Karsten Warnke und Christina Muth: Barrierefreie IT für inklusives Arbeiten!

Das Projekt BITi — eine Zwischenbilanz

Wer am Arbeitsplatz nur mit spezieller Technik einen PC nutzen kann, weiß, wie belastend es ist, wenn der Screenreader oder die Vergrößerung mal wieder "zickt", die Arbeit nicht erledigt werden kann und sich Stress breit macht. Oft sind IT-Barrieren die Ursache dafür, wenn nach einem Update oder der Einführung einer neuen Software Arbeitsabläufe geändert oder mehr Assistenz erforderlich werden.

Kompetenzzentren für barrierefreie IT könnten auf Dauer gewährleisten, dass Informations- und Kommunikationstechniken in Arbeitsstätten im Sinne des Behindertengleichstellungsgesetzes "in der allgemein üblichen Weise, ohne besondere Erschwernis und grundsätzlich ohne fremde Hilfe zugänglich und nutzbar sind". Ein weiteres Mittel, dies sicherzustellen wäre, bereits bei der Ausschreibung, Beschaffung, Planung und Entwicklung mit Hilfe von modernen Testverfahren die Barrierefreiheit der IT im Sinne der UN-Behindertenrechtskonvention (UN-BRK) inklusiv zu gewährleisten. Und schließlich sollten alle am Prozess der barrierefreien IT Beteiligten nicht nur für diese betriebliche Querschnittsaufgabe sensibilisiert, sondern auch qualifiziert sein.

Dieser komplexen Aufgabenstellung hat sich das Team des DVBS-Projektes "Barrierefreie IT für inklusives Arbeiten" (BITi) im Auftrag des Bundesministeriums für Arbeit und Soziales angenommen. Inzwischen kann eine erste Zwischenbilanz gezogen werden:

Kompetenzzentren für barrierefreie IT

Bis heute haben sieben Projektpartner eine Kooperationsvereinbarung mit dem DVBS abgeschlossen, mit dem Ziel, durch Unterstützung von BITi Kompetenzzentren für barrierefreie IT aufzubauen. "Schnell ist unseren Partnern bewusst geworden, welche großen Vorteile es mit sich bringt, unser umfassendes Qualifizierungsangebot zu nutzen und der Wissensdurst aller Beteiligten ist hoch", stellt Wolfgang Haase fest, der im Projekt die Fortbildungsangebote koordiniert. "Abhängig vom vorhandenen Wissen wird für jedes Kompetenzzentrum ein bedarfsgerechtes Qualifizierungsprogramm entwickelt", beschreibt Wolfgang Haase den Prozess. Spezielle Workshops richten sich an unterschiedliche Zielgruppen wie z.B. an Expert/innen, die die barrierefreie Gestaltung von Webinhalten, Anwendungssoftware und PDF-Dokumenten sicherstellen sollen.

Bis Ende März hatten an Onlineworkshops 82 und an Präsenzworkshops 292 Personen teilgenommen. Bei den Präsenzworkshops besuchten 180 Teilnehmende Sensibilisierungs-Workshops, 21 Entwicklerworkshops und 61 PDF-Workshops. Mit dem Thema Barrierefreiheit in IT-Projekten befassten sich im Rahmen von Workshops 30 Personen. Bisher wurden sechs BITV-Prüfer/inen (BITV: Barrierefreie Informationstechnik-Verordnung) erfolgreich qualifiziert, weitere befinden sich noch in der Ausbildung. Drei Experten für die Entwicklung barrierefreier IT wurden in Hospitationen bestätigt, 22 Multiple-Choice Tests erfolgreich absolviert.

Sozialwissenschaftliche Erhebungen

Das Thema "barrierefreie IT" wird im Projekt auf drei Ebenen untersucht: Befragungen, Dokumenten-Analysen und Fallanalysen, erklärt Herbert Rüb, der für diesen Teil des Projekts verantwortlich ist. Befragt wurden blinde und sehbehinderte Beschäftigte, Vorgesetzte und Mitglieder von Schwerbehindertenvertretungen. Zudem wurden mehr als 100 Akten zu Problemen an Arbeitsplätzen gesichtet, die von Integrationsämtern zur Verfügung gestellt wurden. "Allen Befragten begegnen unterschiedliche Barrieren von Software", fasst Herbert Rüb die ersten Ergebnisse zusammen. "Die größten Schwierigkeiten bereiten Betroffenen in Behörden entwickelte Programme, bei denen die Barrierefreiheit nicht bedacht wurde." Häufig käme es zu Orientierungs- und Navigationsproblemen auf den grafischen Programmoberflächen.

