prozess ist und die persönliche Freiheit des blinden Kindes oder Jugendlichen in gewissem Umfang beeinträchtigt wird, halte ich diese Intervention nicht nur für gerechtfertigt, sondern in seinem eigenen Interesse sogar für erforderlich. Es muss bedacht werden, dass dem blinden Kind bei seiner persönlichen Entwicklung die Möglichkeit fehlt, sich sozialübliche Verhaltensweisen "abzuschauen" oder sozial missbilligte Verhaltensweisen selbst zu erkennen und entsprechend zu korrigieren.
Die Vermeidung und der Abbau von "Blindismen" muss ein wichtiges Ziel der Blindenpädagogik sein! Blinde Erwachsene werden es den Pädagogen, Therapeuten und nicht zuletzt den eigenen Eltern danken.


Zum Autor:


Christian Seuß ist seit 1991 Landesgeschäftsführer des Bayerischen Blinden- und Sehbehindertenbundes e.V. (BBSB). Als blinder Vater zweier Jungs veröffentlichte er im horus 4/1997 einen so lebendigen wie interessanten Erfahrungsbericht. "Warum", fragten die Buben damals, "sind deine Duplo-Häuser, -Schiffe oder -Flugzeuge nur immer so kunterbunt…?". 2006 folgte der nächste: "Vaterschaft - die zweiten acht Jahre". 2013 - also in drei Jahren - wäre es an der Zeit für den dritten Teil des "Vaterschaftsberichts"…


Die Schwarzschriftausgabe enthält zwei Motive:
1. Portraitfoto von Christian Seuß. Der Autor trägt Anzug und Krawatte (Foto: BBSB).
2. "Fit mit Sport und Bewegung" - Neun Jugendliche, jeweils im Vierfüßlerstand, bilden eine Pyramide und zeigen so ihr Können beim Sommerfest des BBSB (Foto: BBSB).

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