Annalena Knors: "Frankfurt an der Entweder" oder "Ein Studium im Herzen Europas

"Nächste Haltestelle Frankfurt/Oder! Diese Zugfahrt endet hier! Fahrgäste bitte alle aussteigen!" Als ich die östlichste Universitätsstadt Deutschlands im Mai 2008 zum ersten Mal besuchte, übte bereits diese Zugansage große Faszination auf mich aus. Bis zu diesem Zeitpunkt war ich - außer in Berlin - noch nie im Osten Deutschlands gewesen, und hatte natürlich so meine Vorurteile im Gepäck. Doch schon der erste Kontakt mit Stadt und Bewohnern hinterließ bei mir große Lust auf den kommenden neuen Lebensabschnitt an der deutsch-polnischen Grenze.

Die Zeit vor meinem Studienstart 2008

Nach meinem Abitur an der Carl-Strehl-Schule im Sommer 2007 entschied ich mich für den Besuch der einjährigen blindentechnischen Grundausbildung (BtG) an der blista. Monate, die mich gut auf mein Studium vorbereiten sollten. Denn trotz meiner schrittweisen Umstellung auf die Brailleschrift, das Arbeiten mit einer Sprachausgabe und die Orientierung mit dem Blindenlangstock während meiner Oberstufenzeit fehlten mir noch einige Kenntnisse in diesem Bereich und auch eine gewisse Schnelligkeit. Meine Augenkrankheit (juvenile Makuladegeneration) verläuft seit meinem achten Lebensjahr progressiv. Bis zu diesem Zeitpunkt konnte ich "normal" sehen. Aktuell beträgt meine Sehschärfe etwa zwei Prozent und ich kann - bedingt durch meine Gesichtsfeldeinschränkung - Teilbereiche von z.B. Häusern sehen oder auch erkennen, wenn jemand auf mich zukommt.

So arbeitete ich seit der zweiten Schulklasse im Unterricht mit Lupe und Tafelfernglas, später mit einem Bildschirmlesegerät und aktuell mit Braillezeile und Sprachausgabe. Kurz vor meinem Abitur war es mir dann nicht mehr möglich, im Unterricht oder während der Prüfungen mit dem Bildschirmlesegerät zu arbeiten, so dass der erneute und letzte Wechsel der Hilfsmittel abrupt und sehr schnell funktionieren musste. Die BtG bot dann die großartige Gelegenheit, diese neue Art des Arbeitens umfassend kennen und schätzen zu lernen.

Es tat auch gut, nach dem turbulenten Abi-Endspurt eine Zeit zu verbringen, in der ich mich mit meiner Sehbehinderung noch einmal intensiv auseinandersetzen, viel Sport machen und ohne Zeitdruck nach einem passenden Studium umsehen konnte. Dass ich studieren wollte, war mir kurioserweise schon als Kind klar - auch wenn mein Abitur damals natürlich noch in Frage stand.

Ein einwöchiges Praktikum im Marburger Schloss während der 12. Klasse ließ den Wunsch in mir wachsen, einmal im kulturellen Bereich zu arbeiten. Sei es in einem Museum, in der Wissensvermittlung oder auch in einem Theater.

So bewarb ich mich im Sommer 2008 vor allem für die Kulturwissenschaften und erhielt tatsächlich an der Europa-Universität Viadrina in Frankfurt (Oder) - meinem Favoriten - einen Studienplatz.

Was sind Kulturwissenschaften?

Doch was sind Kulturwissenschaften? Eine viel gestellte und überaus verständliche Frage, der stets die Frage folgt "… und was macht man dann so damit?".
Kulturwissenschaften werden in Deutschland an mehreren Universitäten angeboten - die bekanntesten Studienorte sind Lüneburg, Passau, Bremen und Frankfurt (Oder). Der fachliche Schwerpunkt liegt dabei ganz unterschiedlich. In Bremen ist er ein philosophischer, in Passau ein wirtschaftlicher und in Frankfurt (Oder) ein sozialwissenschaftlicher. Hinzu kommen an der Oder eine umfangreiche Fachsprachausbildung, Kursbelegungen in Wirtschaft oder Jura sowie ein obligatorisches Auslandssemester oder Auslandspraktikum. So ergab sich für mich schließlich die Fächerkombination: Soziologie, Kunsttheorie, Wirtschaft, Italienisch und Englisch in Verbindung mit einem sechsmonatigen Auslandspraktikum in England.