Im Rahmen der Befragung von DVBS-Mitgliedern konnte eine Vielzahl von Anwendungsproblemen im Zusammenspiel von Anwendungssoftware und Hilfsmitteln identifiziert werden, die bei der täglichen Arbeit zu teilweise erheblichen Schwierigkeiten oder zu einem erhöhten Bedarf an Arbeitsplatzassistenz führen. Die Interviewten benannten insgesamt 95 Anwendungsprobleme, die sich auf 11 Anwendungsgruppen verteilen. Exemplarisch sollen nun auf der Grundlage von Fallstudien konkrete Handlungsempfehlungen für die Optimierung in Abstimmung mit Integrationsämtern entwickelt werden.

Viele der Befragten befürchten zunehmende Schwierigkeiten an Blinden- und Sehbehindertenarbeitsplätzen. Durch IT-Barrieren würde viel Zeit verloren gehen, die die Beschäftigten sinnvoller nutzen könnten, so ein Fazit der Erhebungen.

Entwicklung von Testverfahren

Seit Jahren gibt es den BITV-Test, mit dem der Grad der Barrierefreiheit von Webinhalten geprüft werden kann und der von der BIK-Beratungsstelle des DVBS angeboten wird. Seit langem wird ein vergleichbares Instrument auch zur Prüfung für nicht webbasierte und komplexe Anwendungssoftware gefordert. Bereits bestehende Testmöglichkeiten, wie die IBM-Checkliste, sind unzureichend. "Der Grund hierfür ist, dass mit der IBM-Checkliste nicht alle Aspekte der Barrierefreiheit geprüft werden können", erläutert BITi-Chefentwickler Detlef Girke. Außerdem sei sie auch nicht auf mobile Apps anwendbar. Alternativ können auch nicht die Web Content Accessibility Guidelines (WCAG) herangezogen werden, so Detlef Girke, "weil auf der WCAG-Basis nur mit einem nicht vertretbaren Interpretationsaufwand und dann auch nur eine unvollständige Prüfung möglich ist".

Bei der Untersuchung von unterschiedlichen Normen, Richtlinien und Prüfinstrumenten durch das BITi-Testteam hat sich gezeigt, dass sich die Kriterien der EN ISO 9241, Teil 171 ("Ergonomie der Mensch-System-Interaktion — Teil Leitlinien für die Zugänglichkeit von Software") wie auch der EN 301 549 (Accessibility requirements suitable for public procurement of ICT products and services in Europe) besonders gut als Grundlage für die Entwicklung eines Testverfahrens eignen. "Vorteilhaft ist aus unserer Sicht, dass die EN ISO 9241 als Teil der Bildschirmarbeitsverordnung nicht nur ein internationaler Standard zur Bewertung der Benutzerfreundlichkeit ist, sondern deren Einhaltung für Arbeitgeber rechtlich bindend ist", stellt Projektleiter Karsten Warnke fest. Die Norm enthält bereits detaillierte Prüfanweisungen, die ähnlich der Systematik des BITV-Tests aufbereitet werden können. Die Testentwicklung wird von einem Kreis von Expert/innen begleitet, die über umfassende Kenntnisse und Erfahrungen aus der Prüfpraxis, der Software-, der Test- und der Screenreaderentwicklung verfügen.

Ein weiteres Entwicklungsvorhaben bezieht sich auf die Prüfung von PDF-Dokumenten. Das alte PDF-Prüfverfahren im Rahmen des BITV-Tests stützt sich fast ausschließlich auf die kommerzielle Software Adobe Acrobat Pro. Außerdem können damit z. B. keine Formulare, Audio- und Videoanteile geprüft werden. "Wir sind zu der Erkenntnis gelangt, dass der von der PDF-Association initiierte PDF /UA-Standard auf der Grundlage der DIN ISO 14289-1 und der Prüfkatalog "Matterhorn Protokoll" eine hervorragende Basis für die Entwicklung eines zeitgemäßen umfassenden PDF-Testverfahrens darstellen", erläutert Detlef Girke. In enger Abstimmung mit Expert/innen der PDF-Association, der der DVBS als Mitglied beigetreten ist, wird das PDF-Testverfahren entwickelt.

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