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Ich begrüße Herrn Hirsch: Welche Anstrengungen unternehmen Werkstätten für behinderte Menschen? Ist nach der Berufsbildung Schluss mit Möglichkeiten der Weiterbildung? Sie fordern die Loslösung der Eingliederungshilfe von Einrichtungen. Was versprechen Sie sich davon?
Vor einiger Zeit habe ich eine Besuchergruppe durch eine unserer Werkstätten geführt. Nachdem wir uns über die Eingliederungsplanung, die Interessenvertretung, die Möglichkeiten der beruflichen Bildung und Förderung informiert hatten, wurden wir von dem Werkstattrat durch die verschiedenen Arbeitsbereiche geführt. Aus der Gruppe heraus fragte mich eine Dame, wie wir denn die Menschen mit geistigen Behinderungen, körperlichen Beeinträchtigungen und psychischen Erkrankungen nennen würden, die innerhalb der Werkstatt tätig sind? Etwas irritiert bat ich daraufhin diese Dame, die Frage nochmals an einen Beschäftigten mit Down Syndrom selbst zu richten. Dessen Antwort, meine Damen und Herren, war prompt: Ich? Aber ich bin doch Schreiner!
Ich frage Sie, ist das nicht ein beeindruckendes Beispiel von Selbstwert, Selbstvertrauen und Selbstsicherheit? Sind es nicht gerade diese Aspekte, die Menschen zu Persönlichkeiten machen. Persönlichkeiten, die stark genug sind, sich trotz eines Handicaps jeden Tag den Herausforderungen und Belastungen der Arbeitswelt zu stellen.
Deshalb freue ich mich, dass ich Ihnen heute hier die Normalität der 260.000 behinderten Menschen aufzeigen kann, die in unseren Werkstätten beschäftigt sind. Selbst wenn Sie das vielleicht bislang nicht so gesehen haben. In den 2000 Werkstätten in Deutschland finden Sie keine andere Arbeitswelt als die, die Sie alle tagtäglich in Ihrem Umfeld, in den Erwerbsbetrieben erleben. Die Arbeiten und Arbeitsangebote unterscheiden sich nicht von denen des sogenannten allgemeinen Arbeitsmarkts.
Wir arbeiten mit den gleichen Werkzeugen!
Wir "be-arbeiten" die gleichen Werkstoffe!
Arbeitsschutz, Unfallverhütung, Hygienevorschriften. Die Schlingpflanzen aus dem Dschungel der arbeitsschutzrechtlichen Verordnungen müssen auch von den behinderten Mitarbeitern beachtet werden. Mitarbeitervertretung, Fort- und Weiterbildung Jobrotation und Arbeitsplatzanalyse fordern unsere Beschäftigten ebenso heraus, wie jede andere Belegschaft.
Und doch gibt es Unterschiede! Unterschiede in der Art und Weise, wie wir die behinderten Menschen für ihre Arbeit anleiten. Unterschiede in der Organisation von berufsfördernden und berufsbildenden Angeboten. Unterschiede in der Bewertung dessen, was als erfolgreich anzusehen ist: Arbeitsleistung oder Entwicklung der Persönlichkeit.
Sie fragen nach Fort- und Weiterbildung in unseren Werkstätten. Im Jahr 2005 gab es nach Auskunft der Bundesagentur für Arbeit rund 17.885 neue Teilnehmer im Berufsbildungsbereich. Zum Vergleich: Laut Statistischen Bundesamt begannen 14.060 neue Azubis im Öffentlichen Dienst ihre berufliche Qualifizierung. Während der Öffentliche Dienst für seine gesellschaftliche Verantwortung gelobt wird, wird den Teilnehmern im Berufsbildungsbereich noch immer ein qualifizierter Abschluss verwehrt. Und das obwohl sie durch Meister, durch Gesellen mit Ausbildereignungsprüfung, durch Fachkräfte mit 800-stündiger sonderpädagogischer Zusatzqualifizierung, durch Sozialpädagogen und nach Rahmenlehrplänen unterrichtet werden. Wir fordern deshalb die Aufhebung dieser strukturellen Diskriminierung aufgrund der Art oder Schwere der Behinderung. Auch das ist für uns eine Selbstverständlichkeit. Was weniger selbstverständlich ist, davon können Sie sich auf unseren Internetseiten überzeugen. Dort finden Sie Lehr- und Lernmaterialen aus Werkstätten für alle Bereichen und Belange der täglichen Arbeit. Bis gestern Abend sind aus dieser Datenbank 398.669 Dokumente abgefragt worden. Ich lade Sie ein, sich auf unserer jährlichen Werkstätten:Messe in Nürnberg praktisch davon zu überzeugen, wie reichhaltig das Angebot an berufsbildenden Maßnahmen ist.