Kulturwissenschaften sind also überaus interdisziplinär angelegt. Hinzu kommt, dass beruflich von Journalismus, über Kulturverwaltung, Kulturmanagement, Museum oder privatwirtschaftlichen Unternehmen alles möglich ist. Fluch und Segen zugleich! Wichtig ist vor allem, spätestens ab Mitte des Studiums eine berufliche Richtung zu haben, so dass zielgerichtet Kurse und Praktika absolviert werden können. Auch würde ich ein Masterstudium im Anschluss sehr empfehlen, um die Breite des Bachelorstudiums in eine gewisse Spezialisierung münden zu lassen. Ein hohes Maß an Eigeninitiative, Offenheit für Neues und Fremdes wie auch die Bereitschaft, eher interdisziplinär als spezialisiert zu arbeiten, ist für dieses Studium jedoch ratsam.

Neues und Fremdes bietet in Frankfurt auch immer wieder die besondere geografische Lage. So liegt ein Teil der Europa-Universität auf der polnischen Seite der Oder in der Stadt Slubice. Von Standort zu Standort, von Stadt zu Stadt, von Land zu Land sind es aber nur 15 Gehminuten. Ein Slogan dieser Uni lautet daher "Ein Studium im Herzen Europas".

Städtische Liebe zu Frankfurt - und doch eine Geliebte … Berlin

Ausschlaggebend für meine Entscheidung war vor allem das reizvolle Fächerangebot, aber auch die Nähe zu Berlin, denn dort lockten Konzerte, Theater und ausgefallenes Kino.

Auch fand ich die Geschichte und Gegenwart von Frankfurt/Oder sehr spannend. Im Mittelalter eine reiche Hansestadt, später Garnisonsstadt und ab 1945 durch die Oder geteilte Grenzstadt zwischen Deutschland und Polen. Auch die Zeit der ehemaligen DDR ist besonders durch die Architektur noch sehr präsent. So ergibt sich ein Stadtbild, das sich zwischen schmuckem Altbau, Platte, Neoklassizismus und modernsten Neubauten bewegt.

Vielleicht spiegeln sich diese Gegensätze auch in einem Gedicht von Joachim Ringelnatz wider, der Frankfurt an der Oder - allerdings noch vor dem ersten Plattenbau - in "Frankfurt an der Entweder" umtaufte.

Da die Einwohnerzahl in Frankfurt/Oder seit der deutschen Wiedervereinigung tendenziell zurückgegangen ist und heute stagniert, war meine Suche nach einem Zimmer recht problemlos. Weil mir die Stadt jedoch noch völlig unbekannt war, entschied ich mich zunächst für ein Zimmer in einem Studentenwohnheim. Für meinen Studienanfang war dies ideal, denn ich wohnte auf einem riesigen Gelände mit lauter Studierenden und vielen Studienanfängern. So kam ich mit anderen Bewohnern leicht ins Gespräch, und die Besuchswege waren kurz.

Die räumliche Enge, aber auch die Gleichförmigkeit der Zimmer und der Wohnblocks waren jedoch Gründe, mich ab Sommer 2009 nach einem WG-Zimmer in der Stadt umzusehen. Vor allem aber wünschte ich mir, nicht mehr mit immer wieder zufällig zusammengewürfelten Mitbewohnern, sondern langfristig mit Freunden zusammenzuleben und die eigene Wohnung selbst gestalten zu können.

Glücklicherweise wurde bald darauf ein Zimmer in der Vierer-WG einer Freundin frei. Eine Wohnung gleich am Oderufer nur 15 Gehminuten von der Uni entfernt. Bis zu meinem Abschluss im März 2013 wohnte ich in dieser Altbau-Wohnung.

Eine überschaubare Universität in einer überschaubaren Stadt

Heute hat Frankfurt (Oder) etwa 60.000 Einwohner und verfügt über ein überschaubares Straßennetz. Dies erleichterte mir die Orientierung sehr, und nach einigen Stunden Mobilitätstraining vor Studienbeginn waren mir die wichtigsten Wege schnell vertraut. Mir war eine Großstadt wie Berlin oder Hamburg für den Studienstart zu quirlig. Denn das ganze Neue und Unbekannte, auf das man in den ersten Monaten trifft - wie eine neue Umgebung, das Studium, neue Bekannte und Freunde -, zieht einen in den Bann, erfordert aber auch viel Kraft und Energie. Deshalb war ich wirklich dankbar, dass die Universität mit etwa 6.000 Studierenden überschaubar und nur auf drei Standorte verteilt ist. Auf diese Weise traf ich immer wieder zufällig auf dem Campus oder in der Stadt auf Kommiliton/innen und ich konnte sie so schneller und unkomplizierter kennen lernen. Ich kann daher einen Uni-Start an einer relativ kleinen Hochschule sehr empfehlen, zumal hier oftmals neben den kürzeren geografischen auch kürzere bürokratische Wege zum Tragen kommen können. So wurde im Laufe meines Studiums zwar eine Kontaktstelle für behinderte und chronisch kranke Studierende eingerichtet, die seither mit vielen kreativen Lösungen - wie einem Computerarbeitsplatz für sehbehinderte Studierende in der Bibliothek oder individuellen Assistenzangeboten - unterstützt. Doch bevor diese Stelle geschaffen wurde, stieß ich schon im ersten Semester während meiner ersten Hausarbeit an meine Grenzen. Bei der Premiere, einen wissenschaftlichen Text zu verfassen und dafür zu recherchieren, stand ich vor dem Problem, dass ich dazu in Bibliotheken eigenständig auf Literatursuche gehen und dies zunächst mit Freunden organisieren musste. Auch das anschließende Scannen und digitale Aufbereiten der Literatur überstieg schnell meine zeitlichen Kapazitäten. Zudem war es nur schwer möglich, Seitenzahlen nach dem Scannen richtig zuzuordnen. Etwas verzweifelt nahm ich Kontakt mit der Studienberatung der Uni auf.

Schnell wurde daraufhin eine studentische Assistenzkraft eingestellt, wofür ich unendlich dankbar war. Bis zum Ende meines Studiums stand mir so eine Studentin oder ein Student für zehn Stunden in der Woche zur Verfügung. Zur digitalen Aufbereitung, Literatursuche, Layout von Hausarbeiten oder zur Erläuterung von wirtschaftlichen Grafiken. Erst auf diesem (Um-)Weg habe ich gelernt, dass ein Studium für mich als blinde Studentin mit einem höheren Maß an Organisation und auch einem höheren zeitlichen Aufwand verbunden ist. Denn dadurch, dass immer wieder Dritte in meine Planung eingebunden waren, musste ich auch mein eigenes Zeitmanagement anpassen. Und neben dem "Fine Tuning" der Abläufe musste ich zudem ausreichend viel Zeit für das Lesen mit der Sprachausgabe einplanen. Das war aber nicht unbedingt nur ein Nachteil. Durch die so gemachten Erfahrungen habe ich tatsächlich immer seltener zu spät mit einer Hausarbeits- oder Referatsvorbereitung begonnen, konnte langfristiger planen und auch ausreichend Pausen einbauen.