Herr Hüppe selbst hat sich im vergangenen Jahr ein Bild davon machen können, warum wir sicher sind, dass auch schwerst-mehrfachbehinderte Menschen berufliche Fertigkeiten entwickeln können. Eine Entwicklung übrigens, die ihnen nicht einmal engste Angehörige zugetraut hätten. Auch für die heute so fokussierten Übergänge auf den allgemeinen Arbeitsmarkt qualifizieren unsere Werkstätten. Die Palette ist dabei so bunt, wie die Angebote der Regelausbildung. Leider ist es aber nicht immer gestattet, die Maßnahmen auch außer Haus in Erwerbsbetrieben zu organisieren. Das hängt dann von der Zustimmung der zuständigen Arbeitsagentur ab.
Und dann sind da noch die dauerhaft ausgelagerten Arbeitsplätze in Erwerbsbetrieben. 3.500 behinderte Menschen sind derzeit darauf beschäftigt. Jedoch gibt es trotz unserer Forderungen hierfür noch immer keine Rechtsgrundlage. So gibt es viele Ecken und Kanten. Ich habe Sie Ihnen in einer Stellungnahme zusammengefasst, die Ihnen Herr Hüppe im Nachgang der Veranstaltung übersenden wird. Diese zu schleifen, zu glätten und im Sinne behinderter Menschen gangbar zu machen, das verstehen wir unter Zukunft der Arbeit.
Das, sehr verehrte Damen und Herren, sind angepasste und bedarfsgerechte Voraussetzungen für die Teilhabe eines Bevölkerungsteils, der wahrscheinlich zeitlebens nicht aus eigener Kraft seinen Lebensunterhalt alleine bestreiten kann. Das sind die Leistungen, die in einer Werkstatt erbracht werden, um Übergange in Erwerbsbetriebe zu realisieren: Beistand, Unterstützung, Persönlichkeitsförderung.
Deshalb meine Damen und Herren ist es falsch, ausschließlich den ersten Arbeitsmarkt heilig zu sprechen. Es ist falsch eine arbeitsmarktpolitische Diskussion zu führen und einen zweiten vielleicht sogar dritten Arbeitsmarkt inklusive unserer Werkstätten zu negieren. Zu viele Menschen haben schon heute auf dem sogenannten allgemeinen Arbeitsmarkt keine Chance. Jugendliche ohne Schulabschluss, Geringqualifizierte, Langzeitarbeitslose. Es ist falsch, diesen Menschen das Angebot unserer Werkstätten vorzuenthalten, weil Politik und Verwaltung nur Schwarz oder Weiß kennen. Weil es nur Entweder Oder geben darf.
Unsere Gesellschaft braucht kreative Lösungen. Wir brauchen eine bunte Arbeitsmarktpolitik. Einigkeit in Vielfalt. Unsere Werkstätten voll von solch bunter Vielfalt. Unser Ziel heißt: Gleichberechtigte Teilhabe für alle Menschen in diesem Land. Dazu braucht es die Kraft aller Beteiligten.
Deshalb bitte ich Sie - nein ich fordere Sie auf - setzten Sie sich dafür ein, damit in unserem Land Werkstätten weiterhin ihren Anteil an der Teilhabe am Arbeitsleben erbringen können. Helfen Sie mit, eine Arbeitsmarktpolitik zu gestalten, die auch diejenigen nicht vergisst, die nicht, noch nicht, oder noch nicht wieder von der Erwerbswirtschaft gebraucht werden, aber trotzdem lernen und arbeiten wollen. Denn Schreiner sind auch in einer Werkstatt für behinderte Menschen glücklich.
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