Aufgrund meiner Erfahrungen kann ich empfehlen, einen Studienstart so gut wie nur möglich vorzubereiten. Es hilft, sich so viele Fragen zu stellen, bis keine Antwort mehr offen ist. Wie möchte ich arbeiten? Welche Unterstützung benötige ich dafür? Welche Unterstützung ist technischer, welche personeller Natur? Wer sind meine Ansprechpartner…?
Ein Studium mit einer Sehbehinderung oder Blindheit zu absolvieren, scheint mir persönlich nicht allzu sehr von dem eines sehenden Studierenden abzuweichen. Es gibt viel mehr Verbindendes als Trennendes. Das Ziel ist das gleiche, nur der Weg manchmal ein etwas anderer. Aber ich kann mir gut vorstellen, dass es mehr Kraft und Aufwand bedeutet, mehr Antrieb und Mut. Mich hat dieser Schritt nach Frankfurt (Oder) sehr gestärkt. Mein Selbstbewusstsein, meine Selbstorganisation und das Vertrauen, dass ganz viel möglich ist, sind gewachsen. Und auf dem Weg zum Studienabschluss gibt es viele Menschen, die unterstützen und weitestgehende Chancengleichheit herstellen wollen. In diesem Zusammenhang fand ich es besonders hilfreich, möglichst dialogorientiert und offen aufzutreten. Denn vor allem das Wissen über meine Schwierigkeiten und Möglichkeiten half Mitstudierenden, Dozenten und auch Mitarbeitenden der Uni, meine Situation einschätzen zu können.

Zukunftspläne

Während meines Studiums und einiger absolvierter Praktika begann ich, mich besonders für das Thema Verteilungsgerechtigkeit von Zugängen zu Museen zu interessieren. Gern möchte ich daran arbeiten, Museen noch offener, noch zielgruppensensibler und zugänglicher mitzugestalten. Die deutsche Museumslandschaft ist zu vielfältig, als dass Zugangskonzepte des einen Museums einfach auf ein anderes übertragen werden können. Insbesondere die Zielgruppe der Menschen mit Behinderungen hat Anforderungen an ein Museum und seine Inhaltsvermittlung, die sich teilweise widersprechen. Zudem müssen diese Anforderungen in Bezug zu den Bedürfnissen aller anderen Besucher und auch der Museen gestellt werden. Deshalb ist eine intensive Planung im Vorfeld einer neuen Ausstellung, eines baulichen Um- oder Neubaus sinnvoll und notwendig. Nur wenn möglichst heterogene Beratergruppen zustande kommen, können - so glaube ich - möglichst wahlfreier Zugang zu einem Museum und möglichst gerechte Verteilung der Museumsressourcen wie Personal oder Finanzen gewährleistet werden.

Deshalb bin ich froh über einen Masterstudienplatz für das Wintersemester 2013/2014 für "Museumsmanagement und -kommunikation" an der Hochschule für Technik und Wirtschaft in Berlin, wo ich dieses Thema weiterverfolgen und vertiefen kann.

Abschließende Gedanken

Meine vier Jahre an der Carl-Strehl-Schule und auch der blista haben mich für mein Studium gut gewappnet. Es sind zwei Dinge, die aus meiner Sicht für die Bewältigung zukünftiger Aufgaben entscheidend sind, quasi als Universalwerkzeuge. Zum einen sollte man die eigenen Hilfsmittel schnell und effektiv einsetzen können. Zum anderen braucht man ein hohes Maß an Eigeninitiative. Hier hätte ich mir noch mehr Impulse von Seiten der Schule gewünscht. Zum Beispiel durch Angebote oder Projekte während der Oberstufe, die zu dieser Eigeninitiative inspirieren und kreative Lösungen und Zeitmanagement fördern. So könnte der Übergang zwischen Schule und Universität vielleicht etwas weicher gestaltet werden. Denn einen universellen Weg zum und während eines Studiums gibt es nicht, dazu sind die Fähigkeiten, Bedürfnisse, Wünsche, Sehbehinderungen jedes Einzelnen zu verschieden und die Hochschullandschaft zu vielfältig.

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